Hermann Oeser, um 1910, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 563.

Hermann Karl Ferdinand Ludwig Oeser

Pädagoge, Schriftsteller, * 27. November 1849 Lindheim/Wetterau, † 3. Februar 1912 Karlsruhe, ev., ∞ 1. 1875 Luise Wetz († 1894), 2. 1895 Julia Emilia Jenny (1872-1955), 1 Tochter aus erster Ehe († 1897), 1 Sohn, 2 Töchter aus zweiter Ehe.

Geboren als jüngster von fünf Söhnen des Pfarrers Rudolf Oeser (1807-1859), der unter dem Pseudonym O. Glaubrecht seinerzeit bekannte hessische Volksbücher verfasst hatte, lebte Hermann Oeser nach dem Tod des Vaters ab 1860 als Gymnasiast in Gießen, wo er nach dem Abitur 1868 zunächst ein Theologiestudium aufnahm. Nach aufkommenden Glaubenszweifeln, die 1872-1875 zeitweise zur Abwendung vom Christentum führten, wechselte Oeser das Fach und studierte Germanistik und Neue Philologie. Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 diente er als Reserveoffizier. Nach Promotion und bestandener Staatsprüfung 1873 erhielt Oeser eine Stelle als Lehramtspraktikant in Gießen. Im Jahr darauf wurde er Gymnasialprofessor in Worms.

1879 erfolgte sein Wechsel als Professor an das Prinzessin-Wilhelm-Stift (Lehrerinnenseminar) in Karlsruhe. 1881/82 amtierte Oeser kurze Zeit als Rektor der Höheren Mädchenschule in Baden-Baden, ehe er zum 1. September 1882 Direktor des Prinzessin-Wilhelm-Stifts wurde, ein Amt, das er bis zu seinem Tod ausübte. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Oeser eine Schweizerin aus Basel und bewohnte mit seiner Familie einen Seitenflügel des Seminargebäudes. In seiner Pädagogik vertrat Oeser für das späte 19. Jahrhundert unkonventionelle Ansichten und trat für eine menschliche und straffreie Erziehung der Schüler ein.

Oeser verfügte über eine umfassende Bildung in der europäischen Literatur und Philosophie. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Seminardirektor hielt Oeser alljährlich in der Winterzeit öffentliche Vorträge über Kunst und Literatur. Durch seine humorvolle und bildhafte Sprache zog er eine große Zuhörerschaft an und erhielt in der Folge auch Vortragsanfragen aus anderen Städten wie aus Mainz, München oder Winterthur. Darüber hinaus veröffentlichte er ab 1888 volksnahe Novellen und Erzählungen, in denen er autobiographische und religiöse Themen behandelte. Oesers religiöses Denken wurde dabei maßgeblich von Thomas Carlyle und Søren Kierkegaard beeinflusst.

Mit der Schweizer Pädagogin Dora Schlatter verband Oeser eine langjährige Freundschaft, die durch einen umfangreichen Briefwechsel dokumentiert ist. 1908 wurde er zum Hofrat ernannt. Oeser starb an den Folgen eines Schlaganfalls, den er während eines Vortrags erlitten hatte. Sein Nachlass befindet sich im Stadtarchiv Karlsruhe.

René Gilbert 2015

Quellen

GLA 235/15714, 17592, 466-22/2354; StadtAK 7/Nl Oeser.

Werk

Geschichte der Anstalt 1873-1883, in: 1. Jahresbericht des Lehrerinnen-Seminars Prinzessin-Wilhelm-Stift für das Anstaltsjahr 1883/84, Karlsruhe 1884, S. 3-9; Vom Tage, Parabolisches, Basel 1888; Ein Hausbuch aus deutscher Dichtung und Prosa für die Zwecke der Frauenbildung, Karlsruhe 1890; Vom Tage, vom heute gewesenen Tage, Lebensspiegelungen, Basel 1895; Midaskinder, Basel 1898; Aus der kleineren Zahl, Novellen, Basel 1904; Zweistimmen, Novellen und Skizzen, Halle 1909; Von Menschen, Bildern und Büchern, Gesammelte Vorträge, Heilbronn 1913.

Literatur

Ernst Jenny: Hermann Oeser – eine Darstellung, Heilbronn 1930; Gertrud Oeser: Oeser Brevier. Zum 100. Geburtstag von Hermann Oeser, Heilbronn/Stuttgart 1948; Gerhard Silberer: Kleine Geschichte der Lehrerbildung in Karlsruhe, in: Karlsruher Pädagogische Beiträge Nr. 17 (1988), hrsg. von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, Karlsruhe 1988, S. 7-78, hier S. 54-61.