Evangelische Kirche Neureut-Nord, 1981, Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A42/135/2/12.

Evangelische Kirche Neureut-Nord

Auf dem Gelände der heutigen Evangelischen Kirche Neureut-Nord befand sich bis 1885 die alte evangelische Kirche, die etwa um die Mitte des 15. Jahrhunderts errichtet und bis zu ihrem Abbruch mehrfach renoviert, instandgesetzt und umgebaut worden war. Ein Neubau war notwendig geworden, da die alte Kirche bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts für die Zahl der Gläubigen zu klein geworden und an den sonntäglichen Gottesdiensten regelmäßig überfüllt war. Den Auftrag zum Entwurf eines neuen Kirchengebäudes erhielten Baurat Karl Philipp Dyckerhoff und dessen Gehilfe, Baumeister Hermann Speer. Während des Baus der Kirche wurde auf dem Gelände des Teutschneureuter Friedhofs eine Notkirche errichtet, die nach der Fertigstellung der neuen Kirche wieder abgebrochen wurde. Die Bauarbeiten für das im neugotischen Stil geplante Gotteshaus begannen im Oktober 1885 und dauerten bis Juni 1888. Am 17. Juni 1888 erfolgte in Anwesenheit von Großherzog Friedrich I. von Baden die feierliche Einweihung.

Die neue evangelische Kirche Neureut-Nord ist 48 Meter lang, 20 Meter breit, hat eine Schifffirsthöhe von 25 Metern und einen Turm von 51 Metern Höhe. Das 30 Meter lange und 18 Meter breite Kirchenschiff bietet Sitzplätze für 1.100 Personen. An der Kirche fehlen die für einen gotischen Sakralbau charakteristischen reichen Verzierungen, die Kapitelle sowie Ranken und Figuren. Durch das dreischiffige Langhaus mit hohem Mittelschiff und spitzen Säulenbögen, den geräumigen Chor mit seinem netzartigen Deckengewölbe und das bemalte Chorfenster vermittelt die Kirche das harmonische Bild protestantischer Schlichtheit.

Wegen des Metallbedarfs zur Waffenproduktion im Ersten Weltkrieg mussten 1917 drei der vier Kirchenglocken abgegeben werden. 1921 konnten zwei bei der Glockengießerei Bachert angefertigte neue Glocken geweiht werden, 1934 folgte eine weitere. Nach etwas mehr als einem Jahr Bauzeit fand 1927 die Einweihung des Gemeindehauses an der Ostseite des Pfarrgartens statt. Während der untere Saal für Wochengottesdienste im Winterhalbjahr, Lichtbilder-, Missions- und Gemeindeabende genutzt wurde, fanden im Obergeschoss die Jugendräume und die Nähschule Platz.

Wie bereits im Ersten Weltkrieg mussten auch im Zweiten Weltkrieg drei Glocken für die Kriegswaffenproduktion entfernt werden. Es dauerte bis 1955, ehe die Kirche alle Glocken wiederbeschafft hatte. Durch Luftangriffe erlitt das Gotteshaus starke Zerstörungen im Kirchenschiff und am Dach, lediglich der Kirchturm blieb erhalten. Im Rahmen der Neugestaltung der Hauptstraße wurde das Kriegerdenkmal 1957 von seinem Platz vor dem Kirchenportal entfernt und beim Nord-Friedhof aufgestellt, bevor es 1988 an seine alte Stelle zurückkehrte.

Seit mittlerweile 70 Jahren ohne Instandsetzung, befand sich das Innere der Kirche Mitte der 1950er-Jahre in einem dringend sanierungsbedürftigen Zustand, zumal viele Kriegsschäden nur notdürftig repariert worden waren und die Heizung große Probleme bereitete. Nach mehreren Jahren der Planung – inzwischen war 1959 die Orgel repariert und um ein drittes Manual erweitert worden – wurde 1960/61 der Innenraum der Kirche renoviert. Die dabei vorgenommene Gestaltung der Glasfenster unterhalb der Empore übernahm Helmuth Uhrig (1906-1972). Die Motive zeigen Darstellungen biblischer Geschichten – beginnend rechts vom Eingang zum Altar aus dem Alten Testament, und links beginnend vom Eingang zum Altar aus dem Neuen Testament. Weitere Baumaßnahmen der Kirchengemeinde dieser Zeit waren, nachdem der Nordfriedhof nicht erweitert werden konnte, die Anlage des neuen Hauptfriedhofs (1964) und die Errichtung des Paul-Gerhardt-Kindergartens (1967).

Ende der 1960er-Jahre wurde festgestellt, dass durch die Renovierung des Kircheninnenraums an der Orgel irreparable Schäden entstanden waren. In zwei Bauabschnitten wurde 1976 und 1978 eine neue Orgel eingebaut. Abgeschlossen wurden die Baumaßnahmen 1985 mit der Renovierung des Gemeindehauses und der Fertigstellung des Anbaus.

Nach der Überarbeitung der Steinfassade und der Kirchenfenster zu Beginn des 21. Jahrhunderts sowie der Erneuerung der Schiefereindeckung (2001/02) folgte 2008 bis 2010 eine zweite Innensanierung, die unter anderem die Erneuerung der Heizung, das Freilegen alter neugotischer Einrichtungen, eine farbliche Modernisierung der Wandflächen sowie die Erweiterung der Orgel umfasste. Zusammen mit dem Gemeindehaus und zwei Kindergärten (Paul-Gerhardt, Nordstern) bildet die Kirche die Evangelische Kirchengemeinde Neureut-Nord. Diese gehört seit 1988 zum Evangelischen Kirchenbezirk Karlsruhe-Land.

René Gilbert 2019

Literatur

Evangelische Kirchengemeinde Neureut-Nord (Hrsg.): 100 Jahre Evangelische Kirche Neureut-Nord, Karlsruhe 1988; Jürgen Krüger: Kirchen in Karlsruhe und die Synagoge, hrsg. von Günter Frank u. a., Ubstadt-Weiher 2015, S. 131 f.