Hermann Staudinger auf einem Hochhaus im Mühlburger Feld zwischen Weinbrenner- und der nach ihm benannten Straße, 6. November 1954, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 741.

Hermann Staudinger

Chemiker, * 23. März 1881 Worms, † 8. September 1965 Freiburg i. Br., ev., ∞ 1. 1906 Mina Mathilde Dorothea Förster (1886-1964), 2. 1928 Magda Woit, 1 Sohn, 3 Töchter aus erster Ehe.

Hermann Staudinger, Sohn des Gymnasialprofessors und Philosophen Franz Staudinger, erlernte auf Wunsch seines Vaters zunächst das Tischler- und Schreinerhandwerk. Schon früh an der Welt der Pflanzen interessiert, wollte Staudinger nach dem 1899 abgelegten Abitur Botanik studieren, wandte sich dann aber dem Studium der Chemie in Darmstadt, München und Halle zu. Nach der Promotion 1903 in Halle wurde Staudinger wissenschaftlicher Assistent in Straßburg, wo er bei Arbeiten zur Umwandlung von Carbonsäuren in Aldehyde das erste Keten entdeckte. Die weitere Beschäftigung mit Ketenen führte 1907 zu seiner Habilitation.

Im selben Jahr erhielt Staudinger einen Ruf als Professor für Organische Chemie an die Technische Hochschule (TH) Karlsruhe. In seiner Karlsruher Zeit forschte Staudinger, den mit Carl Engler eine enge Freundschaft verband, insbesondere zur Chemie der Ketone. Außerdem führte er Untersuchungen durch, bei denen die einfachste Synthese des Diazomethans aus Chloroform und Hydrazin entdeckt wurde.

1912 wechselte Staudinger als Ordinarius an die ETH Zürich, wo er seine in Karlsruhe begonnenen Arbeiten über Ketene, Nitrene, Phosphine und aliphatische Diazoverbindungen mit einigen seiner Mitarbeiter aus Karlsruhe fortsetzte. Auch legte er dort den Grundstein für seine später ausgeweiteten Forschungen zu hochmolekularen Natur- und Kunststoffen wie Cellulose und Kautschuk. Als einer der führenden Chemiker seiner Zeit lehnte es Staudinger im Gegensatz zu der Mehrheit seiner Kollegen ab, im Ersten Weltkrieg nationalistische Manifeste zu unterzeichnen. Zudem verweigerte er die Mitarbeit bei der Entwicklung chemischer Kampfstoffe als Kriegswaffe und erklärte dem deutschen Oberkommando seine Ansicht, dass der Krieg von Deutschland und seinen Verbündeten wegen der besseren technischen Ausstattung der Entente-Mächte nicht gewonnen werden könne.

1926 folgte Staudinger einem Ruf nach Freiburg. Nach 1933 geriet er wegen einer Denunziation in Misskredit, blieb aber im Amt. Er durfte allerdings nicht mehr ins Ausland reisen. In der NS-Zeit betrieb Staudinger kriegswichtige Forschungen und passte sich der NS-Ideologie an. In der 25-jährigen Wirkungszeit in Freiburg erfolgten seine wegweisenden Arbeiten zur makromolekularen Chemie, die ihn zum Vater der modernen Kunststoffchemie machten. 1953 erhielt er den Nobelpreis für Chemie. Weitere Auszeichnungen Staudingers waren die Emil-Fischer-Medaille 1930, die Ernennung zum Mitglied der Leopoldina 1932, das Große Bundesverdienstkreuz 1952, die Ernennung zum Ehrenbürger der Stadt Freiburg im Breisgau 1954 sowie die Ehrendoktorwürden der Universitäten Mainz, Salamanca, Turin und Straßburg. Ebenfalls 1954 wurde im Mühlburger Feld in Karlsruhe die Staudingerstraße nach ihm benannt.

René Gilbert 2015

Quellen

Archiv des KIT 28002/461; Nachlass im Deutschen Museum München.

Werk

Anlagerung des Malonesters an ungesättigte Verbindungen, Diss. Halle 1903; Die Ketene, Habil.-Schrift Stuttgart 1912; Über Polymerisation, 1920; Anleitung zur organischen qualitativen Analyse, Berlin 1923; Tabellen zu den Vorlesungen über allgemeine und anorganische Chemie, Karlsruhe 1927; Die hochmolekularen Verbindungen, Kautschuk und Cellulose, Berlin 1932; Organische Kolloidchemie, Braunschweig 1940; Makromolekulare Chemie und Biologie, Basel 1947; Vom Aufstand der technischen Sklaven, Essen/Freiburg 1947; Arbeitserinnerungen, Heidelberg 1961.

Literatur

Friedrich Raab (Red.): Die technische Hochschule Fridericiana Karlsruhe. Festschrift zur 125-Jahrfeier, Karlsruhe 1950, S. 133, S. 144 f.; Hans Sachsse: Hermann Staudinger. Ein Chemiker zur Friedensdiskussion, in: Nachrichten aus Chemie, Technik und Labor 32 (1984), S. 974-976; Hans Batzer/Helmut Ringsdorf: Staudinger, Hermann, in: Badische Biographien NF Bd. II, hrsg. von Bernd Ottnad, Stuttgart 1987, S. 265-267; Manfred Wilhelm: Staudingers time in Karlsruhe and his later relations to Karlsruhe, in: Advances in Polymer Science 261 (2013), S. 53-60.