Luftaufnahme des Reaktorgeländes, um 1965, Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA V V 3275.

Forschungszentrum Karlsruhe (vormals Kernforschungszentrum Karlsruhe)

Das Forschungszentrum Karlsruhe ist eine ehemals eigenständige Wissenschaftseinrichtung auf dem Gebiet der Atomphysik bzw. Kernforschung.

Als die Planungen für den Bau eines deutschen Atomreaktors 1953 begannen, bewarb sich die Stadt Karlsruhe, unterstützt von der Landesregierung, um dessen Ansiedlung in Karlsruhe. Nachdem München wegen seiner nach Auffassung der NATO geostrategisch ungünstigen Lage 1955 als Mitbewerber ausgeschieden war, fiel die Entscheidung für Karlsruhe. Am 19. Juli 1956 wurde dann in Karlsruhe die Kernreaktor Bau- und Betriebsgesellschaft mbH mit Beteiligung von Bund (20%), Land (30%) und Industrie (50%) und 1959 die Gesellschaft für Kernforschung durch Bund und Land gegründet. 1963 fusionierten beide Gesellschaften, wobei die Beteiligung der Industrie endete. 1978 in Kernforschungszentrum Karlsruhe GmbH umbenannt erfolgte mit dem Beginn der 1990er-Jahre wohl auch als Folge der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl die zunehmende Fokussierung auf Umwelttechnik, Energie- und insbesondere auf physikalische Grundlagenforschung, die zur Umbenennung in Forschungszentrum Karlsruhe - Technik und Umwelt (ab 1995) führte. Ab 2002 wurde der Untertitel "Technik und Umwelt" durch "in der Helmholtz-Gemeinschaft" ersetzt. Nachdem bereits in der Vergangenheit lose Verbindungen zur Universität Karlsruhe (TH) bestanden hatten, kam es 2006 anlässlich der Exzellenzinitiative des Bundes zur Intensivierung der Zusammenarbeit beider Institutionen durch die formale Gründung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Zum 1. Oktober 2009 erfolgte schließlich der Zusammenschluss des Forschungszentrums Karlsruhe mit der Universität Karlsruhe (TH) zum KIT als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Seitdem bildet das Forschungszentrum den Campus Nord des KIT.

Der Reaktor sollte nach ersten Plänen auf einem Karlsruher Areal nördlich des Rheinhafens entstehen. Deswegen befasste sich auch der Karlsruher Gemeinderat 1955 mit der Planung. Gegen nur wenige kritische Stimmen, die vor der radioaktiven Strahlung warnten, bekannte sich die Mehrheit zur friedlichen Nutzung der Kernenergie. Das Kernforschungszentrum entstand jedoch nicht am Rhein, da das zur Kühlung benötigte Rheinwasser wegen der Kaligewinnung am Oberrhein als zu aggressiv eingeschätzt wurde. Die Anlage wurde schließlich auf einem zwei Quadratkilometer großen Gelände der Gemeinde Eggenstein-Leopoldshafen zwölf Kilometer nördlich von Karlsruhe im Hardtwald gebaut. Von 1961 bis in die 1990er Jahre entstand hier eine der größten Kernforschungsanlagen Deutschlands mit folgenden Reaktoren (in Klammern die Kurzbezeichnungen und Betriebszeiten):

- Der Forschungsreaktor 2 (FR 2, 1961-1981) war der erste in Eigenbau realisierte deutsche Reaktor und der bisher leistungsstärkste Forschungsreaktor in der Bundesrepublik Deutschland;
- Der Schnell-thermische Argonautreaktor (STARK, 1963-1976);
- Die Schnelle-unterkritische Anordnung (SUAK, 1964-1978);
- Der Mehrzweckforschungsreaktor (MFZR, 1965-1984). Neben Forschungszwecken diente er der Stromerzeugung und der Fernwärmeversorgung des Forschungszentrums;
- Die Schnelle Nullenergie-Anordnung (SNEAK, 1966-1985);
- Der Siemens Unterrichtsreaktor (SUR K, 1966-1996);
- Die Kompakte Natriumgekühlte Kernanlage (KNK I, 1966-1974 und KNK II, 191977-1991). KNK I wurde als so genannter thermischer Reaktor in Betrieb genommen und nach Umbau zu KNK II als Prototyp eines schnellen Brutreaktorkraftwerks weiter genutzt. Er diente als Versuchsanlage bis zur Beendigung des Projekts eines "schnellen Brüters" in Kalkar.

Auf dem Gelände des Kernforschungszentrums wurde zudem das 1957 gegründete Institut für Transurane angesiedelt, an dem sich 1958 die Euratom-Behörde beteiligte. Seit 2016 firmiert es als Joint Research Centre - Institut für Transurane, JRC-ITU und ist eine von sieben Forschungsstellen der Europäischen Kommission. 1965 begann hier die Forschung und Verarbeitung von hochradioaktiven Stoffen, unter anderem wurden ab 1966 für das französische Kernforschungszentrum Cadarache 2.100 Brennstäbe hergestellt. Aufgaben des ITU sind heute die Überwachung des nuklearen Brennstoffkreislaufs, es ist Referenzzentrum für die Kernmaterialforschung, für medizinische Anwendung von Radionukliden und für nukleare Sicherheit. Als weitere Einrichtung entstand 1964 eine Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen. Die Wiederaufarbeitungsanlage für Kernbrennstoffe Karlsruhe (WAK) ging 1971 in Betrieb als Pilotanlage zur Erprobung für eine große kommerzielle Anlage, die in Wackersdorf entstehen sollte. Mit der Aufgabe dieses Vorhabens 1989 endete auch der Betrieb der WAK im Kernforschungszentrum 1990. Etwas über 200 Tonnen radioaktives Material wurde hier zur weiteren Verwendung wieder aufbereitet.

Das Kernforschungszentrum verbreiterte seit den 1990er Jahren seine Forschungsinteressen erheblich, und heute haben dort zahlreiche Institute des KIT und auch das Fachinformationszentrum Karlsruhe ihren Sitz. Gleichwohl belegen immer noch die radioaktiven Hinterlassenschaften der Atomforschung einen großen Teil des Areals. Aus der WAK ging 2006 die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe Rückbau- und Entsorgungsgesellschaft hervor, die seit 2009 für die Rückbau- und Entsorgungstätigkeiten an allen kerntechnischen Anlagen des ehemaligen Kernforschungszentrums zuständig ist. Seit 2017 heißt die GmbH B Kerntechnische Entsorgung Karlsruhe (KTE).

Die vier kleineren Forschungsreaktoren STARK, SUAK, SNEAK und SUR sind inzwischen lange stillgelegt und auch rückgebaut. Noch rückgebaut werden dagegen durch die KTE die Reaktoren FR2, KNK und MFZR. Die radioaktiven Komponenten von FR2 befinden sich heute im sicheren Einschluss, im Reaktorgebäude ist eine Ausstellung über die Entwicklung der Kerntechnik in Deutschland untergebracht. Rückgebaut werden derzeit zudem die Anlagen der WAK und der Verglasungsanlage Karlsruhe (VEK). Diese war 1999-2005 errichtet worden, um 2009/10 hochradioaktive etwa 60 Kubikmeter flüssige Rückstände aus dem Wiederaufarbeitungsprozess von Kernbrennstoffen in Glaskokillen einzuschließen, die dann 2011 in Castorbehältern in das Zwischenlager Greifswald abtransportiert wurden. Rückzubauen sind zudem sogenannte Heiße Zellen, Laboreinrichtungen, in denen bestrahlte Materialien untersucht wurden. Der Rückbau der kerntechnischen Anlagen in Eggenstein-Leopoldshafen soll nach heutigem Stand in den 2060er Jahren abgeschlossen sein.

Auf dem Gelände des ehemaligen Kernforschungszentrums lagerte 2017 mit etwas über 70.000 Kubikmetern etwa die Hälfte aller schwach- und mittelradioaktiven Abfälle Deutschlands. Da der Schacht Konrad in Salzgitter als Endlager auf absehbare Zeit nicht verfügbar ist, wird die Kapazität auf dem Campus Nord durch zwei neue Lagerhallen bis 2020 auf 100.000 Kubikmeter erhöht.

Manfred Koch 2017

Quellen

StadtAK 1/H-Reg 3768-3769, 8/StS 17/162, 8/ZGS VIII 2; GLA 69 KfK; KIT-Archiv 21001-21002, 21011, 28021, 28023; http://www.atommuellreport.de/daten/wak-karlsruhe.html; Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg: Bericht über die Entsorgung von radioaktiven Abfällen und abgebrannten Brennelementen auf Baden-Württemberg, April 2017, https://um.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-um/intern/Dateien/Dokumente/3_Umwelt/Kernenergie/Berichte/uebergeordnet/1704_Entsorgungsbericht.pdf (Zugriff am 26. Oktober 2017).

Literatur

Günther Oetzel: Forschungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland: Entstehung und Entwicklung einer Institution der Großforschung am Modell des Kernforschungszentrums Karlsruhe (KfK) 1956–1963, Karlsruhe 1995 (= Europäische Hochschulschriften 3; 711); Peter Sperling: Geschichten aus der Geschichte. 50 Jahre Forschungszentrum Karlsruhe – Bereit für die Zukunft, Karlsruhe 2006; Michael Hartmann: Der Weg zum KIT, Karlsruhe 2013 (= Veröffentlichungen aus dem Archiv des Karlsruher Instituts für Technologie Bd. 3).