Lehrerinnenseminar Prinzessin-Wilhelm-Stift in der Sophienstraße 31-33, um 1900, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIVd 131.

Prinzessin-Wilhelm-Stift

Das am 15. Juli 1878 vom badischen Staatsministerium genehmigte und zum 1. Oktober in der Stephanienstraße eröffnete Prinzessin-Wilhelm-Stift war das erste staatliche Lehrerinnenseminar im Großherzogtum Baden. Seine Entstehung verdankte es dem Engagement von Fanny Trier, die sich Anfang der 1870er-Jahre um die Einrichtung einer Nachweiseanstalt für stellensuchende Erzieherinnen bemühte. Durch Unterstützung von Großherzogin Luise und insbesondere von deren Schwägerin Maria Maximilianowna von Leuchtenberg, Prinzessin Wilhelm genannt, konnte am 6. Oktober 1873 die Central-Anstalt für Erzieherinnen in der Stephanienstraße 5 (ab 1874 Nr. 7) eröffnet werden. Trier übernahm den Vorstand und ihr Schwager Ludwig Dietz die pädagogische und geschäftliche Leitung der privaten Ausbildungsstätte für Lehrerinnen und Erzieherinnen evangelischer und katholischer Konfession.

Die steigende Schülerinnenzahl veranlasste die Vorsteherin, 1878 das Nachbargebäude Stephanienstraße 5 zu kaufen und dem Seminar mietweise zu überlassen. Im selben Jahr wurde die Anstalt, die von der badischen Hofgesellschaft, dem Badischen Frauenverein und wohlhabenden Karlsruher Bürgern finanziell getragen wurde, in eine Stiftung überführt, der staatlichen Schulbehörde (Oberschulrat) unterstellt und zum 1. Oktober als Prinzessin-Wilhelm-Stift neu eröffnet.

Als staatlich anerkannte Einrichtung mussten erstmals auch hauptamtliche Lehrer eingestellt werden, was zu Spannungen und schließlich zum Rücktritt von Trier und Dietz einschließlich der Aufkündigung des Mietvertrags der Stephanienstraße 5 führte. Hermann Oeser, der erste 1879 hauptamtlich eingestellte Lehrer für deutsche und englische Literaturgeschichte und Pädagogik, wurde 1882 zum Direktor der Anstalt ernannt. 1883 erwarb die Stiftung von Hermann Fürst von Hohenlohe-Langenburg die beiden Häuser Sophienstraße 31-33, welche auch über einen großen Garten verfügten, und richtete darin die neuen Schul- und Internatsräume ein.

Das Seminar gliederte sich zu dieser Zeit in drei Klassen: Die ersten zwei Jahreskurse waren Voraussetzung für die erste Lehrerinnenprüfung für Volksschulen, der dritte Jahreskurs, auch Seminaroberkurs genannt, für die zweite oder höhere Lehrerinnenprüfung für Höhere Mädchenschulen. Das beträchtliche Schulgeld ermöglichte allerdings nur Schülerinnen aus begüterten Familien eine Ausbildung am Prinzessin-Wilhelm-Stift. Seit den 1880er-Jahren stieg die Schülerinnenzahl stetig an: Waren es 1883 noch 72, so 1898 bereits 100 und 1910 sogar 150 Auszubildende. Der Unterricht betrug durchschnittlich 33 Wochenstunden, beinhaltete zwei Fremdsprachen und zahlreiche Realien.

Nach Oesers Tod 1912 wurde Edmund von Sallwürk Direktor des Prinzessin-Wilhelm-Stifts, dem er bis zu seiner Auflösung 1924 vorstand. Der Erste Weltkrieg und die Nachkriegszeit hatten zwar zu einer Stärkung des Lehrerinnenberufs geführt, die elitäre Stiftsform als Ausbildungsstätte aber vor allem nach 1918 zunehmend infrage gestellt. Ab 1926 standen in Baden Lehrerbildungsanstalten für Männer und Frauen per Gesetz gleichermaßen offen.

Katja Förster 2015

Literatur

Gerhard Silberer: Kleine Geschichte der Lehrerbildung in Karlsruhe, in: Karlsruher pädagogische Beiträge. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft und Fachdidaktik, hrsg. von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, Bd. 17, 1988, S. 7-78, bes. S. 54-61; ders.: Die Anfänge einer Lehrerinnenbildung in Baden, in: Lenz Kriss-Rettenbeck/Max Liedtke (Hrsg.): Regionale Schulentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, Bad Heilbrunn 1984, S. 152-161 (= Schriftenreihe zum Bayerischen Schulmuseum Ichenhausen. Zweigmuseum des Bayerischen Nationalmuseums Bd. 2); Gisela Brühl: Das ‚Prinzessin-Wilhelm-Stift‘ in Karlsruhe – ein Lehrerinnenseminar im Lichte seiner Bibliothek, in: Karlsruher pädagogische Beiträge. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft und Fachdidaktik, hrsg. von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, Bd. 35, 1995, S. 105-138.