Kirchfeldsiedlung
1914 wurde auf Teutschneureuter Gemarkung zwischen dem damaligen Viehtrieb im Süden (heute Straße An der Trift), dem Blankenlocher Weg im Norden, der Linkenheimer Landstraße im Westen und dem Hardtwald im Osten ein neuer Exerzierplatz für die Karlsruher Garnison angelegt, der nach deren Auflösung nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr benötigt wurde. Die 1927 gegründete Baugenossenschaft Schaffergilde wollte dort für ihre Mitglieder preiswerte Eigenheime errichten. Von den geplanten 500 Siedlerhäusern für 4.000 Menschen wurden allerdings anfangs nur zwei im Bauhausstil als einstöckige Flachbauten in der heutigen Straße An der Trift fertiggestellt, da die Gesellschaft schon 1932 in Konkurs ging, weil sie ohne Unterstützung der Gemeinde auch für sämtliche Infrastrukturmaßnahmen wie Straßenbau und Wasserversorgung sowie die Planungsgrundlagen für die neue Siedlung sorgen musste und damit überfordert war. Mit der Auffanggesellschaft Gartensiedlung Kirchfeld konnten dann acht bereits begonnene Häuser noch fertiggestellt werden und nachdem die aus dem Zusammenschluss mit Welschneureut 1935 neu entstandene Gemeinde Neureut sich dazu entschlossen hatte, nun doch in das Siedlungsprojekt einzusteigen, wurde die Siedlung “für kinderreiche Familien” weiter ausgebaut, zunächst mit 14 anderthalbstöckigen Häusern mit Satteldächern in der Gildestraße, die bis 1937 fertiggestellt waren. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg lebten in der alten Siedlung in 60 Häusern 369 Menschen.
In der Nachkriegszeit wurde die Kirchfeldsiedlung seit 1949 beträchtlich erweitert, da man hier für Flüchtlinge und Vertriebene aus deutschen Siedlungsgebieten in der Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien und Rumänien Wohnraum schaffen wollte. Die größte Gruppe waren die Donauschwaben, deren Vorfahren seit dem 17. Jahrhundert nach der Entvölkerung dieser Landstriche in den Türkenkriegen vorwiegend aus dem südwestdeutschen Raum ausgewandert und sich im Donauraum vor allem in der Batschka und im Banat niedergelassen hatten. Allein aus dem Ort Kischker kamen 260 Personen mitunter noch im Planwagentreck nach Neureut-Kirchfeld, die wie in anderen Ostgebieten unter der Vertreibung, die teilweise mit Massakern an der deutschstämmigen Bevölkerung verbunden gewesen war, stark gelitten hatten. Zahlenmäßig stark waren auch die Ankömmlinge aus dem Sudetenland. Für die neue Vertriebenensiedlung in Neureut-Kirchfeld, der seinerzeit größten in Baden-Württemberg, setzten sich vor allem der damalige Landrat Joseph Groß und der Neureuter Bürgermeister Adolf Ehrmann ein.
1949 wurde nach verschiedenen Vorentwürfen ein endgültiger Bebauungsplan für die neue Siedlung vorgelegt und Entwürfe für sechs verschiedene Haustypen zugrunde gelegt, nach denen sich die Siedler richten konnten, die die Häuser nun zumeist in Eigenarbeit errichteten. So entstanden anderthalbstöckige Einfamilien- und Doppelhäuser mit ausgebautem Dachgeschoss und zweistöckige Mehrfamilienhäuser in den heute noch nach Baumarten des angrenzenden Hardtwaldes benannten Straßen. Die damalige Mittelstraße (heute Donauschwabenstraße) wurde teilweise mit zweistöckigen Geschäftshäusern bebaut, die ein kleines Ladenzentrum für die neue Siedlung bildeten. Nach Abschluss dieser Wohnbebauung im Jahr 1957 wurden in beiden Siedlungen eine Einwohnerzahl von circa 3.800 Personen gezählt. Die neuen Wohnhäuser waren mit großen Gärten und Nutzflächen ausgestattet worden, die eine Eigenversorgung der Bevölkerung mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen erlaubte.
Für den Gottesdienst der mehrheitlich aus Katholiken bestehenden Neusiedler wurde schon 1952 die Kirche St. Heinrich und Kunigunde an der heutigen Moldaustraße errichtet, ein Jahr später das Lutherhaus am Kiefernweg, das zunächst nur als Provisorium für den Gottesdienst der Protestanten gedacht war, aber nach der Errichtung eines Glockenturms bis heute die Funktion einer Kirche erfüllt. Wieder ein Jahr darauf wurde die Waldschule im Hardtwald in Betrieb genommen, so dass die neue Siedlung sich weitgehend unabhängig vom zwei Kilometer entfernt liegenden Neureuter Ortskern entwickeln konnte.
Von Anfang an kamen auch sportliche und kulturelle Aktivitäten hinzu. So gründete sich der Fußballverein Fortuna Kirchfeld bereits 1949 und nahm in der Folge an zahlreichen Turnieren mit den Mannschaften in den Dörfern der Umgebung teil. 1952 gründete sich eine Ortsgruppe der Landsmannschaft der Donauschwaben, um ihre kulturelle Eigenständigkeit zu pflegen und ihre Mitglieder auch gegenüber der Verwaltung zu beraten. Eine Volkstanzgruppe wurde ins Leben gerufen, die des Öfteren bei Trachtenfesten und Festen auch auswärtiger Vereine auftrat. Und schließlich wurde unter dem Dach des Deutschen Siedlerbundes 1950 die Siedlergemeinschaft Neu-Siedlung als Interessenvertretung für die Hauseigentümer in der Vertriebenensiedlung gegründet, die vor allem Infrastrukturmaßnahmen wie Straßenbau, Wasser-, Strom-, und Energieversorgung gegenüber den Behörden durchsetzen sollte. Sie schloss sich 2014 mit der ehemaligen Schaffergilde zum Bürgerverein Neureut-Kirchfeld zusammen.
Zur Erinnerung an Flucht und Vertreibung initiierte eine kleinere Gruppe der Siedlergemeinschaft 1964 ein Vertriebenenmahnmal inmitten einer Grünanlage am Kiefernweg, das eine mit ihren Kindern flüchtende Mutter darstellt. Durch Spenden und Unterstützung des Innenministeriums Baden-Württemberg und der Gemeinde Neureut konnte das Mahnmal realisiert werden. In Erinnerung an die Verdienste des damaligen Landrats wird der Platz um das Denkmal seit dem Jahr 2000 Joseph-Groß-Platz genannt. Einen weiteren Erinnerungsort gibt es seit 1999 im Heimathaus Neureut. Dort wurde eine Abteilung den Donauschwaben gewidmet, die einen Einblick in ihre Kultur sowie die Geschichte ihrer Vertreibung und Flucht bis zur Eingliederung in die neue Heimat gewährt. 1986 war außerdem ein Gedenkstein an die Opfer von Kischker auf dem Neureuter Hauptfriedhof aufgestellt worden.
Noch heute hat sich an der Struktur der Kirchfeldsiedlung wenig geändert. Allerdings wurden die meisten der alten Siedlerhäuser durch zahlreiche Um- und Ausbauten verändert. Manche wurden auch schon gänzlich durch Neubauten ersetzt. Die größte Veränderung setzte aber erst 1995 mit dem Abzug der amerikanischen Soldaten ein, die ihr Kasernengelände nördlich des Blankenlocher Weges aufgaben. Hier entstand seit 2005 das neue Siedlungsgebiet Kirchfeld Nord, das mit seinen großen Sportflächen und dem Nahversorgungszentrum auch unmittelbar auf die Infrastruktur der alten Kirchfeldsiedlung Einfluss nehmen sollte.
Quellen
Kischker-Gedenkstein Hauptfriedhof Neureut, http://www.denkmalprojekt.org/2009/kischker_on_serbien.htm; Karl-Markus Gauß: Geschichte im Fluss - Das kurze Glück der Donauschwaben, Bundeszentrale für politische Bildung 2013, https://www.bpb.de/themen/europaeische-geschichte/geschichte-im-fluss/158762/das-kurze-glueck-der-donauschwaben/ (Zugriff jeweils am 15. April 2026).
Literatur
Herbert Karl: Die Kirchfeldsiedlung. Chronik eines Ortsteils, hrsg. v. Bürgerverein Neureut-Kirchfeld Siedlergemeinschaft e. V. 2012; Manfred Koch: Carlsruher Blickpunkte "Heimat ist Geschenk und Auftrag", in: Blick in die Geschichte Nr. 116 vom 15. September 2017, https://stadtgeschichte.karlsruhe.de/stadtarchiv/blick-in-die-geschichte/ausgaben/blick-116/mahnmal-kirchfeldsiedlung (Zugriff am 15. April 2026).