Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS III 907.

Otto Lehmann

Physiker, Professor, * 13. Januar 1855 Konstanz, † 17. Juni 1922 Karlsruhe, kath., ∞ 1899 Amalie Maria Olga Ambros, 2 Kinder.

Der Sohn eines Lehrers der Mathematik und Naturwissenschaften zog 1859 mit seiner Familie nach Freiburg. Nach dem Abitur 1872 in Rastatt studierte Otto Lehmann Naturwissenschaften an der Universität Straßburg, legte 1876 die Prüfung für das höhere wissenschaftliche Lehramt ab und wurde im selben Jahr mit einer Arbeit über physikalische Isometrie promoviert. 1877-1883 war er Lehrer für Physik, Mathematik und Chemie in Freiburg und Mühlhausen (Elsass). 1883 nahm er den Ruf als Dozent für Physik am Polytechnikum in Aachen an, wo er 1885 außerordentlicher Professor wurde. Von Dresden, wo er 1888/89 außerordentlicher Professor für Elektrotechnik am königlichen Polytechnikum war, wechselte er 1889 an die Technische Hochschule (TH) Karlsruhe als Nachfolger von Heinrich Hertz, wo er 1919 emeritiert wurde. 1900/01 amtierte er als Rektor der TH.

Lehmanns Lebenswerk besteht in der wissenschaftlichen Erforschung der „flüssigen Kristalle“. Dazu benutzte er ein von ihm entwickeltes und verbessertes Kristallisationsmikroskop. In Karlsruhe, wo er seine Forschung entscheidend vorantrieb, klagte er über die durch den zunehmenden Verkehr hervorgerufenen Erschütterungen in seinem Labor. 1910 richtete er deshalb in Hundsbach/Bühl ein eigenes Labor ein. Mit seinen zahlreichen Publikationen suchte er seinen Entdeckungen, die die Kenntnisse der Molekularerscheinungen bedeutend erweitert hatten, Anerkennung zu verschaffen. 1921 produzierte er dafür sogar einen Film. Dass er seit 1913 mehrfach für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde, belegt den Erfolg seiner Bemühungen. Praktische technische Anwendungen für seine bahnbrechenden Erkenntnisse gab es allerdings zu seiner Zeit nicht. Ihre Tragweite erkannte man erst, als 1971 der erste Prototyp einer Flüssigkristallanzeige entwickelt wurde, die heute den Alltag prägen.

1892 wurde Lehmann zum Hofrat und 1900 zum Geheimen Hofrat ernannt. Seit 1909 war er außerordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften Heidelberg sowie seit 1912 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften von Frankreich. 1998 wurde in Karlsruhe die Otto-Lehmann-Stiftung gegründet, die jährlich einen gleichnamigen Preis zur Förderung wissenschaftlicher Arbeiten auf dem Gebiet der Flüssigkristallanzeige vergibt. Nach Lehmann benannt ist seit 1922 die Lehmannstraße auf dem Campus des Karlsruher Instituts für Technologie.

Manfred Koch/Marco Wagner 2013

Quellen

GLA Karlsruhe 76/4760-4762, 235/2228, 466/11534.

Werk

Molekularphysik, 2 Bde., Leipzig 1888/89; Die Kristallanalyse, Leipzig 1891; Elektricität und Licht, Braunschweig 1895; Flüssige Krystalle, Leipzig 1904; Die wichtigsten Begriffe und Gesetze der Physik, Berlin 1907; Flüssige Kristalle und ihr scheinbares Leben, Forschungsergebnisse dargestellt in einem Kinofilm von O. Lehmann, Leipzig 1921.

Literatur

Peter Knoll/Hans Kelker: Otto Lehmann, Erforscher der flüssigen Kristalle. Eine Biographie mit Briefen an Otto Lehmann, Ettlingen/Frankfurt 1988; Alexander Kipnis: Lehmann, Otto, in: Badische Biographien NF, Bd. V, hrsg. von Fred L. Sepaintner, Stuttgart 2005, S. 180-182.