Verkehrsstau am Zirkel, 1973, Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A26/116/2/10.
Foto: Roland Feitenhansl 2012.

Zirkel

Der Zirkel ist Teil eines Kreiswegs mit einem Radius von etwa 430 Metern um den Schlossturm herum und damit zugleich Teil des Karlsruher Fächers. Bis 1870 hieß er „Innerer“ oder „Kleiner Zirkel“ zur Unterscheidung vom Vorderen, auch Äußeren oder Großen Zirkel, heute Schlossplatz, obwohl jener, näher am Schloss gelegen, einen kleineren Radius hat. Dort befanden sich die Ministerien und die Wohnungen des Hofadels, während im Kleinen Zirkel überwiegend die in den Ministerien beschäftigten Beamten wohnten. Beide Kreiswege wurden in den ersten Jahren der Stadtgründung angelegt.

Die heutige Benennung als Zirkel, erstmals im Adressbuch von 1872 aufgeführt, beginnt – außerhalb der ursprünglichen Stadtgrenze – an der Englerstraße und passiert Richtung Westen die Waldhornstraße (die erste Straße des alten Stadtfächers), die Kronenstraße, die Adlerstraße, die Kreuzstraße, den Platz der Grundrechte, die Lammstraße, die Ritterstraße, die Herrenstraße und die Waldstraße (die letzte Straße des alten Stadtfächers). Die östliche Verlängerung heißt Neuer Zirkel, die westliche Hans-Thoma-Straße.

Im Zweiten Weltkrieg wurden etliche Gebäude völlig zerstört, das Adressbuch von 1947 führt 29 von 47 Hausnummern mit dem Vermerk „Zerstört“ auf. Der nüchterne, zweckorientierte Wiederaufbau am Zirkel, besonders auf der Südseite, entsprach einerseits der verstärkten hinterhofartigen Funktion als Anlieferzone der Kaufhäuser an der Kaiserstraße, andererseits schlossen bis 2008 von Norden (Schlossplatz) her die drei verschiedenen Bauten der heutigen Landeskreditbank Baden-Württemberg (L-Bank), sowie das Finanzamt und das Amtsgericht nach dem Vorbild der beiden Bauten des heutigen Regierungspräsidiums und des heutigen International Departments ihre Baublöcke als geschlossene Vierflügelbauten zum Zirkel hin riegelartig ab (Regierungspräsidium, 1833 und 1913 von Heinrich Hübsch und Friedrich Ostendorf, Schlossplatz 1-3 und 4-6; L-Bank, 1983 von Heinz Mohl, Schlossplatz 10; L-Bank, 1956 von Hermann Blomeier, Schlossplatz 12; Finanzamt, 1958 vom Staatlichen Hochbauamt, Schlossplatz 14; International Department, 1792 von Wilhelm Jeremias Müller, Schlossplatz 19; L-Bank, 2008 von Gesine Weinmiller, Schlossplatz 21; Amtsgericht, 1957 von Fritz Langenbach, Schlossplatz 23). Neben den genannten Bauten prägen ein Wohn- und Geschäftshaus (1815 von Friedrich Weinbrenner, Nr. 32), ein Verlagsgebäude der Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) (Nr. 23) sowie drei Parkhäuser von Kaufhäusern in der Kaiserstraße das Bild des Zirkels.

Die Verkehrsbelastung wuchs seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stetig. Darüber hinaus musste der Zirkel 1974 mit der Umgestaltung der Kaiserstraße zur Fußgängerzone zusammen mit der Straße „Schlossplatz“ den gesamten innerstädtischen motorisierten Individualverkehr in Ost-West-Richtung aufnehmen, was die Aufenthaltsqualität weiter einschränkte. Erst seit der gesamte Verkehr über den Schlossplatz fließt und der Zirkel nur noch als Anliegerstraße dient, konnte mit der abschnittweisen Umgestaltung des Straßenbelags, mit gezielten baulichen Maßnahmen (Öffnung der Kaufhäuser zum Zirkel hin) und mit der Ansiedlung neuer Geschäfte und Cafés die Straße als innerstädtischer Lebensraum zurückgewonnen werden.

Roland Feitenhansl 2013

Literatur

Susanne Asche/Ernst Otto Bräunche/Jochen Karl Mehldau: Straßennamen in Karlsruhe, Karlsruhe 1994, S. 210 (= Karlsruher Beiträge Nr. 7); Erich Lacker: Zielort Karlsruhe. Die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg, 2. Aufl. Karlsruhe 2005 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 18); Edmund Sander: Karlsruhe. Einst und Jetzt in Wort und Bild, Karlsruhe 1911, S. 100 f.