Paul Maria Dorr
Reichsbankbeamter, Brigadeführer der Sturmabteilung (SA) der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), * 18. Februar 1900 Saarbrücken, † 4. Februar 1969 Donaueschingen, kath., 1926 aus der Kirche ausgetreten, ∞ 16. Februar 1932 Lotte Charlotte Narr, keine Kinder.
Einer der ranghöchsten badischen SA-Führer war der Reichsbankbeamte Paul Dorr, Sohn eines Gerichtsaktuars. Schon im Ruhrkampf 1923 aktiv, kam er in diesem Jahr mit der NSDAP in Kontakt, trat dieser aber erst nach deren Wiedergründung 1925 in Düsseldorf bei, Mitgliedsnummer 25.557, und wurde dort erster Führer der SA. 1927/28 zog er nach Karlsruhe, trat auch dort im Februar 1928 in die SA ein und war an etlichen Straßenschlachten und Schlägereien mit gegnerischen Parteien beteiligt, unter anderem an der so genannten Hölzschlacht. Nach dem Reichsparteitag 1929 wurde er Leiter der Karlsruher SA-Standarte 1.
1930 zog er nach Kaiserslautern, 1933 nach Schwabach, wo er jeweils die Führung der SA übernahm. Zum 1. Juni 1935 wurde er Leiter der SA-Standarte 126 in Donaueschingen, ehe er Ende 1937 die Führung der SA-Brigade 53 (Baden) übernahm. In Donaueschingen kam er 1934 im Zusammenhang mit der sogenannten Röhm-Affaire kurz in „Schutzhaft“. 1936 leitete er den Bau der SA-Gruppenschule Südwest in Klein-Ingersheim östlich von Bietigheim, einer Kaderschmiede der SA. Es folgte 1938 die Beförderung zum SA-Oberführer. Er trat nun auch bei Versammlungen als Reichsredner auf. 1941 wurde er SA-Brigadeführer, nachdem er seit August 1940 die SA im annektierten Elsass aufgebaut hatte. Als er im Mai 1941 die SA-Gruppe Oberrhein an seinen Nachfolger Leopold Damian übergab, wurden seine Verdienste um den Aufbau der SA im Elsass hervorgehoben und betont, dass er als alter Gardist der Bewegung einer der ältesten SA-Führer im Gau Baden sei (Straßburger neueste Nachrichten vom 27. Mai 1941).
Im Zweiten Weltkrieg nahm Dorr, der bei Kriegsbeginn Oberleutnant der Reserve war, am Frankreichfeldzug, dann am Russlandfeldzug teil und wurde 1944 als vermisst gemeldet, geriet aber, wie sich später herausstellte in russische Gefangenschaft. Nach seiner Rückkehr nach Donaueschingen Ende 1949, wohin seine Frau nach dem Krieg von Karlsruhe, zuletzt in der Hermann-Billing-Straße 6 wohnhaft, wieder gezogen war, kam ihm in seinem Spruchkammerverfahren zugute, dass dieses erst nach Beginn des Kalten Krieges durchgeführt wurde. Folgerichtig wurde ihm von der Verteidigung bescheinigt, dass er als „Idealist“ 1925 in die NSDAP, die damals einzige Partei, die den aggressiven Weltkommunismus auf das Heftigste bekämpfte, eingetreten sei. Seine Beteiligung an der Niederschlagung der kommunistischen Aufstände 1919/20 wurden ihm ebenfalls positiv angerechnet, da er schon damals „die Gefahr des aggressiven Kommunismus für die zivilisierte Welt erkannt“ habe. Betont wurde, dass sich dies „zwangsläufig aus der heutigen politischen Situation“ als richtig erwiesen habe. Dieser Argumentation folgte die Kammer und stufte ihn als Minderbelasteten ein, der mit zwei Jahren Haft auf Bewährung davonkam.
Dorr arbeitete nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft als Buchhalter bei einer Großhandlung in Donaueschingen.
Quellen
StadtA Donaueschingen Meldekartei, Sterberegister, Personalakten Lotte Dorr; StAF D 180/2 Nr. 225324; Karlsruher Zeitungen, https://digital.blb-karlsruhe.de/topic/view/7756828 (Zugriff am 15. Mai 2026), u. a. Artikel von Paul Dorr „Von Mühlburg bis Rintheim oder ‚Parole: Rache‘. Erinnerungen aus der Kampfzeit“ in: Der Führer vom 30. Januar 1938.