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Johanna (Hanne) Landgraf

Politikerin, * 14. Oktober 1914 Karlsruhe, † 19. Januar 2005 Karlsruhe, freireligiös, ∞ 1942 Rolf Landgraf, 1 Tochter.

Das erste von sechs Kindern des sozialdemokratischen Ehepaares Karl und Frieda Siebert beendete 1929 die Volksschule. Da sie in der beginnenden Wirtschaftskrise keine Lehrstelle fand, belegte sie Kurse in Maschinenschreiben und Stenographie. Damit erhielt sie eine Anstellung bei der Eisenbahnergewerkschaft. 1931 übernahmen die Eltern, der Vater war ursprünglich Schlosser und Gewerkschafter, die Kantine der Freien Spiel- und Sportvereinigung Karlsruhe (FSSV) im ÞHardtwald.

Die Machtübernahme der ÞNationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) 1933 stürzte die Familie in extreme Not. Hanne Landgraf wurde im Juni wegen politischer Unzuverlässigkeit gekündigt, Sportplatz und Kantine samt Wohnung des FSSV von der SA beschlagnahmt. Erst 1936 fand sie bis zum Kriegsende als Sekretärin wieder eine Anstellung. Mit ihren Eltern und auch ihrem Mann, der 1939-1948 im Krieg und in Gefangenschaft verbrachte, blieb sie ihren sozialdemokratischen Überzeugungen im Kreis Gleichgesinnter treu.

Nach Kriegsende wurde ihr Vater Leiter einer der 16 Bezirksverwaltungsstellen in der Stadt, wobei sie ihn trotz Schwangerschaft und Geburt ihrer Tochter im Juni tatkräftig und ehrenamtlich bei der Linderung der Nachkriegsnot unterstützte. Motiviert durch die Erfahrung eigener Not, übernahm sie 1946 bei der Wiedergründung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Karlsruhe - ihr Vater wurde Vorsitzender - das Amt der Kassiererin. Neben anderen sozialen Aufgaben übernahm sie 1948 die Organisation der Kindererholung im ÞWaldheim und sie wirkte in der von ihrem Vater und ihr wiedergegründeten FSSV als Kinderturnwartin. Nach 25 Jahren als Kassiererin wirkte sie 1971-1981 als Vorsitzende der AWO und wurde dann Ehrenvorsitzende. Zudem war sie Mitglied im Bundes- und Landesausschuss der AWO, seit 1950 arbeitete sie im Karlsruher Ortsausschuss des Müttergenesungswerks und wurde 1970-1982 Landesvorsitzende.

1946 trat Landgraf in die ÞSozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) ein, die sie umgehend in den Jugendwohlfahrts- und den Schulausschuss delegierte. 1953 kandidierte sie erfolgreich für den Gemeinderat und wurde 1956 Mitglied im Kommunalpolitischen Ausschuss Baden-Württemberg der SPD. 1959 folgte sie ihrem Vorbild Kunigunde Fischer als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen in Karlsruhe. 1966 rückte Landgraf für den zum Bürgermeister gewählten Walther Wäldele in den Landtag ein, musste deshalb 1968 den Sitz im Gemeinderat aufgeben, da ein SPD-Beschluss Doppelmandate verhinderte. Sie blieb bis 1976 teilweise als einzige Frau Mitglied des Landtags. Wie im Gemeinderat machte sie auch im Landtag die Jugend- und Altenhilfe, Sport sowie die Interessenvertretung für Behinderte zu ihren Arbeitsschwerpunkten.

Die „Gräfin“, wie sie liebe- und respektvoll genannt wurde, erhielt für ihr herausragendes gesellschafts- und sozialpolitisches Engagement zahlreiche Ehrungen: Verdienstkreuz am Bande und Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland, Marie-Juchacz-Plakette der Arbeiterwohlfahrt , Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg, goldene Verdienstplakette des Badischen Turnerbundes. Die Stadt Karlsruhe ernannte sie 1993 zur ÞEhrenbürgerin und benannte 2014 den Hanne-Landgraf-Platz nach ihr. In Grötzingen trägt das Seniorenwohnheim der AWO ihren Namen und seit 2005 gibt es die Hanne-Landgraf-Stiftung. Die Grabstätte befindet sich auf dem Hauptfriedhof Karlsruhe.

Manfred Koch 2015

Quelle

Nachlass Hanne Landgraf (noch nicht einsehbar bei der AWO Karlsruhe).

Literatur

Barbara Guttmann: Hanne Landgraf, in: "Zwischen Trümmern und Träumen". Karlsruherinnen in Politik und Gesellschaft der Nachkriegszeit, Karlsruhe 1997, S. 64 – 73.