Wahlplakat des Zentrums vor der Reichstagswahl 1890 mit dem Aufruf zur Teilnahme an einer Versammlung der Freisinnigen Partei am 26. Februar 1890, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS X 2998.
Rückseite eines Flugblatts mit einem Wahlaufruf der Badischen Zentrumspartei zur Reichstagswahl am 5. März 1933 mit einem Porträtfoto von Clara Siebert, Stadtarchiv Karlsruhe 8/StS 15/150v.

Zentrumspartei

Als am 9. Mai 1867 in Bruchsal die Badische Volkspartei, seit 1888 Badische Zentrumspartei, als Interessenvertretung der badischen Katholiken gegründet wurde, ging die Initiative von dem Heidelberger Jakob Lindau aus. Heidelberg war neben Baden-Baden, Bruchsal, Freiburg und Pforzheim bei den Unterzeichnern des Aufrufs vom 1. Mai auch besonders stark vertreten. Aus der Residenz Karlsruhe kamen dagegen nur zwei Teilnehmer – unter anderem die Nähe zum protestantischen Hof und das starke nationalliberale Bürgertum waren dafür mitverantwortlich. Mit dem 1859 von einer Reihe katholischer Politiker, darunter aus Karlsruhe der Direktor des Badischen Generallandesarchivs Franz Josef Mone, angekauften Karlsruher Anzeiger, aus dem am 1. Juni 1863 der Badische Beobachter geworden war, verfügte die neue Partei gleich über eine eigene Parteizeitung.

Eine Parteiorganisation gab es allerdings noch nicht. Die Parteiarbeit übernahmen Honoratioren und die katholischen Pfarrer, die sich als eine Hauptstütze der Volkspartei, später des Zentrums erwiesen. Eine wichtige Rolle spielte aber die Redaktion des Badischen Beobachters, die lange ein eigenes Parteisekretariat ersetzte, das erst nach dem Ersten Weltkrieg nachzuweisen ist. Der Badenia-Verlag, der den Badischen Beobachter herausgab, befand sich zunächst in der Adlerstraße 18, dann Adlerstraße 42 und schließlich in der Steinstraße 19, in der seit 1922 auch das Parteisekretariat angesiedelt war.

Im Kaiserreich konnte sich das Zentrum in Karlsruhe bei Reichstagswahlen und auch in den Landtagswahlen nicht durchsetzen, da dafür der Anteil der Katholiken, die Stammwählerschaft des Zentrums, zu gering war und auch nicht alle Katholiken die Partei wählten. Stattdessen unterstützte man häufig den linksliberalen Kandidaten. So rief der Vorsitzende des Komitees der Centrumspartei des Wahlkreises Karlsruhe-Bruchsal, der Redakteur des Badischen Beobachters J. A. Rüttgers, zum Besuch einer Versammlung der Freisinnigen Partei auf, bei der auch der badische Zentrumsführer Theodor Wacker sprechen sollte. Einen Hinweis auf die Stärke des Zentrums gibt die Reichstagswahl 1907, als das Zentrum knapp 16 Prozent in der Hauptwahl erreichte, womit die Partei aber nicht in die Stichwahl kam.

Das Zentrum blieb 1918 in Baden weiterhin in der ursprünglichen Form mit einer hohen personellen Kontinuität bestehen. In Karlsruhe steht dafür Rechtsanwalt Gustav Trunk, der sein 1911 erlangtes Stadtverordnetenmandat und seinen Sitz im Stadtrat 1919 aber wegen seiner landespolitischen Aktivitäten aufgab. Gleich nach der Bildung der Vorläufigen Volksregierung mit Zentrumsbeteiligung, auf die neben Trunk vor allem auch der spätere badische und Reichsfinanzminister Heinrich Köhler drängte, setzte eine intensive Versammlungstätigkeit zum Teil mit den führenden badischen Zentrumspolitikern ein, darunter auch etliche Frauenversammlungen. Auch Clara Siebert, 1919 eine der ersten weiblichen Abgeordneten in Deutschland, war in etlichen Versammlungen aktiv. Wie die zum linken Zentrumsflügel gehörenden Politiker Köhler, Trunk und Wirth trat sie für die demokratische Staatsform und die Zusammenarbeit mit den Linksliberalen und Sozialdemokraten ein, die in Baden als Weimarer Koalition bis 1932 dauerte.

Zu den führenden Karlsruher Politikern gehörten auch die Stadträte Ministerialdirektor Dr. Hermann Franz, Bäckermeister Theodor Gartner, Verwaltungsoberinspektor Adolf Kühn, Schifffahrtsdirektor Willy Menzinger, Arbeitsvermittler Ferdinand Schwan, Kaufmann Josef Sonner und Kaufmann Karl Wißler, die Stadträtinnen Anna Geiger und Maria Matheis sowie Fridolin Heurich, der Bezirksleiter des christlichen Bauarbeiterverbandes Oberbaden und Südwürttemberg, und Wilhelm Baur, der Sekretär der Zentrumspartei für Karlsruhe und Mittelbaden von 1923-1933. Baur übernahm 1931 auch die Leitung der Karlsruher Badenwacht, der Schutzorganisation des Zentrums vor nationalsozialistischen Störmanövern bei Versammlungen und anderen Veranstaltungen. Im Zentrum gab es erst relativ spät erste Ansätze zu einer modernen Parteiorganisation, als Ende 1910 ein Landessekretariat in Freiburg geschaffen wurde. Karlsruhe gehörte zu den nach 1918 neu geschaffenen regionalen Parteisekretariaten. Insgesamt blieb aber auch noch in der Weimarer Republik die katholische Geistlichkeit ein fester Bestandteil der Parteiorganisation, was nicht zuletzt eine stärkere Professionalisierung der Parteiarbeit verhinderte.

In der Weimarer Republik konnte das Zentrum bei den Landtags- und den Reichstagswahlen relativ stabile Wahlergebnisse zwischen 16,5 und 21,5 Prozent erreichen, schaffte aber in der Endphase der Weimarer Republik ab 1930 nicht mehr den Sprung über die 20 Prozent. Bei den Wahlen zum Bürgerausschuss lag die Zustimmung etwas höher, schwankte aber auch hier zwischen 24,9 (1919) und 18,6 Prozent (1930), was für 30 bzw. 16 Stadtverordnete reichte. Damit konnte das Zentrum weiterhin auch in Karlsruhe bei weitem nicht alle Katholiken als Wähler gewinnen und verlor ab 1930 auch Stimmen an die NSDAP, wenn auch bei weitem nicht in dem Ausmaß wie die anderen bürgerlichen Parteien. 1925 waren 46,3 Prozent der Karlsruher Bevölkerung katholisch.

Mit Hermann Schneider stellte das Zentrum von 1919 bis 1933 den Baubürgermeister. Als am 20. März 1933 nach der Machtübernahme im Zuge der Gleichschaltung der entscheidende Angriff der NSDAP auf die Verwaltungsspitze begann, erhielt Schneider zunächst keinen Kommissar an die Seite gestellt, musste aber auch am 8. Mai wie seine Kollegen und der Oberbürgermeister sein Amt niederlegen. Von den Stadträten und Stadtverordneten des Zentrums traten nach der Auflösung ihrer Partei Anfang Juli einige als Hospitanten der NSDAP-Fraktion bei. Zu ihnen gehörten als Stadträte der vormalige Leiter der badischen Windhorstbünde Franz Schmerbeck, der Fabrikant Albert Schneider und der Arbeitersekretär Karl Schneider, sowie weitere sechs Stadtverordnete, darunter der Hauptlehrer Franz Sprauer und der Rechtsanwalt Reinhold Frank, der am 23. Januar 1945 wegen seiner Beteiligung am deutschen Widerstand hingerichtet wurde. Frank, Schmerbeck und Sprauer stehen auch für den späten Versuch einer Verjüngung der Partei in Karlsruhe kurz vor deren Verbot. Als der Bürgerausschuss im März 1934 aufgelöst wurde, hatte sich bereits ein Kreis von Hitlergegnern um die Kanzlei Honold/Frank gebildet, zu dem neben Frank weitere ehemalige Zentrumsmitglieder gehörten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten Zentrumspolitiker, unter anderen Baur, Heurich, Kühn und Sprauer, die Christlich-Demokratische Partei (CDP), aus der Ende Februar 1946 die Christlich-Demokratische Union (CDU) wurde.

Wahlergebnisse Zentrum 1919-1933 %
Nationalversammlung Baden 1919, 5. Januar 20,3
Deutsche Nationalversammlung 1919, 19. Januar 20,6
Stadtverordnete 1919, 18. Mai 24,9
Reichstag 1920, 6. Juni 19,5
Landtag 1921, 30. Oktober 21,5
Stadtverordnete 1922, 22. November 22,1
Reichstag 1924, 4. Mai 20,2
Reichstag 1924, 7. Dezember 19,5
Landtag 1925, 25. Oktober 20,5
Stadtverordnete 1926, 14. November 22,2
Reichstag 1928, 20. Mai 18,6
Landtag 1929, 27. Oktober 20,7
Reichstag 1930, 14. September 16,5
Stadtverordnete 1930, 16. November 18,6
Reichstag 1932, 31. Juli 17,6
Reichstag 1932, 6. November 16,6
Reichstag 1933, 5. März 17,0
Ernst Otto Bräunche 2021

Literatur

Ernst Otto Bräunche: „Ein gewiß zeitgemäßes Unternehmen“. 125 Jahre Badenia, Karlsruhe 1999; Ernst Otto Bräunche: „Eine neue Zeit der Freiheit ist angebrochen“ – Politik und Parteien in der Weimarer Republik, in: Ernst Otto Bräunche/Frank Engehausen/Jürgen Schuhladen-Krämer (Hrsg.): Aufbrüche und Krisen. Karlsruhe 1918-1933, Karlsruhe 2020, S. 17-67 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 35); Michael Kitzing: Für den christlichen und sozialen Volksstaat. Die Badische Zentrumspartei in der Weimarer Republik, Düsseldorf 2013 (= Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien Bd. 163).