Otto von Zwiedineck-Südenhorst, um 1915, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 856.

Otto Wilhelm Helmut Zwiedineck Edler von Südenhorst (gen. Zwiedineck-Südenhorst)

Nationalökonom, Wirtschaftswissenschaftler, * 24. Februar 1871 Graz, † 6. August 1957 Graz, kath., ∞ 1909 Emma Cloeter, 1 Tochter.

Otto Zwiedineck-Südenhorst, Sohn eines Historikers, besuchte das Gymnasium in Graz und studierte nach dem Militärdienst bei der österreichischen Artillerie Jura an den Universitäten in Graz, Heidelberg und Leipzig. Nach den juristischen Staatsprüfungen und der Promotion arbeitete er zunächst als Konzipient der Handels- und Gewerbekammer in Graz und Wien und anschließend für das österreichische Innenministerium. 1901 habilitierte sich Zwiedineck-Südenhorst als Privatdozent für Staatswissenschaften an der Universität Wien.

Bereits im Folgejahr wechselte er an die Technische Hochschule (TH) Karlsruhe, wo er außerordentlicher und 1903 ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre, Finanzwissenschaft und Sozialpolitik wurde. Im Studienjahr 1912/13 amtierte er als Rektor. Als begeisterter Cellist gab Zwiedineck-Südenhorst in seiner Karlsruher Zeit mehrere öffentliche Konzerte. Im Ersten Weltkrieg leistete Zwiedineck-Südenhorst ab Mai 1915 Kriegsdienst als Adjutant der Landwehr beim 3. Landsturm-Infanterie-Ersatz-Bataillon Mosbach sowie von Oktober 1915 bis November 1916 als Oberleutnant der Presseverwaltung in Lodz.

1920 ging Zwiedineck-Südenhorst als Ordinarius nach Breslau. Nach nur einem Jahr folgte er einem Ruf der Universität München auf den Lehrstuhl für Nationalökonomie, den zuvor Max Weber innegehabt hatte. Trotz eines zweimaligen Rufes an die Universität Wien blieb Zwiedineck-Südenhorst der Universität München bis zu seiner Emeritierung 1938 treu. Nach Kriegsende kehrte er an diese zurück und fungierte darüber hinaus als Leiter der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in München.

Zwiedineck-Südenhorst gehörte zu den angesehensten Nationalökonomen seiner Zeit. Er machte sich besonders durch seine Forschungen zur Preis-, Konjunktur- und Kapitaltheorie einen Namen. Hervorzuheben ist dabei sein Gesetz der zeitlichen Einkommensfolge, mit dem er Konjunkturschwankungen aus dem Phänomen erklärte, dass in einer bestimmten Periode gekaufte Konsumgüter nicht vom Arbeitslohn dieser Periode erworben werden, sondern von dem aus verschiedenen Wirtschaftsperioden. In dieser Hinsicht lieferte er auch wichtige Beiträge zur Sozial- und Lohnpolitik.

Für seine wissenschaftliche Arbeit bekam Zwiedineck-Südenhorst zahlreiche Auszeichnungen: In Karlsruhe den Titel eines geheimen Hofrats, die Ehrendoktorwürden der TH Karlsruhe (1925) und der TH Nürnberg (1951) sowie die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft und die Ehrenbürgerwürde der Universität München. 1940 wurde Zwiedineck-Südenhorst zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München und zum Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Er war Mitglied der Royal Statistical Society London und Ehrenmitglied des Internationalen Statistischen Instituts Den Haag. 1953 erhielt er das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

René Gilbert 2015

Quellen

KIT-Archiv 28002/530; GLA 456 E/14854.

Werk

Lohnpolitik und Lohntheorie, Habil.-Schrift Wien 1900; Arbeiterschutz und Arbeiterversicherung, Leipzig 1905 (= Aus Natur und Geisteswelt Bd. 78); Über Gebürtigkeit und Wanderungen in Baden, in: Festgaben für Friedrich Julius Neumann zur siebenzigsten Wiederkehr seines Geburtstages, Tübingen 1905, S. 49-76; Sozialpolitik, Leipzig 1911; Kritische Beiträge zur Grundrentenlehre, in: Festschrift zur Feier des 54. Geburtstages Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Friedrich II., Bd. 54, Tübingen 1911; Verfassung und Wirtschaftspolitik. Festrede, gehalten von dem Rektor des Jahres 1912/1913, in: Feier der Großherzoglichen Technischen Hochschule Fridericiana bei Übergabe des Rektorates am 30. November 1912, Karlsruhe 1912, S. 31-57; Allgemeine Volkswirtschaftslehre, Berlin 1932 (= Enzyklopädie der Rechts- und Staatswissenschaft – Abteilung Staatswissenschaft Bd. 33); Mensch und Wirtschaft, Aufsätze und Abhandlungen zur Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik, Berlin 1955; Mensch und Gesellschaft. Beiträge zur Sozialpolitik und zu sozialen Fragen, aus dem Nachlass Otto von Zwiedineck-Südenhorst hrsg. und bearb. von Otto Neuloh, Bd. 1, Berlin 1961.

Literatur

Oskar Anderson: Otto Von Zwiedineck-Südenhorst, 1871-1957, in: Revue de l'Institut International de Statistique / Review of the International Statistical Institute 25 1/3 (1957), S. 182-184; Wilhelm Weber: Otto von Zwiedineck-Südenhorst † 6.8.1957, in: Zeitschrift für Nationalökonomie 17/4 (1958), S. 389-392.