Friedrich Ratzel, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 606.

Friedrich Ratzel

Reiseschriftsteller, Zoologe, Geograph, * 30. August 1844 Karlsruhe, † 9. August 1904 Ammerland am Starnberger See, ev., ∞ 1877 Marie Wingens, 2 Töchter.

Das vierte Kind (2 Brüder, 1 Schwester) eines Kammerdieners am großherzoglichen Hof in Karlsruhe verbrachte hier nach seinen Erinnerungen 14 behütete Kinderjahre mit früh erwachtem Interesse an der Natur. Diese erschloss sich Friedrich Ratzel durch ausgedehnte Wanderungen in den Rheinauen, im Kraichgau und auf dem Turmberg. Nach dem Besuch der Volksschule und der Lafontainschen Anstalt folgte ab 1858 eine Ausbildung als Pharmazeut in Eichtersheim (Kraichgau). Ein Studium konnten die Eltern nur ihrem Ältesten finanzieren, der es zum Professor an der Kunstgewerbeschule in Karlsruhe brachte. Nur kurz arbeitete Ratzel bis 1865 unter anderem in Zürich als Apotheker und holte dann 1866 in Karlsruhe das Abitur nach, um anschließend am Polytechnikum Karlsruhe und an der Universität Heidelberg Zoologie und Geologie zu studieren.

Nach der Promotion 1868 in Heidelberg begab er sich auf eine zoologische Studienreise nach Südfrankreich und schrieb zur Aufbesserung seiner Reisekasse Berichte darüber für die "Kölnische Zeitung". Deren großer Erfolg machten ihn zum Reiseschriftsteller, der Siebenbürgen, Ungarn, den Alpenraum, Italien, die USA, Mexiko und Kuba bereiste, nur unterbrochen durch den Krieg 1870/71, in dem er als Kriegsfreiwilliger teilnahm. Die Beobachtungen und Eindrücke dieser Reisen flossen später in seine wissenschaftlichen Arbeiten ein. Seine Karriere als Geograph begann er nach der Habilitation 1875 an der Technischen Hochschule (TH) München zunächst dort als Professor und ab 1886 an der Universität Leipzig.

Friedrich Ratzel gilt als der Begründer der Anthropo- oder Human-Geographie und der Politischen Geographie, bearbeitete daneben aber in über 1.200 Publikationen ein breites Feld der Geographie. In seinen Veröffentlichungen "Völkerkunde", "Anthropogeographie" und "Politische Geographie" befasste er sich mit der Wechselwirkung zwischen geographischem Raum und menschlichem Handeln, den Wanderungsbewegungen von Völkern, dem Wachsen und Schrumpfen von Staaten und dem kulturellen Austausch. Der Wissenschaftler engagierte sich zudem mit politischen Stellungnahmen und war Mitbegründer des "Alldeutschen Verbandes", Mitglied im "Verein für Flottenpolitik" und in der "Deutschen Kolonialgesellschaft", die allesamt für eine expansionistische deutsche Weltpolitik eintraten. Den von ihm in einer Publikation 1901 geprägten Begriff "Lebensraum" machten sich die Nazis, allen voran Hitler in "Mein Kampf" für ihre Forderungen nach "Lebensraum für das deutsche Volk" zu eigen. Die Verzerrungen seiner keineswegs kriegerischen Ideen durch die Nazis hat Ratzel nicht mehr erlebt. Er starb knapp 60-jährig in seinem Feriendomizil.

Ratzel war Mitglied in zahlreichen deutschen und ausländischen wissenschaftlichen Akademien, nach ihm wurde ein Gletscher am Kilimandscharo benannt und in Karlsruhe wurde zum Deutschen Geographentag 1927 am Standort seines Geburtshauses in der Kaiserstraße 123 eine Gedenktafel enthüllt.

Manfred Koch 2014

Werk

Anthropogeographie. Die geographische Verbreitung des Menschen, Bd. 1, Grundzüge der Anwendung der Erdkunde 1882, Bd. 2, Die geographische Verbreitung des Menschen, 1891; Völkerkunde, Bd. 1, Die Naturvölker Afrikas, Bd. 2, Die Naturvölker Ozeaniens, Amerikas und Asiens, Bd. 3, Die Kulturvölker der Alten und der neuen Welt, 1885–88, 2. Aufl. 1894/95; Politische Geographie oder die Geographie der Staaten, des Verkehrs und des Krieges, 1897, 2. Aufl. 1903; Die Erde und das Leben. Eine vergleichende Erdkunde, 2 Bde., 1901/02; Der Lebensraum. Eine biogeographische Studie, 1901; Viktor Hantzsch: Ratzel-Bibliographie 1867-1905, 1906.

Literatur

Gerhard H. Müller: Ratzel, Friedrich, in: Neue Deutsche Biographie (NDB), Bd. 21, Berlin 2003, S. 186-188; Günther Buttmann: Friedrich Ratzel. Leben und Werk eines deutschen Geographen 1844–1904, Stuttgart 1977; Friedrich Metz: Friedrich Ratzel, in: Badische Biographien, Bd. 6, hrsg. von Albert Krieger und Karl Obser, Heidelberg 1935, S. 537-543; Rudolf Haaß: Vom Dorf in die Welt. Gedanken zu dem großen Geographen Friedrich Ratzel (mit Auszügen aus Ratzels Jugenderinnerungen "Glücksinseln und Träume"), Angelbachtal 2013.