Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 614.

Sig(is)mund Karl Johann Freiherr von Reitzenstein

Badischer Staatsmann, * 3. Februar 1766 Nemmersdorf/Stadt Goldkronach/Lkr. Bayreuth, † 5. März 1847 Karlsruhe, ev., ∞ 1793 Auguste Ernestine Friederike von Reitzenstein, kinderlos.

Aus einer fränkischen Adels- und Offiziersfamilie stammend, studierte Reitzenstein zunächst 1781-1786 Rechtswissenschaften und Kameralistik in Erlangen und Göttingen, bevor er 1787 als Sekretär in markgräflich-bayreuthische Dienste trat. 1788 wechselte er als Geheimer Hofrat in die badische Staatsverwaltung, wurde 1790 zum Kammerherrn und 1792 zum Landvogt der Landgrafschaft Sausenberg und der Herrschaft Rötteln ernannt.

Im ersten Koalitionskrieg gegen Frankreich (1792-1797) fungierte Reitzenstein als Unterhändler Badens für einen Separatfrieden mit Frankreich, der im August 1796 auf sein Betreiben hin zustande kam und im November 1797 von Markgraf Karl Friedrich ratifiziert wurde. Als Gesandter Badens in Paris 1797-1803 trieb er entschieden eine Annäherung Badens an Frankreich voran und 1806 unterzeichnete er den Ehevertrag für die Vermählung von Napoleons Adoptivtochter Stéphanie de Beauharnais mit dem späteren Großherzog Karl. An den gleichzeitig laufenden Verhandlungen zur Konstituierung eines Rheinbundes unter Frankreichs Protektorat hatte Reitzenstein wiederum maßgeblichen Anteil. Der Erfolg seiner Politik schlug sich in der Erhebung Badens zum Kurfürstentum 1803 und zum Großherzogtum 1806 und der damit einhergehenden enormen Vergrößerung des Staatsgebiets vom Bodensee bis an den Main nieder. 1807-1809 und auch nach 1810 und 1818 befasste sich Reitzenstein mit der Reorganisation der Universität Heidelberg zu einer führenden wissenschaftlichen und selbstverwalteten Hochschule.

1809/10 amtierte Reitzenstein nach 1805/06 erneut als Staats- und Kabinettsminister und vollendete 1809 mit seinem Organisationsedikt die von Johann Brauer und seinen Edikten begonnene Neugestaltung Badens mit zentralistischer Verwaltungs- und Finanzstruktur nach französischem Vorbild. Nach seinem Ausscheiden als Kabinettminister beriet er Großherzog Karl auch weiterhin und überzeugte ihn 1813 vom Beitritt zur Allianz gegen Napoleon, 1817 vom Erlass eines Hausgesetzes, das die Erbfähigkeit der Grafen Hochberg und die Unteilbarkeit des Großherzogtums feststellte, sowie 1818 zur Einführung der von Karl Friedrich Nebenius ausgearbeiteten liberalen Verfassung.

Während der Regentschaft von Großherzog Ludwig I. spielte Reitzenstein in der Politik keine Rolle. Unter dessen Nachfolger Großherzog Leopold wurde er 1832-1842 erneut Präsident des Staatsministeriums. In der politisch unruhigen Zeit des Vormärz kämpfte Reitzenstein gegen liberale, demokratische und nationale Bestrebungen. In seine dritte Amtszeit als Regierungschef fielen zugleich eine Reihe von zukunftsweisenden wirtschaftlichen Maßnahmen im Straßen- und Wasserbau sowie die Entscheidung über den Bau der Eisenbahn und der Beitritt zum Zollverein.

Ausgezeichnet mit dem Großkreuz des badischen Hausordens der Treue 1802 und dem Großkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen 1815 erhielt Reitzenstein ein Staatsbegräbnis auf dem Alten Friedhof in Karlsruhe, wo sich in der Gruftenhallesein Grabstein befindet.

Katja Förster 2015

Quellen

GLA Bestände 60/18 und 205; 206/1451.

Literatur

Friedrich von Weech: Sigmund Karl Johann Freiherr von Reitzenstein, in: Badische Biographien, Bd. 2, hrsg. von Friedrich von Weech, Heidelberg 1875, S. 179–181; Hansmartin Schwarzmaier: Reitzenstein, Sigmund Karl Johann Freiherr von, in: Neue Deutsche Biographie (NDB), 21 (2003), S. 404 f.; Manfred Vasold: Sigismund Karl Johann Freiherr von Reitzenstein. Badischer Staatsmann und Modernisierer. 1866-1847, in: Lebensbilder in Baden-Württemberg, 22, 2007, S. 78-107; Hans Merkle: „Der Plus-Forderer“. Der badische Staatsmann Sigismund von Reitzenstein und seine Zeit, Karlsruhe 2007.