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Friedrich Wilhelm Nohe, Bild: DFB.

Friedrich Wilhelm Nohe

Privatlehrer, Fußballpionier, DFB-Präsident, * 10. April 1864 Lohrbach/Stadt Mosbach/Neckar-Odenwald-Kreis, † 13. Oktober 1940 Pfaffenrot/Gde. Marxzell/Lkr. Karlsruhe, ∞ Paula Velten.

Im Jahr 1896 kam der Sohn eines Schuhmachers und spätere Präsident des Deutschen Fußballbundes Friedrich Wilhelm Nohe nach Karlsruhe, wo er das Institut Albion House in der Gottesauer Straße 29 unterhielt. Nohe selbst unterrichtete Englisch und Französisch in seiner Privatschule, die einen sehr guten Ruf besaß und viele junge Engländer nach Karlsruhe zog. Das Albion House, über das ebenso wie über Nohes Jugend nichts oder nur wenig bekannt ist, wird letztmals 1902 im Karlsruher Adressbuch aufgeführt.

Bevor Nohe nach Karlsruhe zog, war er in den Diensten des Herzogs von Arenberg als Hauslehrer tätig und hatte in London fünf Jahre in einer Militärschule unterrichtet. Dort soll er das Fußballspiel kennengelernt haben, für das er sich rasch begeisterte und in einem Verein spielte. In Karlsruhe wurde er bald Mitglied des Karlsruher Fußballvereins (KFV) und übernahm schon im Oktober 1896 das Amt des ersten Vorsitzenden.

Als im Jahr 1897 unter anderem von den Karlsruher Vereinen KFV, FC Phönix und Karlsruher Fidelitas als Gegenreaktion auf Alleinvertretungsansprüche des in Berlin residierenden Deutschen Fußball- und Cricket-Bundes der Süddeutsche Fußballverband (SFV) gegründet wurde, übernahm Friedrich Wilhelm Nohe den Vorsitz, Stellvertreter war der mit ihm befreundete Walther Bensemann. Zwischen den beiden kam es trotzdem zu einer ersten Auseinandersetzung, als Nohe mit allen Mitteln – erfolglos - versuchte, drei von Bensemann initiierte Urländerspiele zu verhindern. Als Urländerspiele werden sieben Länderspiele bezeichnet, die 1898 bis 1901 vor der Gründung des DFB gegen französische und englische Mannschaften ausgetragen wurden, eines davon am 28. November 1898 in Karlsruhe. Während Bensemann für die beiden großen Karlsruher Vereine KFV und FC Phönix und weitere süddeutsche Mannschaften an der Gründungsversammlung des DFB am 28. Januar 1900 in Leipzig teilnahm, war der Präsident des Süddeutschen Fußballverbandes Nohe nicht anwesend. Dass dies auf eine grundsätzliche Ablehnung der Neugründung durch Nohe hinweist, ist nicht sehr wahrscheinlich, denn schon im Jahr 1904 wurde Nohe der zweite DFB-Präsident. Er blieb aber nur bis zum Folgejahr im Amt, da er die Doppelbelastung als Präsident des DFB und des Süddeutschen Fußballverbandes nicht länger tragen konnte.

1907 setzte sich Nohe dann sogar für eine Abspaltung des Südens vom DFB ein, stieß dabei aber auf Widerstand unter anderem von Walther Bensemann. Nach seiner Niederlage legte Nohe nach zehn Jahren sein Amt als Präsident des Süddeutschen Fußballverbandes nieder. Am Ende seiner Amtszeit zählte der Verband rund 200 Vereine mit mehr als 10.000 Mitgliedern.

Mit Bensemann scheint sich Nohe wieder versöhnt zu haben, denn 1928 wurde er Mitglied in dem von Bensemann im Schloßhotel Karlsruhe gegründeten Club der Alten (CDA), dem verdiente Fußballpioniere aus verschiedenen Ländern angehörten, darunter auch der schon um 1890 beim FC Alemannia spielende Karl Geppert, dessen Erinnerungen die wenigen Informationen über Nohe vor allem zu verdanken sind.

Zu dieser Zeit war sein Institut schon lange in Marxzell ansässig. Nach dem Wegzug aus Karlsruhe 1902 scheiterte der Versuch, das College 1902 in Wiesbaden zu etablieren, so dass Nohe im Herbst 1907 nach Pfaffenrot zog. Ein Zeitungsartikel von Hans Haupt, der ihn wohl noch selbst kannte, berichtet 1957, dass im Noheschen Institut auch in Marxzell junge Engländer aus Aristokraten-, Diplomaten- und Politikerfamilien unterrichtet wurden. Selbst die englische Marine habe ihre Offiziersanwärter nach Marxzell geschickt, um dort die Ausbildung abzurunden. Haupt bescheinigte dem Privatlehrer Toleranz und eine bescheidene gütige Vornehmheit. Seine Bedeutung für die deutsche Fußballgeschichte erwähnt Haupt nicht – möglicherweise war sie in Vergessenheit geraten.

Sein Haus hatte Nohe 1939 nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs an einen katholischen Frauenorden verkaufen müssen, da schon zuvor zunehmend die englischen Schüler ausgeblieben waren.

Ernst Otto Bräunche 2022

Quellen

KreisA KA 514-1999-31, Sterbebuch Pfaffenrot 1925-1940; Sammlung Helmut Müller Gemeindearchiv Marxzell; StadtAK 8/ZGS Nohe, Friedrich Wilhelm; Adressbücher der Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe 1897-1902, https://digital.blb-karlsruhe.de/Drucke/topic/view/485648 (Zugriff am 20. März 2022); Karl Geppert: Entstehung und Entwicklung des Fußballsportes in Baden, in: Sportschule Schöneck des Badischen Fußballverbandes. Festschrift aus Anlass der Eröffnung der Sportschule Schöneck auf dem Turmberg am 11. und 12. Juli 1953, Karlsruhe 1953, S. 33-69; Hans Haupt: Das "Haus der verrückten Engländer" in Marxzell, Badische Neueste Nachrichten vom 23. Oktober 1957; 90 Jahre Karlsruher Fußballverein. Karlsruher FV (Hrsg.), Karlsruhe 1981, S. 22 f.; KFV Legenden, https://kfv.letsdev.de/legenden1/ (Zugriff am 20. März 2022).

Literatur

Ernst Otto Bräunche: Fußballhochburg Karlsruhe, in: Sport in Karlsruhe. Von den Anfängen bis heute, hrsg. vom Stadtarchiv Karlsruhe durch Ernst Otto Bräunche und Volker Steck, Karlsruhe 2006, S. 168-218, S. 171f. und S. 176-178 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 28).