Clara Immerwahr als Studentin, Stadtarchiv Karlsruhe 8/Diaslg. III 156.

Clara Immerwahr

Chemikerin, Pazifistin, * 21. Juni 1870 Polkendorf bei Breslau/Niederschlesien/Polen, † 2. Mai 1915 Berlin-Dahlem, jüd., seit circa 1896 ev., ∞ 1901 Fritz Haber, 1 Sohn.

Die Tochter eines Chemikers Clara Immerwahr kam früh mit den Naturwissenschaften in Kontakt. Nach Höherer Töchterschule und Lehrerinnenseminar in Breslau erhielt sie eine Sondergenehmigung, um das Abitur abzulegen. Seit 1896 studierte sie wiederum mit Sondergenehmigung in Breslau Chemie und wurde 1900 als erste Frau in Deutschland an der Universität Breslau im Fach Chemie bei Prof. Richard Abegg promoviert. 1901 heiratete Immerwahr den Professor für Chemie an der Technischen Hochschule (TH) Karlsruhe Fritz Haber, dem sie in Breslau schon in der Tanzschule begegnet war.

Von der Ehe mit Haber erhoffte sich Immerwahr die Möglichkeit zur Fortsetzung ihrer eigenen Forschungen. Bis zur schweren Geburt ihres Sohnes 1902 war sie auch Mitarbeiterin im Labor ihres Mannes in Karlsruhe. Danach endete ihre mögliche wissenschaftliche Karriere. Ihre bei der Dissertation angewandte Methode zur Messung der Löslichkeit von Schwermetallen wird heute bei der Forschung zur Elektromobilität benutzt und auch zur Messung der Verunreinigung der Meere durch chemische Kampfstoffe. Ihr Mann drängte sie nun aber immer mehr in die Rolle der Mutter und der Ehefrau mit Repräsentationspflichten. Während seine Karriere vorankam, hielt sie noch Vorlesungen für Frauen über Chemie in Küche und Haushalt. Das erfüllte sie mit tiefster Unzufriedenheit, was auch Sanatoriumsaufenthalte zur Folge hatte.

Als Haber 1911 zum Gründungsdirektor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem berufen wurde, verließ die Familie Karlsruhe. Die Differenzen zwischen den Ehepartnern, er ein überzeugter Nationalist, sie eine Anhängerin der pazifistischen Ideen von Berta von Suttner, brachen offen aus, als Immerwahr seine Forschungen zu chemischen Kampfstoffen als „Perversion der Wissenschaft“ bezeichnete. Sie tat dies auch öffentlich bei einem Besuch mit ihrem Mann in Köln im Januar 1915, wo der Gaskrieg erprobt wurde. Nach dem ersten von Haber beaufsichtigten Giftgasangriff an der Westfront bei Ypern am 22. April 1915 mit vielen Tausend Toten und schwer Verletzten, versuchte Immerwahr vergeblich, ihren Mann von weiteren Giftgaseinsätzen abzuhalten. Am Morgen vor seiner Abreise an die Ostfront nahm sie sich mit seiner Dienstpistole das Leben.

Erst seit den 1990er-Jahren wird der Freitod Clara Immerwahrs als Protest gegen chemische Massenvernichtungswaffen wahrgenommen, auch wenn es dafür keine schriftlichen Zeugnisse gibt. Die deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung e. V. (IPPNW) verleiht seit 1991 die Clara-Immerwahr-Auszeichnung. Die Technische Universität Berlin vergibt seit 2011 den „Clara Immerwahr Award“ an junge Nachwuchsforscherinnen im Bereich der Katalyseforschung. In der Karlsruher Südstadt wurde 2001 der Clara-Immerwahr-Haber-Platz eingeweiht.

Manfred Koch 2015

Werk

Beiträge zur Löslichkeitsbestimmung schwerlöslicher Salze des Quecksilbers, Kupfers, Bleis, Cadmiums und Zinks, Diss. Breslau 1900.

Literatur

Gerit von Leitner: Der Fall Clara Immerwahr. Leben für eine humane Wissenschaft, München 2. durchgesehene und verbesserte Aufl. 1994.