Universitätsbibliothek Heidelberg.

Marie Baum

Chemikerin, Politikerin, * 23. März 1874 Danzig, † 8. August 1964 Heidelberg, ev., ledig.

Das selbstlose Engagement des Vaters, der als Arzt mittellose Patienten unentgeltlich behandelte, hat Marie Baum, die als Wegbereiterin der Sozialarbeit gilt, entscheidend geprägt. Nach dem Abitur in Zürich studierte sie Chemie am dortigen Eidgenössischen Polytechnikum. 1896 wurde sie diplomiert und 1899 promoviert. Ab 1899 arbeitete sie als Chemikerin bei der Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation (AGFA) in Berlin. Die dort erfahrenen Missstände durch profitorientierte rücksichtslose Unternehmer und daraus resultierende unzumutbare Arbeitsbedingungen veranlassten sie, ihr weiteres Leben in den Dienst der sozialen Fürsorge zu stellen. Sie kündigte bei AGFA und zog 1902 nach Karlsruhe, wo sie als Nachfolgerin von Else Jaffé-von Richthofen beim Badischen Innenministerium die Stelle einer Fabrikinspektorin antrat.

Ihre Aufgabe war es, die Einhaltung der gesetzlichen Arbeitsschutzbestimmungen für die etwa 55.000 Frauen und circa 17.000 Jugendlichen in badischen Betrieben zu überwachen. 1906 erschien im G. Braun Verlag Baums erste Publikation über die soziale Lage der Lohnarbeiterinnen in Karlsruhe, die sie für die hohe Säuglingssterblichkeit verantwortlich machte. Wegen ständiger Differenzen mit dem Vorstand der badischen Fabrikinspektion, Karl Bittmann, nahm sie 1907 die Stelle der Geschäftsführerin des "Vereins für Säuglingsfürsorge" im Regierungsbezirk Düsseldorf an, wo sie ihr Konzept einer gezielten Familienfürsorge entwickelte.

Als Abgeordnete der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) gehörte Baum der Weimarer Nationalversammlung und als Abgeordnete des Wahlkreises Schleswig-Holstein dem ersten Reichstag der Weimarer Republik an. 1919 kehrte sie als Referentin für Wohlfahrtspflege beim Badischen Arbeitsministerium (ab 1924 Innenministerium) nach Karlsruhe zurück. Für die Betreuung notleidender Kinder der Nachkriegszeit verantwortlich, baute sie ab 1920 auf dem Heuberg in der Schwäbischen Alb ein mustergültiges Kinderdorf für etwa 1.000 Kinder auf, das bis zu seiner Auflösung durch die Nationalsozialisten 1933 über 100.000 Kindern aus ganz Deutschland als Erholungsheim diente. Aufgrund mangelnder Unterstützung von staatlicher Seite gab Baum 1926 die Referentenstelle auf. 1927 veröffentlichte sie ihr Standardwerk zur Familienfürsorge. Von 1928-1933 und 1946-1952 war sie Lehrbeauftragte für soziale Fürsorge und Wohlfahrtspflege an der Universität Heidelberg. Während des Lehrverbots im Dritten Reich aufgrund ihrer jüdischen Großmutter Rebecka Mendelssohn-Bartholdy half sie jüdischen Bürgern bei der Ausreise.

Zum 75. Geburtstag 1949 erhielt sie von der Universität Heidelberg die Ehrenbürgerwürde sowie zum 80. Geburtstag 1954 das Bundesverdienstkreuz. Die Marie-Baum-Straße in Karlsruhe wurde 2000 nach ihr benannt.

Katja Förster 2014

Werk

Drei Klassen von Lohnarbeiterinnen in Industrie und Handel der Stadt Karlsruhe, Karlsruhe 1906; Gesundheitliche Säuglings- und Kleinkinder-Fürsorge, in: Stefan Engel: Grundriss der Säuglings- und Kleinkinderkunde, München 1922, S. 239-315; Familienfürsorge. Eine Studie, Karlsruhe 1927, 2. Aufl. 1928; zusammen mit Alice Salomon: Das Familienleben in der Gegenwart. 182 Familienmonographien, Berlin 1930 (= Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit. Forschungen über „Bestand und Erschütterung der Familie in der Gegenwart“, Bd. 1); Rückblick auf mein Leben, Heidelberg 1950; Leuchtende Spur. Das Leben Ricarda Huchs, Tübingen 1950; Ricarda Huch. Briefe an die Freunde, Tübingen 1960; Anna von Gierke. Ein Lebensbild, Weinheim 1954.

Literatur

Wolfgang Bocks: Baum, Marie, Sozialpolitikerin, Verfolgte des NS-Regimes, in: Baden-Württembergische Biographien, Bd. 1, hrsg. von Bernd Ottnad, Stuttgart 1994, S. 9-11; Petra Schaffrodt: Marie Baum. Ein Leben in sozialer Verantwortung. Katalog zur Ausstellung im Universitätsmuseum Heidelberg, hrsg. von Werner Moritz, Ubstadt-Weiher 2000; Angela Borgstedt: Marie Baum. Chemikerin, Sozialwissenschaftlerin und Sozialfürsorgerin, Politikerin und Schriftstellerin, in: Lebensbilder aus Baden-Württemberg 23 (2010), S. 321-349.