Leo Kullmann, 1918, Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 12/55b.

Leo Kullmann

Jurist, Politiker, Opfer des Nationalsozialismus, * 1. November 1877 Cottage Grove/Bundesstaat Oregon/USA, † 20. Januar 1941 Gurs/Dép. Pyrénées-Atlantiques/Frankreich, jüd., ∞ 1910 Alice Katz, verw. Lurch, 1 Tochter.

Leo Kullmann kam mit seinen Eltern früh nach Deutschland, wo er in Frankfurt 1896 das Abitur ablegte. Anschließend studierte er bis 1899 Jura in München, Berlin und Heidelberg, wo er 1900 promoviert wurde. Das Referendariat leistete er am Amts- und Landesgericht in Karlsruhe ab, wo sein Vater Louis mit der Bezeichnung Privatier im Adressbuch von 1898 erstmals verzeichnet ist. Nach der zweiten Staatsprüfung 1903 ließ er sich als Anwalt in Karlsruhe nieder und lebte mit seiner seit 1902 verwitweten Mutter in der Amalienstraße 63.

1905 trat Kullmann der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) bei und stieg in der Karlsruher Ortsgruppe rasch zur Führungsgruppe auf. So vertrat er die SPD-Karlsruhe auf den Parteitagen der badischen SPD und hielt am 1. Mai 1914 die Festansprache. 1911 wurde er Stadtverordneter, 1919 Stadtrat und 1921-1925 Abgeordneter im Badischen Landtag. Hier nahm er als Mitglied des Ausschusses für Rechtspflege und Verwaltung im Wesentlichen zu Rechtsfragen Stellung. In den innerparteilichen Auseinandersetzungen zwischen dem reformistischen und dem linken Flügel der Partei nahm er eine vermittelnde Position ein. Im Ersten Weltkrieg teilte er lange die Haltung der sozialdemokratischen Rechten, die expansionistische Kriegsziele nicht ablehnte. Kullmanns besonderer Einsatz galt der Arbeiterbildung. Als Vorsitzender des SPD-Bildungsausschusses hielt er zahlreiche Vorträge zu historischen, künstlerischen und weltanschaulichen Themen.

1923 gab Kullmann den Beruf des Anwalts auf und wechselte als Richter an das Landgericht Karlsruhe, 1930 wurde er Richter am Oberlandesgericht. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten und deren Antisemitismus trafen auch den Richter Kullmann: Am 18. April 1933 wurde er aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums aus dem Staatsdienst entlassen, das Ruhegehalt betrug nur ein Viertel seiner vorherigen Bezüge. Mehrere Versuche der Familie, vor 1938 gültige Reisepässe zu erhalten, scheiterten, so dass die Flucht aus Deutschland nicht gelang. Am 22. Oktober 1940 wurde die Familie Kullmann aus Karlsruhe in das KZ Gurs deportiert. Dort starb der Vater kurz darauf. Die Ehefrau wurde mit der Tochter am 10. August 1942 über Paris-Drancy nach Auschwitz deportiert, wo beide umkamen.

An die Familie Leopold Kullmann erinnern in Karlsruhe seit 2013 drei Stolpersteine vor der letzten Wohnadresse Kriegsstraße 69 und für den Landtagsabgeordneten ein Stolperstein vor dem Neuen Ständehaus, das anstelle des ehemaligen Parlamentsgebäude in der Ritterstraße steht.

Manfred Koch 2016

Quellen

Stolpersteine in Karlsruhe, http://www.stolpersteine-karlsruhe.de/verlegungen-2005-bis-2014/verlegung-2013/ (Zugriff am 22. August 2016); Doris, Michael und Annick Knoblich: Beitrag Leopold, Alice und Gertrud Kullmann, in: Gedenkbuch für die Karlsruher Juden, http://gedenkbuch.informedia.de/gedenkbuch.php?PID=12&name=2286&seite=4&suche=K (Zugriff am 22. August 2016).

Literatur

Monika Pohl: Leopold Kullmann, in: Manfred Koch (Hrsg.): Im Mittelpunkt der Mensch. Parlamentsreden Karlsruher SPD-Abgeordneter, Karlsruhe 2001, S. 67-74, https://books.google.de/books?id=SVVO6kcaqXkC&pg=PA68&lpg=PA68&dq=%22Leo+Kullmann&source=bl&ots=siKs2pAnHm&sig=3-gUFtaTAbtVLaikXVfk0ngsuxg&hl=de&ei=weLPSaC7HMuRsAbR29GsCA&sa=X&oi=book_result&ct=result&redir_esc=y#v=onepage&q=%22Leo%20Kullmann&f=false (Zugriff am 22. August 2016).