Carl Einstein
Schriftsteller, Kunstkritiker, Kunsttheoretiker, * 26. April 1885 Neuwied, † 5. Juli 1940 Suizid im Fluss Gave de Pau, bestattet in Boeil-Bezing/Dép. Pyrénées-Atlantiques/Frankreich, jüd., früh konfessionslos, ∞ 1. 1913 Maria Ramm, 2. 1932 Lyda Guevrekian, 1 Tochter.
Carl Einstein (bis 1907 Karl Einstein, Pseudonyme: C. M. E., Sabine Ree, Urian) zählt zu den bedeutendsten Kunstkritikern und -theoretikern des frühen 20. Jahrhunderts. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Karlsruhe. Als Dreijähriger kam er 1888 hierher, weil sein Vater Daniel Einstein, jüdischer Religionslehrer und Kantor, die Leitung des Israelitischen Landesstifts im Zirkel 14 übernahm. Die Einrichtung war zum 1. November 1886 als Internat für israelitische Seminaristen am Karlsruher Lehrerseminar eröffnet worden, um diesen eine kostenlose Unterkunft und Verpflegung sowie die Unterweisung in den jüdischen Religionsfächern zu ermöglichen. 1890 konnte der israelitische Oberrat für das Internat ein eigenes Gebäude in der Stephanienstraße 9 erwerben, das auch die Familie Einstein im selben Jahr bezog.
Ab 1894 besuchte Carl Einstein das Großherzogliche Gymnasium (heute Bismarck-Gymnasium) in der Bismarckstraße, an dem zu dieser Zeit Gustav Wendt Direktor war. Karl Albiker, Wilhelm Hausenstein und Alexander Kanoldt waren eine Klasse über ihm. 1899 starb der Vater. Noch in demselben Jahr zog die Mutter mit ihren zwei Kindern in die Kaiserallee 51a. Unmittelbar vor dem schriftlichen Abitur im Frühsommer 1903 wurde Einstein wegen „unmöglichen“ Betragens der Schule verwiesen. Er wechselte an das Schönborn-Gymnasium in Bruchsal, an dem er im Sommer 1904 das Abitur bestand.
Seit dem Tod des Vaters war der Karlsruher Bankier Fritz Homburger, Direktor des Bankhauses Veit L. Homburger in der Karlstraße, Vormund von Einstein. Auf dessen Betreiben hin begann der 19-Jährige noch im Sommer 1904 eine Lehre in dem Bankhaus. Bereits nach wenigen Wochen brach er die Ausbildung ab und ging nach Berlin, wo er zum Wintersemester 1904/05 an der Friedrich-Wilhelms-Universität das Studium der Philosophie, Kunstgeschichte, Geschichte und Altphilologie aufnahm. Ohne Abschluss verließ er 1908 die Universität und arbeitete fortan als freiberuflicher Feuilletonist, Kunstkritiker, Kunsttheoretiker und Schriftsteller.
Nach seinem 1912 erschienenen Debütroman Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders, der als ein Hauptwerk des literarischen Expressionismus gilt, veröffentlichte er in den folgenden zwei Jahrzehnten vor allem kunsttheoretische Abhandlungen, die für die damalige Zeit bahnbrechend waren. 1915 gab er den Band „Negerplastik“ heraus, in dem er die afrikanische Kunst nicht nur erstmals gleichwertig an die Seite der europäischen Kunsterzeugnisse stellte, sondern die Skulpturen auch als Vorläufer des Kubismus einordnete. Einsteins bekanntestes Werk ist der 1926 erschienene, 16. Band der Propyläen Kunstgeschichte Die Kunst des 20. Jahrhunderts“, eine frühe Überblicksdarstellung der europäischen Avantgarde.
1928 übersiedelte er nach Paris. Nach Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs 1936 ging er nach Barcelona und kämpfte als Freiwilliger in der anarchosyndikalistischen Columna Durruti für die spanische Republik. 1939 kehrte er nach Paris zurück. Auf der Flucht vor der deutschen Wehrmacht, die im Juni 1940 die Seine-Metropole besetzte, beging Carl Einstein Suizid.
Literatur
Klaus H. Kiefer: Einstein, Carl, in: Neue Deutsche Biografie online (NDB-online) veröffentlicht am 1. März 2024, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118529587.html#dbocontent (Zugriff am 13. Mai 2026); Hansgeorg Schmidt-Bergmann: Carl Einstein und Karlsruhe. „Die Stadt der Langeweile“, hrsg. von der Deutschen Schillergesellschaft, Marbach am Neckar 1992 (= Spuren 19).