Bundesbildstelle Berlin.

Erna Scheffler, geb. Friedenthal

Juristin, Richterin am Bundesverfassungsgericht, * 21. September 1893 Breslau, † 22. Mai 1983 London, ev., ∞ 1. 1916 Fritz Haslacher (geschieden), 2. 1945 Georg Scheffler, 1 Tochter.

Nach dem Abitur 1911 studierte Scheffler, die Tochter eines Öhlmühlenbesitzers, zunächst ein Semester Medizin in Heidelberg, bevor sie sich dem Studium der Rechtswissenschaften an den Universitäten München, Berlin und Breslau zuwandte. Im Dezember 1914 wurde sie promoviert. In den folgenden Jahren war sie als Juristin an verschiedenen Arbeitsstätten tätig. Nachdem Frauen ab 1921 zu juristischen Staatsexamina zugelassen wurden, legte sie 1922 das erste und 1925 das zweite Staatsexamen ab. 1925-1928 arbeitete sie als Anwältin in Berlin und danach bis zur Entlassung 1933 aufgrund ihrer jüdischen Abstammung väterlicherseits als Richterin. Nach Kriegsende 1945 kehrte Scheffler als Landgerichtsrätin an das Berliner Landgericht zurück. Es folgte die Beförderung zur Landgerichtsdirektorin sowie 1949 der Wechsel an das Düsseldorfer Verwaltungsgericht, an dem sie zunächst als Verwaltungsgerichtsrätin, ab 1951 als Verwaltungsgerichtsdirektorin tätig war. Ihr vielbeachteter Vortrag auf dem 38. Deutschen Juristentag in Frankfurt a. M. 1950, in dem sie ganz entschieden für die rechtliche Umsetzung des im Grundgesetz verankerten Grundrechts der Gleichberechtigung von Mann und Frau eintrat, führte 1951 zur Berufung als erste Richterin an das neu gegründete Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

Bis zur Pensionierung 1963 war sie die einzige Frau in dem zunächst 24-, dann 20-köpfigen Kollegium. Die auf dem Juristentag 1950 verlangte "Anpassung der Gesetze an die Forderungen des Grundgesetzes" wurde zur Maxime ihrer zwölfjährigen Tätigkeit als Bundesverfassungsrichterin im Ersten Senat. Scheffler forderte eine Reform des seit 1900 gültigen Bürgerlichen Gesetzbuches, da es in vielen Bereichen, wie etwa dem Steuer-, Familien-, Elternrecht und der Hinterbliebenenversorgung, der im Grundgesetz Art. 3 Abs. 2 verankerten Gleichstellung von Mann und Frau widersprach. An der Verabschiedung des ersten Gleichberechtigungsgesetzes von 1958 auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts hatte sie maßgeblichen Anteil. Nach der Pensionierung setzte sich Scheffler als Vorsitzende des deutschen Akademikerinnenbundes (1964-1970) in gleichstellungsorientierten Vereinen und Publikationen für die Gleichberechtigung der Geschlechter ein.

Für ihre zukunftweisende Rechtsprechung wurde sie mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband ausgezeichnet. Seit 1996 verleiht der Soroptimist International Club Karlsruhe an herausragende Nachwuchswissenschaftlerinnen des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) den Erna-Scheffler-Förderpreis, seit 2006 erinnert in Neureut-Kirchfeld die Erna-Scheffler-Straße an die erste Bundesverfassungsrichterin.

Katja Förster 2014

Werk

Die Gleichberechtigung der Frau. In welcher Weise empfiehlt es sich, gemäß Artikel 117 Grundgesetz das geltende Recht an Artikel 3 Absatz 2 Grundgesetz anzupassen? [Referat auf dem 38. Deutschen Juristentag], in: Ständige Deputation des Deutschen Juristentages (Hrsg.): Verhandlungen des 38. Deutschen Juristentages in Frankfurt am. Main. 1950, Tübingen 1951, S. 3-30; Die Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft im Wandel der Rechtsordnung seit 1918, Frankfurt a. M. und Berlin 1970.

Literatur

Erna Scheffler ... unsere Erfolge sind durchaus geeignet, uns mit uns selbst zu imponieren, in: Barbara Guttmann: "Zwischen Trümmern und Träumen" – Karlsruherinnen in Politik und Gesellschaft der Nachkriegszeit, hrsg. von der Stadt Karlsruhe, Karlsruhe 1997, S. 105-111 http://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/frauengeschichte/truemmern (Zugriff am 22. Dezember 2015); Christian Waldhoff: Erna Scheffler – erste Richterin des Bundesverfassungsgerichts, in: Jahrbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart, N. F., 56, 2008, S. 261-268.