Kaiserstraße mit Technischer Hochschule und dem Stammhaus der Brauerei Hoepfner, um 1895, Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 8/42b.
Blick vom Marktplatz nach Osten, um 1965, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIIIb 314.
Foto: Roland Feitenhansl 2012.

Kaiserstraße

Die Kaiserstraße hieß bis 1879 Lange Straße. Sie verläuft entlang eines alten Verbindungsweges von Durlach nach Mühlburg und war in den Anfangsjahren der Stadt die südliche Stadtgrenze. Anlässlich der Goldenen Hochzeit von Kaiser Wilhelm I. (1797-1888) und der Kaiserin Augusta (1811-1890) wurde die Lange Straße auf Wunsch zahlreicher Einwohner von Karlsruhe in Kaiserstraße umbenannt. Die Straße war von Anfang an die Lebensader der barocken Planstadt Karlsruhe. Sie beginnt im Osten am Durlacher Tor und führt über den Marktplatz, wo die auf das Schloss bezogene Nord-Süd-Achse gekreuzt wird, bis zum Mühlburger Tor. Die Verlängerung Richtung Mühlburg bildet die Kaiserallee.

Der östlichste Bereich zwischen Durlacher Tor und Waldhornstraße liegt außerhalb des Strahlenfächers, der Keimzelle Karlsruhes. Dennoch wurde er als Teil des Weges zur alten Residenz Durlach ebenfalls von Anfang an bebaut. Hier stehen auch noch zwei der sechs erhaltenen Gebäude aus der Gründungszeit Karlsruhes, die Häuser Nr. 45 und 47 (Seilerei). Sie sind in den 1720er-Jahren entstanden. Entsprechend der Bauvorschriften von 1715 und 1752 bot sich bis ins 19. Jahrhundert ein recht einheitliches Bild von ein-, später zweigeschossigen, traufständigen Wohnhäusern, vereinzelt auch mit Geschäften oder Wirtshäusern. Ausnahmen bildeten das Polytechnikum (heute Hauptgebäude Karlsruher Institut für Technologie, KIT, Campus Süd, Nr. 12), 1833-1836 erbaut von Heinrich Hübsch, das ehemalige Zeughaus (Nr. 4 bis 8), 1779 erbaut von Wilhelm Jeremias Müller, und die heute nicht mehr existierende Infanteriekaserne, 1805- 1807 von Friedrich Weinbrenner errichtet. Danach setzten sich besonders im zentralen Abschnitt dieser nunmehr zur Hauptgeschäftsstraße gewordenen Stadtachse während der Gründerzeit bis zu fünfgeschossige Wohn- und Geschäftshäuser im historistischen Kleid durch, vorwiegend im Stil der Neorenaissance. Ab etwa 1900 kamen weitere Großbauten im Neubarock (Reichspost-Telegraphengebäude, heute Post Galerie am Europaplatz, 1901 von Wilhelm Walter, dem Baumeister des Reichspostamtes in Berlin, Nr. 217), Jugendstil (Hofapotheke, 1901 von Hermann Billing, Nr. 201) und Neoklassizismus (Warenhaus Knopf, heute Karstadt, 1914 von Wilhelm Kreis, Nr. 147, Deutsche Bank, 1923 von Arthur Pfeifer und Hans Großmann, Nr. 90) hinzu.

Im Zweiten Weltkrieg wurden im Bereich des Kronenplatzes, besonders aber im westlichen Abschnitt zwischen Marktplatz und Waldstraße viele Häuser total zerstört. Entsprechend hoch ist hier der Anteil der Bauten aus der Nachkriegszeit. Beim Wiederaufbau auf der Südseite wurde gemäß des Bebauungsplans von 1949 durch Zurücknahme der Bauflucht oberhalb der Ladenzone der Straßenraum um sechs Meter verbreitert. Dadurch konnte die Geschosszahl erhöht werden, ohne den Lichteinfall in die Straße zu vermindern, dies besonders zwischen Ritterstraße und Waldstraße. Auf der Nordseite erhielten die wieder aufgebauten Bereiche am Marktplatz und Europaplatz moderne Kolonnaden als verbreiterte Flanierzonen für die Fußgänger. 1974-1984 entstand zwischen Kronenplatz und Douglasstraße die Fußgängerzone. Damit konnte die Straße auch zum ersten Mal mit Bäumen bepflanzt werden. Der verbliebene Fahrzeugverkehr in diesem Bereich, nämlich die seit 1900 verkehrende elektrische Straßenbahn (zuvor seit 1877 Pferdebahn), wird ab 2019/20 (geplant) als U-Strab in einem Tunnel geführt werden, um die Aufenthaltsqualität für Fußgänger zu steigern.

Herausragende Einzelbauten sind neben den bereits genannten die Kleine Kirche, 1776 von Wilhelm Jeremias Müller im frühklassizistischen Stil (Nr. 131), das 2011 fertig gestellte Kaiserkarree vom Büro Lederer, Ragnarsdóttir und Oei, welches das erst 1956 von Erich Schelling erbaute Volksbank-Gebäude ersetzt (Nr. 72-74), das 1952 wieder aufgebaute Karstadt Sport-Kaufhaus (vormals Kaufhaus Tietz, Union und Hertie, Nr. 92) und das Geschäftshaus Kaiserstraße Nr. 144 (früher Moninger-Hauptausschank und Amerika-Haus), 1910 in einer Mischung aus Historismus und Jugendstil erbaut von Hermann Walder und Friedrich Rauschenberg.

Roland Feitenhansl 2015

Literatur

Edmund Sander: Karlsruhe. Einst und Jetzt in Wort und Bild, Karlsruhe 1911, S. 112-123; Manfred Koch: Trümmerstadt – Residenz des Rechts – Zentrum der Technologieregion. Wechselvoller Weg in die Gegenwart, in: Susanne Asche/Ernst Otto Bräunche/Manfred Koch/Heinz Schmitt/Christina Wagner: Karlsruhe. Die Stadtgeschichte, Karlsruhe 1998, S. 519-673; Holger Reimers/Gerhard Kabierske/Georg Matzka: Ein Karlsruher Modellhaus von 1723 – Das Seilerhäuschen, Karlsruhe 2001 (= Häuser- und Baugeschichte. Schriftenreihe des Stadtarchivs Karlsruhe Bd. 2); Erich Lacker: Zielort Karlsruhe. Die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg, 2. Aufl. Karlsruhe 2005 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 18); Bernhard J. Lattner/Roland Feitenhansl: Stille Zeitzeugen. 900 Jahre Karlsruher Architektur, Karlsruhe 2007.