Hauptfriedhof, Ansicht von Südwesten, um 1876, Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 118/15.
Luftaufnahme des Hauptfriedhofs, 1923, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIVa 682 (Foto: Firma Strähle KG, Schorndorf).

Hauptfriedhof

Der 1780 auf dem Lohfeld südöstlich der Durlacher Chaussee angelegte Alte Friedhof erwies sich bereits in den 1860er-Jahren als zu klein. 1872/73 erwarb die Stadt durch Zwangsverkauf ein rund 14 Hektar großes Gelände auf Rintheimer Gemarkung, von dem zunächst nur ein Viertel als Friedhof angelegt wurde. Ein im Juli 1873 von der Stadt ausgeschriebener Wettbewerb für die erforderlichen Friedhofsbauten (Wohnpavillons für Friedhofsgärtner und -inspektor, Gruftenhallen für 80-90 Grabstätten, Haupteingangsportal, Kapelle mit Sakristei, Leichenhaus), an dem sich nur die Architekten Josef Durm, Heinrich Lang und Gustav Ziegler beteiligten, brachte keine Entscheidung.

Kurz darauf beauftragte die Stadt Durm mit der Ausarbeitung eines neuen Plans. Der im März 1874 vorgelegte und auch zur Ausführung gelangte Entwurf zeichnete sich durch eine strenge neorenaissancistische Architektur aus, die dem würdevollen, ernsthaften Charakter eines Friedhofs entspricht. Schlichte Pavillonbauten flankieren die Zufahrtsstraße und führen den Besucher direkt auf den Haupteingang zu, der den Typus des römischen Triumphbogens aufgreift. Dieser ist zugleich Teil der Gruftenhalle, die nach Art eines Campo Santo gestaltet ist.

In achsialer Verlängerung zum Haupteingang erhebt sich auf der gegenüberliegenden Seite der Halle die Kapelle, deren Stirnseite Form- und Stilprinzipien der Renaissance mit dem zentralen nordischen Motiv des Radfensters kombiniert. Das Leichenhaus schließt mit der Längsseite an die Kapelle an und ist über zwei Gänge mit dieser verbunden, so dass ein zweiter kleiner Hof entsteht. Das eigentliche Gräberfeld, das sich seitlich und hinter dem Gebäudeensemble erstreckt, wurde nach Vorbild des Englischen Gartens als Parklandschaft mit unregelmäßigen Feldergruppen und gewundenen Haupt- und Seitenwegen angelegt und von einer Mauer umschlossen. Auch wenn der Hauptfriedhof erst im Herbst 1876 fertig gestellt und feierlich eingeweiht wurde, fanden ab November 1874 Bestattungen statt.

Der Hauptfriedhof zählte nicht nur zu den ersten Parkfriedhöfen in Deutschland, sondern war in Süddeutschland überhaupt der erste seiner Art. Die Konzeption der Anlage wurde in der Folgezeit für zahlreiche deutsche Friedhöfe mustergültig. Da er erstmals über eine Leichenhalle verfügte, wurde das Bestattungswesen 1892 dahingehend geändert, dass Verstorbene innerhalb von 36 Stunden mit dem Leichenwagen in die Leichenhalle zu bringen waren.

1904 wurde die Begräbnisstätte nach Südwesten erweitert und nach Plänen von August Stürzenacker mit einem der ersten Krematorien in Deutschland versehen. Als Folge des Ersten Weltkriegs entstand zwischen 1915-1930 nach Plänen und Modellen von Max Laeuger (Gartenarchitektur) und Hermann Binz (Denkmal) südöstlich des Krematoriums ein Ehrenfriedhof und Gefallenendenkmal der Stadt. Weitere Ehrenmale für Gefallene und Zivilopfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs folgten. Neben historisch bedeutenden Persönlichkeiten des Widerstands wie Reinhold Frank und Ludwig Marum, die mit besonderen Gedenkstätten geehrt werden, fanden bis heute zahlreiche bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur hier ihre letzte Ruhestätte.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Hauptfriedhof nach Westen und Osten erweitert. Im Nordwesten des Areals nahm 1998 eine der modernsten Einäscherungsanlagen Deutschlands den Betrieb auf. Das von Stürzenacker im Stil einer romanischen Kapelle erbaute Krematorium dient seit 2002 als kleine Kapelle für Trauerfeiern. Bis 2005 wurden der gesamte Eingangsbereich einschließlich der Gruftenhalle renoviert, der Friedhofsvorplatz neu gestaltet, die Verwaltungsgebäude erweitert und das Info-Center im ehemaligen, von Friedrich Beichel im Jugendstil entworfenen Wartehäuschen der Straßenbahn eingerichtet. Das 2002 eröffnete Info-Center wird vom Verein zur Pflege der Friedhofs- und Bestattungskultur getragen, einer Interessengemeinschaft von Stadt und im Bestattungswesen tätigen Unternehmern, deren Ziel eine zeitgemäße Weiterentwicklung der Friedhofs- und Bestattungskultur darstellt.

Katja Förster 2012

Literatur

Karl Zahn: Gräber, Grüfte, Trauerstätten. Die Geschichte des Karlsruher Hauptfriedhofs, Karlsruhe 2001 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 24); Josef Durm: Der neue Friedhof in Carlsruhe, in: Zeitschrift für Bauwesen, 30. Jg., Berlin 1880, Sp. 3-12 und Atlas, Bl. 1-9; Ulrike Grammbitter: Josef Durm 1837-1919. Eine Einführung in das architektonische Werk, [Diss. Univ. Heidelberg, 1982], München 1984, S. 351-358; Katja Förster: Josef Durm, Karlsruhe 2012, S. 41-45 (= Karlsruher Köpfe. Schriftenreihe des Stadtarchivs Karlsruhe, Bd. 1); http://www.friedhof-karlsruhe.de (Zugriff am 28. Oktober 2015).