Fritz Corterier, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 1816.

Louis Wilhelm Fritz Corterier

Steuerberater, NS-Gegner, Politiker, * 19. Juli 1906 Wunstorf/Lkr. Region Hannover, † 27. April 1991 Bad Wildbad/Lkr. Calw, ev., ∞ 1935 Maria John, 2 Kinder (Peter Corterier).

In Wunstorf, wo sein Vater Lehrer war, und in Hannover besuchte Fritz Corterier die Realschule und absolvierte nach der mittleren Reife 1923 in Bremen eine kaufmännische Lehre. Ab 1927 studierte er Wirtschaftswissenschaften an den Handelshochschulen Berlin, Tours/Frankreich und Mannheim, wo er 1929 das Abitur nachholte. Im Juni 1933 schloss er das Studium als Diplomkaufmann ab, im November 1933 wurde der Gegner des Nationalsozialismus vom weiteren Studium und damit der angestrebten Promotion ausgeschlossen. Nach Tätigkeit als freier Mitarbeiter für regionale Zeitungen gründete er 1935 mit seiner Frau, ebenfalls diplomierte Kauffrau, ein Steuerberatungsbüro in Karlsruhe und unterrichtete an einer privaten Handelsschule. 1940 wurde er zum Militärdienst eingezogen und kam bei der Marineartillerie im Norden Frankreichs zum Einsatz. Nach kurzer britischer Kriegsgefangenschaft kehrte er nach Karlsruhe zurück und nahm nun neben der Tätigkeit in seinem Büro die bereits vor 1933 begonnene politische Betätigung wieder auf.

Schon 1928 war Corterier Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes und der Vereinigung republikanischer Studierender und 1929 trat er der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) bei. Für den Studentenbund war er ab 1929 Leiter im Südwesten und 1931 stellvertretender Reichsvorsitzender. Anfang der 1930er-Jahre organisierte er in Mannheim Tagungen zur deutsch-französischen Verständigung und gegen den Nationalsozialismus. 1946 wurde er Schriftführer im SPD-Ortsverein der Südweststadt und 1950-1962 Kreisvorsitzender der Karlsruher SPD. 1953-1969 vertrat er die Karlsruher SPD im Bundestag, gewählt jeweils über die Landesliste. Als Parlamentarier wirkte Corterier an der Finanz-, Steuer-, und Mittelstandspolitik mit. 1959-1972 führte er den Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft Selbstständiger in der SPD und zeitweise war er in der Bundesarbeitsgemeinschaft stellvertretender Vorsitzender. 1969 folgte ihm sein Sohn Peter als Karlsruher Bundestagsabgeordneter mit dem Gewinn des Direktmandats.

Ein besonderes Anliegen war Corterier die Schaffung eines vereinten Europa. 1947 gehörte er zu den Mitbegründern des Karlsruher Kreisverbandes der Europaunion. Dieses Engagement konnte er auf der parlamentarischen Ebene 1958-1967 als Mitglied der Deutschen Delegation in der Beratenden Versammlung des Europäischen Rates wie der Westeuropäischen Union und 1967-1970 als Mitglied des Europaparlaments vertiefen.

Corterier, der in der Politik auf Kooperation statt Konfrontation setzte, prägte neben Hermann Veit, Alex Möller und Günther Klotz nachdrücklich die Nachkriegsgeschichte der Karlsruher SPD und erwarb sich über die Parteigrenzen hinweg Ansehen. Geehrt wurde Corterier mit dem Großen Bundesverdienstkreuz (1969), der Ehrenmedaille des Europaparlaments (1970), der Ehrenmedaille der Stadt Karlsruhe (1981) sowie den Ehrenmitgliedschaften der SPD und der Europaunion.

Manfred Koch 2016

Quellen

StadtAK 8/ZGS 29 Parteien/SPD, 8/ZGS Personen, 8/StS 17/485, 8/StS 29/415.

Werk

Krankenstand und Arbeitslosigkeit, Dipl. Arbeit Handelshochschule Mannheim 1933.

Literatur

Horst Ferdinand: Corterier, Fritz Louis Wilhelm, in: Bernd Ottnad (Hrsg.): Baden-württembergische Biographien, Bd. 2, Stuttgart 1999, S. 81-84; Karl Briem: Fritz Corterier, in: Manfred Koch (Hrsg.): Im Mittelpunkt der Mensch. Parlamentsreden Karlsruher SPD-Abgeordneter, Karlsruhe 2001, S. 149-152; Rudolf Vierhaus/Ludolf Herbst (Hrsg.): Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages 1949-2002, Bd. 1 A-M, München 2002, S. 126.