Kunigunde Fischer, Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 12/57a.

Kunigunde Fischer

Politikerin, * 10. November 1882 Speikern/Landkreis Nürnberger Land, † 21. Februar 1967 Karlsruhe, ev., ∞ 1904 Kaspar Fischer, 1 Kind.

Kunigunde Fischer, geb. Bachmeyer, war die Tochter eines Landwirts, Mühlen- und Sägewerksbesitzers. Mit ihrem Mann, einem Schriftsetzer der sozialdemokratischen Zeitung "Der Volksfreund", lebte sie nach der Hochzeit in der Karlsruher Südstadt, wo sie die sozialen Probleme der Arbeiterbevölkerung erlebte. Daraus erwuchs ein ihr ganzes Leben prägendes soziales und politisches Engagement. 1909 wurde sie Vorsitzende der neu gegründeten Frauensektion der Karlsruher Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Neben den politischen Themen Frauenstimmrecht, Gleichberechtigung der Frauen in Politik, Gesellschaft und Ehe der Frauensektion galt Fischers Einsatz der Kinder-, Jugend- und Tuberkulosefürsorge. Ab 1912 war sie Mitglied im Armen- und Waisenrat der Stadt und 1914-1916 arbeitete sie im städtischen Kriegsfürsorgeausschuss mit. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Karlsruhe und wurde 1925 bis zum Verbot 1933 deren Vorsitzende.

Mit der Schaffung der Republik 1918/19 und der Einführung des aktiven und passiven Frauenwahlrechts war für Fischer, die 1912 am SPD-Parteitag in Chemnitz teilgenommen hatte, der Weg zur parlamentarischen Arbeit frei. Sie wurde 1919 in die Verfassunggebende Versammlung Badens als einzige Sozialdemokratin und danach in den Landtag und in die Karlsruher Stadtverordnetenversammlung gewählt. Beiden Parlamenten gehörte sie bis 1933 an. In Karlsruhe wurde sie 1919-1922 als Stadträtin gewählt, im Ständehaus wirkte sie seit 1921 als Schriftführerin. Ihre Parlamentstätigkeit endete mit der Machtübernahme der Nazis. Am 18. März 1933 kam auch sie, wie alle badischen SPD- und Kommunistische Partei Deutschlands (KPD)-Landtagsmitglieder, ins Gefängnis und blieb bis Ende März in der Karlsruher Riefstahlstraße, wo sie 1944, nach dem Attentat auf Hitler, erneut inhaftiert wurde.

Sofort nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahm Kunigunde Fischer ihr politisches und soziales Engagement wieder auf. Ende 1945 begann sie mit anderen den Wiederaufbau der AWO und wurde 1946 zweite Vorsitzende. Wie nach dem Ersten Weltkrieg galt ihre Arbeit der Fürsorge für notleidende Kinder. Bei den ersten Kommunalwahlen nach Kriegsende wurde sie 1946 als einzige Frau in das Karlsruher Stadtparlament gewählt, dem sie bis 1959 angehörte. Sie warb für die Beteiligung von Frauen in der politischen Arbeit und Verantwortung.

Für ihr politisches und soziales Engagement, das sich mit persönlicher Bescheidenheit, Selbstlosigkeit und Bedürfnislosigkeit verband, erhielt Kunigunde Fischer 1957 das Bundesverdienstkreuz und 1965 verlieh ihr die Stadt als erster Frau die Ehrenbürgerwürde. Das von der Karl-Friedrich-, Leopold- und Sophienstiftung 1966 eröffnete erste Altenheim in Karlsruhe trägt den Namen Kunigunde-Fischer-Haus und 2017 wurde in der Süstadt-Ost die Kunigunde-Fischer-Straße benannt.

Manfred Koch 2017

Quellen

StadtAK 1/POA 2/1646; 8/ZGS Persönlichkeiten.

Literatur

Susanne Asche/Barbara Guttmann/Olivia Hochstrasser/Sigrid Schambach/Lisa Sterr: Karlsruher Frauen 1715-1945. Eine Stadtgeschichte, Karlsruhe 1992 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Band 15) http://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/frauengeschichte/frauen1715 (Zugriff am 22. Dezember 2015); Barbara Guttmann: Kunigunde Fischer, in: "Zwischen Trümmern und Träumen": Karlsruherinnen in Politik und Gesellschaft der Nachkriegszeit. Porträts, Karlsruhe 1997, S. 16–21 http://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/frauengeschichte/truemmern (Zugriff am 22. Dezember 2015); dies.: Den weiblichen Einfluss geltend machen... Karlsruher Frauen in der Nachkriegszeit 1945-1955, Karlsruhe 2000 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Band 21) http://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/frauengeschichte/guttmann2000 (Zugriff am 22. Dezember 2015); Kunigunde Fischer, in: Wilhelm H. Schröder: Sozialdemokratische Parlamentarier in den deutschen Reichs- und Landtagen 1876–1933, http://zhsf.gesis.org/ParlamentarierPortal/biosop.htm (Zugriff am 16. Mai 2015).