Nationalliberale Partei
In Baden waren die Nationalliberalen mit dem Beginn der Neuen Ära, in der Großherzog Friedrich I. sie in die Regierung einband, noch keine Partei mit einer organisatorischen Struktur. Erst nach einer Versammlung nationalliberaler Honoratioren am 23. Mai 1869 in Offenburg kam es zur Gründung der Nationalliberalen Partei Badens. Beschlossen wurde die Schaffung einer wirksamen Parteiorganisation unter Vorsitz des Lahrer Landtagsabgeordneten Friedrich Kiefer. In Karlsruhe entstand unter Federführung des Landtagsabgeordneten Rudolf Kusel kurz danach ein nationalliberaler Verein, der rasch starken Zulauf hatte und auch im Umfeld von Karlsruhe aktiv wurde. So kam es zu weiteren Vereinsgründungen unter anderem in Blankenloch und Eggenstein. Auch die Gründung des Mühlburger Vereins im Mai 1870 wurde von Karlsruhe aus mit einem gemeinsamen Bürgerabend unterstützt. Der Bezirksverein Karlsruhe war noch 1869 auf circa 550 Mitglieder angewachsen und war damit zweitgrößter nach Sinsheim mit 1.400. Vorbereitet worden war die Gründung des Karlsruher Zweigvereins durch Bürger-abende. Zum ersten Bürgerabend hatte Rudolf Kusel am 8. März 1863 in die Halle der Brauerei Schuhberg eingeladen. Vor 400 bis 500 Personen betonte Kusel, dass jeder mit einer nationalen und liberalen Gesinnung an den Veranstaltungen teil-nehmen und zu allen gesellschaftlich relevanten Angelegenheiten sich zu Wort melden könne. Beim nächsten Bürgerabend am 3. Juni 1869 kam es dann auf An-trag Kusels zur Gründung des Ortsvereins. Ein wichtiges Motiv der Gründung war, sich gegen Demokraten und Katholische Volkspartei, später Zentrum, zu wen-den. Diese drängten unter anderem auf eine Reform des Wahlrechts, das durch die indirekte Wahl über Wahlmänner die Nationalliberale Partei noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts bevorteilte. In dem neu gebildeten Komitee mit dem Karlsruher Oberbürgermeister Jacob Malsch und Bürgermeister August Günther, den drei Karlsruher Landtagsabgeordneten Eduard Koelle, Rudolf Kusel und Au-gust Nicolai, zwölf Bürgern und sieben staatsbürgerlichen Einwohnern waren nur Personen der Karlsruher Oberschicht vertreten. Dies belegt, dass die Nationallibera-le Partei eine Honoratiorenpartei war und dies auch bis ins 20. Jahrhundert blieb. 1904 zum Beispiel gehörten dem Vorstand des nationalliberalen Vereins Karlsruhe, der zugleich Geschäftsführender Ausschuss der Nationalliberalen Partei Badens war, 35 Mitglieder an, von denen zwölf meist höhere Beamte waren. Darüber hinaus waren fünf Rechtsanwälte, vier Kaufmänner sowie je drei Architekten, Bankiers, Fabrikanten, Handwerker und Privatiers. Die Kommunalpolitik dominierten die Nationalliberalen über viele Jahre. Die drei Oberbürgermeister des Kaiserreichs Wilhelm Lauter, Karl Schnetzler und Karl Siegrist waren alle Mitglieder der Partei. Im Bürgerausschuss und Stadt-rat gaben sie lange den Ton an, wobei dort das Dreiklassenwahlrecht die politische Willensbildung ebenso wie bei den Landtagswahlen nur unzureichend wiedergibt. 1897 war die Zeit, in der ausschließlich Nationalliberale den Wahlkreis im Stän-dehaus und im Reichstag vertraten, allerdings vorbei. Als Landtagsabgeordnete wurden im Kaiserreich gewählt: Gustav Binz 1901-1904, Landolin von Blit-tersdorf 1875-1879, Robert Goldschmit 1901-1904, Jacob Gutmann 1870-1871, Ludwig Händel, Karl Hofmann 1879-1897, Friedrich Kiefer 1879-1894, Edu-ard Koelle, 1869-1870, Robert Koelle 1893-1897, Johann Krämer 1877-1879, Rudolf Kusel, 1869-1870, August Lamey 1878-1892, Heinrich Lang 1871-1878, August Nicolai 1869-1876 und Karl Schnetzler 1895-1897. Bei den Reichstagswahlen 1871 und 1874 unterstützte die Nationalliberale Partei im Wahlkreis Bruchsal-Karlsruhe den Kandidaten der konservativen Deutschen Reichspartei Prinz Wilhelm von Baden. Danach wurden folgende Nationallibera-le gewählt: 1877 August Eisenlohr, 1878 Adolf Freiherr Marschall von Bieber-stein, 1881 Karl August Schneider, 1884 Leopold Arnsperger, 1887 Emil Fie-ser und 1898 Anton Beck. Weitere bekannte Karlsruher Nationalliberale waren: Otto Ammon, Max Boeckh, Elise Brehm, geborene Zimmermann, Karl Desepte, Carl Engler, August Friedrich Fieser; Emil Glaser, Karl von Grimm, Robert Goldschmit, Eberhard Gothein, Jakob Gutman, Adolf Hausrath, Friedrich Hoepfner, Julius August Isaak Jolly, Ludwig Karl Friedrich Käppele, Leopold Kölsch, Wilhelm Lauter 1873/74, Otto Müller, Leopold Dietrich Ernst von Pezold, Ju-lius Neßler, Wilhelm Nokk, Wilhelm Schüssele und Christian Vogel. 1885 übernahm der nationalliberale Verein Karlsruhe bei einer Neuorganisation der Landespartei auch die Organisation des Landesauschusses. Als Vorsitzende las-sen sich Hermann Leichtlin, Robert Goldschmit, Gustav Binz und Edmund Rebmann nachweisen. 1907 war Karlsruhe mit 1.000 Mitgliedern viertgrößter badi-scher Verein weit hinter dem größten in Mannheim mit 3.000. Seit 1911 konnten auch Frauen dem Verein beitreten. Seit dem 24. September 1902 bestand auch ein Jungliberaler Verein, der mit 250 Mitgliedern startete und rasch anwuchs. 1903 wa-ren es schon 600 Mitglieder. 1916 war der Karlsruher Jungliberale Vereine laut Badischer Landeszeitung reichsweit der mitgliederstärkste. Neben der Badischen Landeszeitung, lange die auflagenstärkste nationalliberale Parteizeitung in Karls-ruhe, vertrat auch die Badische Presse nationalliberale Positionen und lief der Landeszeitung nach der Jahrhundertwende bald den Rang ab. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges hatte der nationalliberale Verein noch 848 Mitglieder. Die Vereinstätigkeit ging bis auf die jährlichen Generalversammlun-gen deutlich zurück, gelegentlich wurden Versammlungen oder Vaterländische Abende veranstaltet. Auch die Nationalliberalen traf der Schock der deutschen Nie-derlage im Ersten Weltkrieg und der Revolution 1918/19 unvorbereitet, so dass sie die größte Mühe hatten, sich in den ersten Nachkriegswochen zu orientieren und zu organisieren. Am 1. Dezember beschloss eine von der Nationalliberalen Partei und den Junglibe-ralen einberufene Versammlung im überfüllten Saal der Brauerei Schrempp die Gründung der Badischen Volkspartei. Wenige Tage später, am 10. Dezember 1918, kam es dann aber auf Landesebene doch noch zur Einigung mit den vormals in der Fortschrittlichen Volkspartei organisierten Linksliberalen. Dem von dem Linkslibe-ralen Hermann Hummel geführten Vorstand der badischen Deutschen Demo-kratischen Partei (DDP) gehörten die ehemaligen Nationalliberalen Karl Glock-ner, Hermann Dietrich und Friedrich Sänger an. Der Nationalliberale Verein Karlsruhe löste sich am 7. Februar 1919 auf, das Vereinsvermögen ging an den Deutsch-Demokratischen Verein. Noch im Laufe des Jahres 1919 fanden die badischen und Karlsruher Rechtslibera-len dann aber zur Deutschen Volkspartei (DVP), am 7. November 1919 wurde der Ortsverein der DVP gegründet.
Quellen
Hans-Jürgen Kremer: Das Großherzogtum Baden in der politischen Berichterstattung der preußischen Gesandten 1871-1918, 2. Bde., Stuttgart 1990 und 1992, Bd. 2 (= Veröffentlichungen der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe A, Quellen Bd. 43); Karlsruher Zeitungen 1917-1919, https://digital.blb-karlsruhe.de/topic/view/7864903.
Literatur
Ulrich Tjaden: Liberalismus im katholischen Baden. Geschichte, Organisation und Struktur der Nationalliberalen Partei Badens 1869–1893, Phil. Diss Freiburg 2000, PDF zum Download (Zugriff am 28. Dezember 2024); Handbuch der badischen Ständeversammlung und des badischen Landtags 1819-1933, bearb. von Hans-Peter Becht, Stuttgart 2021 (= Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg).