Südstadt
Mit dem Anschluss an die XYZEisenbahnlinie Mannheim-Basel 1843 erhielt die badische XYZHaupt- und Residenzstadt einen Schub für die XYZIndustrialisierung und die XYZStadterweiterung. So entstanden mit der Verlegung der Eisenbahn allein drei Fabriken in Karlsruhe, die den Maschinenbau etablieren sollten: es waren die XYZKeßlersche Maschinenfabrik, die 1842 die erste badische Lokomotive produzieren sollte, die XYZWaggonfabrik Schmieder & Mayer vor dem XYZEttlinger Tor und die XYZGroßherzoglichen Eisenbahnwerkstätten als Staatsunternehmen vor dem XYZRüppurrer Tor, die beiderseits des von XYZFriedrich Eisenlohr geplanten XYZBahnhofsgebäudes errichtet wurden. Mit diesen drei Unternehmen erwuchs Karlsruhe auch eine neue Schicht von Industriearbeitern, die nicht nur die Sozialstruktur der Stadt, sondern auch ihr bauliches Gesicht verändern sollte, brauchte man doch Wohnungen für die in dem neuen Wirtschaftszweig erforderlichen Arbeitskräfte. Bereits 1847 gab es daher Planungen für eine "Eisenbahnervorstadt", die allerdings durch die badische XYZRevolution von 1848/49 zunächst ins Stocken gerieten und seit etwa 1857 wirklich umgesetzt wurden.
In rasterförmiger Blockrandbebauung entstanden bis 1890 in dem nun Südstadt genannten Stadtteil mehrstöckige Mietshäuser, die immerhin 15.000 Menschen aufnahmen. Erschlossen wurde der neue Stadtteil von der am Ettlinger Tor beginnenden XYZEttlinger Straße, an der das XYZSallenwäldchen lag, aus dem sich seit 1865 der XYZZoologische Stadtgarten entwickeln sollte, im Westen und der am Rüppurrer Tor beginnenden XYZRüppurrer Straße im Osten, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts am 1820 eröffneten Gasthaus Grüner Hof, dem 1828 von XYZHeinrich Hübsch erbauten Landesgestüt, am Schützenhaus des ältesten Karlsruher Vereins, der XYZSchützengesellschaft, und am Stahlbad Augarten mit einer in der Biedermeierzeit beliebten Gartenwirtschaft vorbeiführte.
Bebaut wurde die Südstadt dann jedoch nicht nur mit Wohnhäusern anfangs im spätklassizistischen und nach 1871 im Gründerzeitstil, sondern es ließen sich auch zahlreiche Gewerbebetriebe in dem neuen Stadtteil nieder. Zu Beginn war dies bereits 1854 eine Filiale der Pariser XYZSilberwarenfabrik Christofle, die an der Ettlinger Straße am Eingang der XYZAugartenstraße ein weitläufiges Werk mit Direktorenvilla, Produktionsstätten und einem Arbeiterhaus für seine Beschäftigten errichtete. Die hier hergestellten feinen Silberbestecke und Trinkgefäße sowie Tischgarnituren sollten von der Karlsruher Filiale aus vor allem den osteuropäischen Raum für die Pariser Firma als Absatzmarkt erschließen. Dies gelang immerhin über ein halbes Jahrhundert bis kurz nach dem XYZErsten Weltkrieg, als die Produktion 1921 in Karlsruhe aufgegeben wurde.
Weitere Industriebetriebe entstanden hier südlich der Augartenstraße erst am Ende des 19. Jahrhunderts etwa mit der XYZKupferschmiede Franz Schwarze, deren Firmenansicht auf einem Briefkopf auch einen seltenen Blick aus der Vogelperspektive über die damalige Südstadt vom XYZLauterberg bis zur Rüppurrer Straße bietet, die XYZFurnierfabrik von XYZSixtus Utz mit einer Firmenvilla, die heute noch existiert (Ettlinger Straße 15) und die XYZChemische Waschanstalt und Färberei von Eduard Printz mit einer ebenfalls noch bestehenden Firmenvilla (Ettlinger Straße 67).
Entlang der Rüppurrer Straße ließen sich zunächst Gewerbebetriebe nieder, die beim Aufbau des neuen Stadtteils aber auch für den Bahnbetrieb eine Rolle spielen sollten, so mehrere Ziegeleien und Kohlenhandlungen. An der dem alten Bahnhof nächst gelegenen heutigen XYZBaumeisterstraße (damals Bahnhofstraße), entstanden die ältesten Häuser der Südstadt, darunter eines ebenfalls mit einer Kohlenhandlung, die der Transportunternehmer XYZEugen von Steffelin 1877 übernehmen und hier zu seinem repräsentativen Firmensitz ausbauen sollte. In der Rüppurrer Straße 16 eröffnete der Steinhauermeister Tobias Mürnseer um 1860 einen einschlägigen Gewerbebetrieb. In dessen Hinterhof erbaute sein Enkel Josef 1893 ein Ateliergebäude für Fotografie, das 1920 von XYZHermann Schmeiser übernommen wurde. Nahe dem alten Güterbahnhof wurde 1865 in der XYZWielandtstraße ein Zementwerk der später reichsweit tätigen Baufirma XYZDyckerhoff & Widmann gegründet, auf deren ehemaligen Firmengelände sich seit 1912 die Zuckerwarenfabrik XYZEbersberger & Rees niederließ, die bis in die Nachkriegszweit produzierte. In dessen Nachbarschaft hatte der Architekt XYZKarl Philipp Dyckerhoff 1892 das XYZHauptzollamt errichtet, das erst vor wenigen Jahren in einen Neubau in der XYZPhilipp-Reis-Straße neben dem Telekom-Areal umgezogen ist.
Viele der noch heute als Kulturdenkmäler geschützten Mietshausbauten der Südstadt entstanden in der Zeit des XYZKaiserreichs und prägen das Bild des Stadtteils im Stilgemisch des Historismus bis heute. Die Erschließungsstraßen sind schmal und später überwiegend als Einbahnstraßen ausgewiesen worden. Die XYZWerderstraße wurde allerdings zwischen XYZWilhelm- und XYZMarienstraße verbreitert, so dass sich hier die zentrale Anlage des XYZWerderplatzes für die Südstadt ergab, die auch als XYZMarkt genutzt werden sollte. Zudem wurden in den Erdgeschosszonen der Häuser Ladenlokale eingerichtet. An der Ecke zur Marienstraße wurde 1889/90 die erste Kirche für den Stadtteil errichtet, die evangelische XYZJohanniskirche, die, ursprünglich mit einer Doppelturmfassade geplant, bis heute unvollendet blieb. Ihr gegenüber hatte bereits 1879/80 Ludwig Maisack eine Brauerei erbaut, die 1886 von XYZMax Wolf übernommen und 1897 aufgestockt worden war. Dazwischen entstand 1927 der XYZIndianerbrunnen, der einerseits eine auf dem Platz notwendig gewordene Bedürfnisanstalt kaschieren sollte und andererseits den Südstadtbewohnern ein Denkmal setzte, die spätestens seit 1907 als Südstadtindianer bezeichnet worden waren, als sich eine Gruppe im Fastnachtsumzug entsprechend kostümierte. Erste XYZIndianervereine in der Südstadt bestanden dann schon in der Zwischenkriegszeit. Für den katholischen Bevölkerungsanteil der Südstadt wurde 1890/91 die XYZLiebfrauenkirche an der Marienstraße zwischen Augartenstraße und XYZWinterstraße errichtet. Ebenfalls schon im 19. und an der Wende zum 20. Jahrhundert entstanden mit der XYZUhlandschule in der XYZSchützenstraße und der XYZNebeniusschule in der Nebeniusstraße zwei Schulgebäude für die wachsende Bevölkerung.
Mittlerweile hatte sich der alte Karlsruher Hauptbahnhof mit seinen häufig geschlossenen Bahnübergängen am Rüppurrer und am Ettlinger Tor als innerstädtisches Verkehrshindernis und als Hemmschuh für die Stadtentwicklung erwiesen. Als Interessenvertretung für die Südstadt wurde mit der XYZBürgergesellschaft schon 1888 der erste Bürgerverein in Karlsruhe gegründet, der vehement eine Lösung dafür einforderte. Um die Jahrhundertwende wurde damit begonnen, die Gleisanlagen und den Rangierbahnhof in den Süden der Stadt zu verlegen. Der neue XYZHauptbahnhof konnte nach dort notwendigen umfangreichen Erdarbeiten aber erst 1913 eröffnet werden. Der Ausbau der Südstadt endete nun mit der nach Westen abknickenden Rüppurrer Straße und der XYZStuttgarter Straße vor den neuen Bahnanlagen. An der XYZSybelstraße errichtete der Architekt und Leiter der städtischen XYZHochbauamts XYZFriedrich Beichel 1913 das neue städtische XYZKinder- und Säuglingsheim. In diesem Teil der Südstadt hat aber vor allem der 1897 gegründete XYZMieter- und Bauverein den Wohnungsbau vorangetrieben und baute hier bis in die 1930er-Jahre hinein zahlreiche Mietshäuser. Deren Architekt XYZEmil Brannath plante noch in der Zeit nach der XYZMachtübertragung auf die XYZNationalsozialisten den sogenannten XYZMeidingerblock am alten Bahnhof im Norden des Stadtteils zwischen Baumeister- und XYZKriegsstraße, dessen Torgitter an den Zugängen zum Innenhof in der Gestaltung noch heute die Symbolik der XYZNS- Ideologie widerspiegeln, auch wenn die Hakenkreuze nach dem XYZZweiten Weltkrieg durch Blumenornamente ersetzt wurden. Wenig später entstand der Neubau der XYZOberpostdirektion (heute Verwaltungsgebäude der XYZVolkswohnung) nach dem Entwurf von Hermann Billing als Teil des monumental geplanten XYZEttlinger-Tor-Platzes. An das teilweise noch bestehende Bahnhofsgebäude wurde 1934 eine XYZMarkthalle angebaut, die erst im Zuge der Errichtung des XYZBadischen Staatstheaters auf diesem Platz 1970 abgerissen wurde.
Die XYZBombardierungen im Zweiten Weltkrieg sollten sich dann auch auf die Südstadt verheerend auswirken. Über die Hälfte der Wohnhäuser wurden zerstört, so dass nach dem XYZWiederaufbau in den Straßen nicht mehr das einheitliche Bild der Bebauung der Kaiserzeit vorherrscht, sondern immer wieder durch die schlichten Neubauten der Nachkriegszeit unterbrochen wird. In der Ettlinger Straße veränderte die Nachkriegsarchitektur das Straßenbild am nachhaltigsten auch durch repräsentative Einzelbauten wie etwa das 1964 eröffnete XYZParkhotel (heute Leonardo-Hotel) oder das sogenannte XYZMona-Hochhaus der gleichnamigen Strumpf- und Kleiderfabrik in der Augartenstraße 1. In der Werderstraße entstanden seit 1947 die XYZTonfunk-Werke, die hier bis 1967 Radio- und Fernsehgeräte produzierten und deren Firmengebäude seit 1969 dem XYZVerkehrsmuseum als Domizil dient. In der Rüppurrer Straße wurde anstelle kriegszerstörter Vorgängerbauten am XYZMendelssohnplatz zunächst das Hotel am Theater gebaut, das 1980 durch einen Neubau (heute Achat Plaza) ersetzt wurde. Ein Rest des Landesgestüts von XYZHeinrich Hübsch wurde nach der Jahrtausendwende abgerissen und durch das monumentale XYZScheck-In-Center ersetzt. Dort entstand daneben der nicht minder monumentale Neubau der XYZPSD-Bank mit seinem Rundturm, der heute den Eingang zum XYZCitypark markiert. Weiter südlich wurde das kriegszerstörte ehemalige XYZLehrerseminar II zunächst durch den bis 1954 errichteten Neubau des XYZArbeitsamtes ersetzt, das 40 Jahre später in einen Neubau an der Brauerstraße zog und damit nach dem Abriss des alten Gebäudes Platz für das weiträumige XYZAlten- und Pflegezentrum St. Anna schuf.
Ganz im Süden der Rüppurrer Straße entstand in der Wendeschleife der hier seit 1920 in Betrieb genommenen XYZStraßenbahn der XYZTivoliplatz, der nach einer dort schon Ende des 19. Jahrhunderts aber heute nicht mehr vorhandenen Gaststätte benannt ist, die zudem ein Treffpunkt vieler Südstadtvereine war. Heute wird dort an die Indianervereine mit der Skulptur der drei Pfeile von Bildhauer Norbert Huwer erinnert. In einem modernen Mehrzweckgebäude sind seit 2016 außerdem an diesem Platz neben Studentenwohnungen ein Discounter und zwei Kindergärten für muslimische Kinder und behinderte Vorschulkinder untergebracht. In den 1960er-Jahren wurde die Kriegsstraße zur Stadtautobahn umgebaut, was zu einer erneuten Barriere zwischen XYZInnenstadt und Südstadt führte, die erst in jüngster Zeit mit dem Bau des XYZKaroline-Luise-Tunnels für den Autoverkehr und einer begrünten Stadtbahnlinie und großzügigen Fußgängerwegen und Übergängen größtenteils überwunden wurde.
Der Stadtteil hat sich aber nicht nur in seiner Bausubstanz stetig verändert, sondern auch in der Bevölkerungsstruktur. In der Nachkriegszeit wurde aus der ehemaligen Eisenbahnervorstadt ein multikultureller Hotspot durch den Zuzug von XYZGastarbeitern und Gastarbeiterinnen aber auch von Flüchtlingen und Vertriebenen, die das gesellschaftliche Leben mittlerweile prägen. Ausdruck findet diese Entwicklung etwa in jährlich durchgeführten Festivals aber auch im gastronomischen Angebot des Stadtteils. Ein kultureller Fixpunkt ist das Filmtheater XYZSchauburg in der Marienstraße, das 1929 als Großraumkino aus einem ehemaligen Varietétheater hervorgegangen ist. Die zwei bereits um die Jahrhundertwende gegründeten Sportvereine XYZVfB Südstadt und XYZFC Südstern sowie der 1927 gegründete XYZPostsportverein gingen in der Nachkriegszeit in Großsportvereinen auf, die ihre Spielstätten heute südlich des Bahnhofs an der XYZEttlinger Allee haben. Dafür wurden seit den 1950er-Jahren Hinterhöfe und Grundstücke zwischen den Häuserfronten an der XYZLuisen- und der Augartenstraße zu einem Grünzug verbunden, der mit Spiel- und Sportplätzen ausgebaut und in dem 1986 ein Kinder- und Jugendhaus des XYZStadtjugendausschusses errichtet wurde, das jüngst wegen Baufälligkeit abgerissen wurde aber bald durch einen großzügigen Neubau ersetzt werden soll.
Die größte Bauveränderung im Stadtteil bewirkte dann kurz vor der Jahrtausendwende die Stilllegung des Bundesbahnausbesserungswerks, das nun Platz für ein neues Stadtquartier mit mehrgeschossigen hochwertigen Wohnhausbauten aber auch einer weitläufigen Grünanlage schuf, deren Bezeichnung als Citypark heute geläufig ist. Dort entstanden dann auch neue Infrastruktureinrichtungen wie Kindergärten und Schulen, aber auch ein neuer Anschluss an den städtischen ÖPNV, der das Wohngebiet neben neuen Straßenzügen in Fortsetzung der Blockrandbebauung erschließt. Mächtige Büro- und Wohnkomplexe bilden den Abschluss des neuen Stadtviertels an der 2007 so benannten XYZLudwig-Erhard-Allee, der früheren östlichen Kriegsstraße. Die letzte Baumaßnahme im Stadtteil wird die neue Kleingartenanlage an der XYZStuttgarter Straße sein, die die dort vorher vorhandenen jahrzehntealten Schrebergärten nach umfangreichen Erdarbeiten, die auch der Bergung von nicht detonierten Fliegerbomben des Zweiten Weltkriegs geschuldet waren, ersetzen werden. Ob der XYZEisenbahnersportverein Frankonia dort auch sein neues Vereinsheim und Sportgelände bekommt, wie schon lange geplant, ist allerdings wegen der kritischen Finanzlage der Stadt Karlsruhe fraglich geworden.
Heute zählt die Südstadt (alter und neuer Teil) etwas mehr als 20.000 Einwohner, nachdem noch zu Beginn der 1930er-Jahre nur im alten Teil dort einmal rund 30.000 Menschen mit ihren kinderreichen Familien gelebt hatten. 2022 erließ der Karlsruher XYZGemeinderat eine soziale Erhaltungssatzung für die Alte Südstadt, um einkommensschwache Familien vor Verdrängungsdruck zu schützen. Diese wurde aber mittlerweile wieder aufgehoben, da deren Überwachung zu hohe Kosten verursachen würde.
Quellen
Karlsruher Südstadt Werbewoche, Sonderbeilage zum Karlsruher Tagblatt vom 9. Mai 1931; Die Südstadt - ein Ausgehviertel mit Multi-Kulti-Flair, in: Onlinemagazin Karlsruhepuls 2026, https://karlsruhepuls.de/stadtteile/suedstadt/, Ka-News vom 26.Juni 2025, https://www.ka-news.de/region/karlsruhe/karlsruhe-von-oben-spektakulaere-ausblicke-ueber-die-suedstadt-eine-bilderstrecke-art-2576802, Milieuschutz im Gebiet alte Südstadt, https://www.karlsruhe.de/mobilitaet-stadtbild/stadtentwicklung/milieuschutz (Zugriff jeweils am 7. September 2026).
Literatur
Toni Peter Kleinhans: Südstadt, Spazierwege durch Karlsruhe 2, hrsg. v. Stadtplanungsamt, Karlsruhe 1984; Harald Ringler: Stadtbaugeschichte Karlsruhe 1715 – 2000, hrsg. v. Katrin Dort u. Volker Steck, Ubstadt-Weiher 2021 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 36).