Die Millionste Gritzner-Nähmaschine, 1902, Pfinzgaumuseum Durlach U I 103.
Blick auf die Nähmaschinenfabrik Gritzner, 1907, Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 396/44.
Werbepostkarte der Nähmaschinenfabrik Gritzner in Durlach, 1911, Pfinzgaumuseum Durlach U I 650.

Nähmaschinenfabrik Gritzner, später Pfaff

1872 gründete Max-Carl Gritzner in Durlach die Nähmaschinenfabrik Gritzner. Er war 1850 vorübergehend nach Amerika ausgewandert und hatte dort die Nähmaschinenherstellung, insbesondere des Marktführers Singer, kennen gelernt. Neben Nähmaschinen produzierte Gritzner seit 1897 auch Fahrräder, daneben Dampfmaschinen und Pumpen. 1903 beschäftigte die Firma als damals größter Arbeitgeber in Durlach 2.700 Arbeiter und begann im selben Jahr als eine der ersten deutschen Firmen mit der Motorradproduktion. Nachdem die Firma 1886 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war, vergrößerte sie sich unter dem Namen Nähmaschinenfabrik, vorm. Gritzner & Co. A.G. stetig. Eine Gritznersche Spezialität waren die seit 1881 in der eigenen Schreinerei gefertigten Nähmaschinenmöbel. Die ab 1897 produzierten Fahrräder glichen den verringerten Absatz von Nähmaschinen im Frühjahr und Sommer aus. In den Jahren zwischen 1900 und 1960 schickte Gritzner sieben Millionen in Durlach produzierte Nähmaschinen in 82 Länder.

Aufgrund der hohen Produktion waren teilweise bis zu 3.500 überwiegend junge Menschen in den Fabrikhallen beschäftigt, wobei Gritzner mit vielen Arbeitsvorgängen für ungelernte Arbeitskräfte im Gegensatz zur Badischen Maschinenfabrik Durlach (BMD) weibliche Arbeitskräfte einstellte. Vor allem kräftige junge Mädchen suchte die Firma als Poliererinnen für die hauseigene Schreinerei, da die Frauen nur halb so viel Lohn bekamen wie die Männer und somit billigere Arbeitskräfte waren. Gritzner zog auch Arbeitskräfte aus der Umgebung an, teilweise sogar aus Norddeutschland. Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage fusionierte die Firma 1931 mit der Pfälzischen Nähmaschinen- und Fahrradfabrik vormals Gebrüder Kayser AG in Kaiserslautern zur Gritzner-Kayser AG. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 nahm die Fabrik die Munitionsfabrikation auf und beschäftigte auch Zwangsarbeiter.

In der Nachkriegszeit erlebte die Firma insbesondere durch den Bau von Nähmaschinenmöbeln einen gewaltigen Boom, die Schreinerei fertigte daneben Radiogehäuse, Fernsehschränke und Gehäuse für die zu der Zeit sehr beliebten Jukeboxes. 1955 zerstörte ein Großbrand einen Teil der Produktionsstätten. 1959 wurde die Herstellung von Radio- und Fernsehgehäusen aufgegeben und 1962 die gesamte Möbelschreinerei geschlossen. Dazu kam die allgemeine Verschiebung auf dem Weltmarkt zugunsten der asiatischen Länder: Nachdem ab 1954 verstärkt japanische Nähmaschinen auf den deutschen Markt drängten, versuchte sich die deutsche Nähmaschinenindustrie gegen diese Konkurrenz zu behaupten und schloss sich zusammen. Die Mehrheit des Aktienkapitals übernahm 1957 die G. M. Pfaff AG in Kaiserslautern, so hieß die Firma dann auch seit etwa 1960. In Durlach wurden Haushaltsnähmaschinen gebaut, außerdem wurden Varion-Förderanlagen und Beschriftungsmaschinen für technische Zeichenanlagen mit in das Produktionsprogramm aufgenommen, in Kaiserslautern dagegen Industrienähmaschinen gefertigt. Die Automatisierung des Produktionsprozesses ermöglichte nun auch die Einstellung ungelernter Arbeiter.

Doch all dies konnte den schleichenden Niedergang der Firma nicht aufhalten. Ab den 1990er-Jahren gab es bei Gritzner aufgrund der schon bestehenden Pläne für die Verlegung der Produktion nach Kaiserslautern einen massiven Arbeitsplatzabbau. Die Durlacher reagierten mit Mahnwachen und Demonstrationen. 1999 meldeten die G.M. Pfaff AG und mit ihr die in Durlach angesiedelte Pfaff Innovations GmbH Insolvenz an, beide schlossen sich kurz darauf zu einer Gesellschaft zusammen und konnten die Produktion wieder aufnehmen. Doch im Jahr 2000 wurde der Haushaltsnähmaschinenbereich, der in Durlach angesiedelt war, durch die schwedische Husquarna Viking Sewing Machines AB übernommen und die Produktion in Durlach eingestellt. Lediglich Vertrieb, Verwaltung und Entwicklung mit 100 Mitarbeitern blieben in Durlach übrig. Auf dem Gelände befinden sich heute die RaumFabrik sowie Wohnungen.

Anke Mührenberg 2012

Quelle

StadtAK 8/FA Gritzner.

Literatur

Susanne Asche/Konstanze Ertel/Anke Mührenberg: Fabrik im Museum. Industrie und Gewerbe in Durlach, Karlsruhe 2003 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 27).