Arthur Heinrich Böhtlingk

Historiker, Literaturwissenschaftler, * 31. Mai 1849 St. Petersburg, † 15. November 1929 Karlsruhe, ev., ∞ 1887 Nathalie Osterieth, 1 Tochter.

Arthur Heinrich Böhtlingk entstammte einer Kaufmannsfamilie, die im frühen 18. Jahrhundert von Lübeck nach St. Petersburg ausgewandert war. Einen Teil seiner Schulzeit verbrachte Böhtlingk in England, wo er Shakespeare für sich entdeckte. Anschließend nahm Böhtlingk ein Studium der Geschichte, Philosophie und Nationalökonomie in Jena auf, das er 1872 mit der Promotion abschloss. Nach kurzen Aufenthalten in Berlin und Heidelberg kehrte Böhtlingk nach Jena zurück und habilitierte sich dort 1876 in Geschichte und Literatur. Die folgenden Jahre lehrte er in Jena, erhielt 1879 eine außerordentliche Professur und wurde zum wichtigsten Lehrer des jungen Gerhart Hauptmann.

1886 nahm Böhtlingk einen Ruf als Ordinarius für Geschichte und Literatur an der Technischen Hochschule (TH) Karlsruhe an. Mit seiner leidenschaftlich vertretenen, aber nie bewiesenen These von Napoleon als dem Auftraggeber des Rastatter Gesandtenmords von 1799 manövrierte sich Böhtlingk unter den Historikerkollegen jedoch ins wissenschaftliche Abseits. 1895 eskalierte die Auseinandersetzung, als der Karlsruher Archivar Karl Obser Böhtlingks These als unmöglich und willkürlich bezeichnete. Böthlingks Erwiderung darauf wurde als Beleidigung eingestuft und mit einer Strafe belegt. Die unversöhnliche Position Böhtlingks führte in der Folge zum bleibenden Bruch zwischen ihm, der Badischen Historischen Kommission und dem Generallandesarchiv sowie zeitweise zu einer Beeinträchtigung seiner wissenschaftlichen Arbeit.

Böhtlingk, 1892-1902 Mitglied des Nationalliberalen Vereins in Karlsruhe, widmete sich daraufhin verstärkt aktuellen politischen Themen, indem er in unzähligen Artikeln, Broschüren und Vorträgen seine Ansichten zum Zeitgeschehen, die im Bürgertum den meisten Anklang fanden, veröffentlichte. Die Neigung Böhtlingks zu persönlichen Schmähungen und Beleidigungen brachten ihm mehrere Klagen ein. In seinen Publikationen befasste sich Böhtlingk ausgiebig mit dem von ihm verehrten Bismarck, dem badischen Eisenbahnwesen, dem Verhältnis Shakespeares zur deutschen Klassik, sowie in einer Art Privatfehde mit der katholischen Kirche bzw. dem Papsttum. Auch nach seiner Pensionierung 1919 blieb der stark schwerhörige Böhtlingk weiter publizistisch tätig, ohne freilich eine Annäherung an seine früheren Kritiker anzustreben. Böhtlingk schrieb zudem drei Historiendramen, die jedoch ohne Erfolg blieben. Dem streitbaren Historiker widmeten weder die Historische Zeitschrift noch die Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins einen Nachruf.

René Gilbert 2015

Quellen

Friedrich-Schiller-Universität Jena Bestand M Philosophische Fakultät Nr. 640 Habilitationsakten 1874-1876; GLA 60/171, 235/1812-1815, 466-22/6206; KIT-Archiv 21001/807, 28002/40; Nachlass in der BLB Karlsruhe.

Werk

Napoleon Bonaparte – seine Jugend und sein Emporkommen bis zum 13. Vendémiaire, Diss. Jena 1876; Napoleon Bonaparte und der Rastatter Gesandtenmord. Ein Wort an meine Herren Kritiker, Leipzig 1883; Der Rastatter Gesandtenmord vor dem Karlsruher Schöffengericht, Heidelberg 1895; Carl Friedrich Nebenius: Der deutsche Zollverein, das Karlsruher Polytechnikum und die erste Staatsbahn in Deutschland, Karlsruhe 1899; Shakespeare und unsere Klassiker, 3 Bde., Leipzig 1909/10; Bismarck und das päpstliche Rom. Genetische Darstellung an der Hand der Quellen, Berlin 1911.

Literatur

Rainer Brüning: Böhtlingk, Arthur Heinrich, in: Badische Biographien NF, Bd. V, hrsg. von Fred L. Sepaintner, Stuttgart 2005, S. 27 f.