Gustav Landauer, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 1732.

Gustav Landauer

Schriftsteller, Übersetzer, Politiker, * 7. April 1870 Karlsruhe, † 2. Mai 1919 München, jüd., ∞ 1. 1894 Marga Leuschner (o|o 1903), 2 Töchter, 2. 1903 Hedwig Lachmann (29. August 1865 - 21. Februar 1918), 2 Töchter.

Landauers Eltern Hermann und Rosa kamen 1863 oder 1864 nach Karlsruhe, wo sie zuerst in der Langen Straße 104 wohnten und von 1866-1870 drei Söhne bekamen. Der Vater betrieb zunächst eine Tuchwarenhandlung, 1870-1872 zusammen mit seinem Bruder Siegfried. 1872 eröffnete er ein Schuhgeschäft, das sich 1874 im eigenen Haus in der Langen Straße 183 etablierte, wo die bürgerliche und assimilierte jüdische Familie mit den Kindern auch wohnte. Hier verlebte der drittgeborene Gustav seine Jugend und Schulzeit. Nach der Volksschule besuchte er ab 1879 das Realgymnasium und wechselte 1886 in das Großherzogliche Gymnasium. Dort bestand er, der ein ausgeprägtes Interesse an Literatur und Theater pflegte, 1888 das Abitur gemeinsam unter anderen mit dem späteren Aufsichtsratsvorsitzenden der Friedrich Krupp AG, Gustav von Bohlen und Halbach. Anschließend begann er gegen den Willen des Vaters das Studium der Germanistik und Philosophie in Heidelberg (1888/89), Straßburg (1890/91) sowie Berlin (1889/90 und 1891/92).

In Berlin gehörte Landauer einem Literatenkreis an, veröffentlichte einen Roman und Novellen, schrieb Rezensionen und Kritiken in einer Zeitschrift des befreundeten Sprachphilosophen Fritz Mauthner. Aktiv arbeitete er bei der Volksbühne Berlin und wirkte später an der Realisierung des 1914 eröffneten eigenen Theaterbaus mit. Seit 1892 engagierte er sich im Verein Unabhängiger Sozialisten (VUS), betreute 1893 bis zur Einstellung 1899 dessen Zeitschrift „Der Sozialist“ zeitweise als Herausgeber/Redakteur und veröffentlichte darin zahlreiche Beiträge. Nach der Spaltung des VUS avancierte Landauer mit zahlreichen Vorträgen vor bis zu 1.500 Zuhörern auch bei Vortragsreisen zum Wortführer der anarchistischen Bewegung, die er auf internationalen Kongressen in Zürich 1893 und London 1896 vertrat. Vorträge hielt er auch zu Themen der Literaturgeschichte. 1895 wurde er mit einer programmatischen Schrift Mitbegründer einer Arbeiterkonsumgenossenschaft. Argwöhnisch von der Polizei überwacht erhielt er 1893/94 und 1899/1900 mehrmonatige Haftstrafen.

Nach der Haftentlassung versuchte Landauer mit seiner neuen Lebensgefährtin, der Lyrikerin und Übersetzerin Hedwig Lachmann, 1901/02 vergeblich in England Fuß zu fassen. In England lernte er Peter Kropotkin, den Wortführer des Anarchismus kennen, dessen anarchistische Vorstellungen Einfluss auf sein eigenes Denken hatten. Zurück in Berlin verdiente er den Lebensunterhalt bis in den Ersten Weltkrieg als Übersetzer (Meister Eckhart, Wilde, Shaw, Kropotkin, Proudhon, Tagore, Shakespeare), Rezensent und Theaterkritiker, als Autor eigener literarischer und philosophischer Texte, deren Inhalte er auch in Vorträgen vermittelte. Von der Tagespolitik hielt er sich zunächst fern und widmete sich stattdessen der theoretischen und philosophischen Ausarbeitung und Fundierung seines „sozialen Anarchismus“, eines Anarchismus ohne Terror und Gewalt, der den Einzelnen frei von jeglichen staatlichen, kirchlichen, gesellschaftlichen oder ideologischen Zwängen den Zusammenschluss zu solidarischen Gemeinschaften ermöglichen sollte. Ab 1908 propagierte Landauer in Vorträgen seine Ideen vom praktischen Beginn des Sozialismus in kleinen Siedlungsgemeinschaften und Genossenschaften. Dazu gründete er den Sozialistischen Bund, in dem sich diese zusammenschließen sollten, und gab 1909-1915 dessen Zeitschrift „Sozialist“ heraus. Darin publizierte er zahlreiche politische Analysen, philosophische Überlegungen sowie von ihm übersetzte Texte von anarchistischen Autoren. Der Bund blieb mit nur 800 Mitgliedern unbedeutend. Seit der Marokkokrise von 1911 warnte er nachdrücklich vor den Gefahren eines Europa drohenden Krieges.

Aus der jüdischen Kultusgemeinschaft war Landauer 1892 ausgetreten. Nach der Beschäftigung mit der Mystik Meister Eckharts und auf Drängen seines Freundes Martin Buber, der sein Nachlassverwalter wurde, näherte er sich den jüdischen Traditionen wieder an.

Wegen der kriegsbedingten materiellen Not übersiedelte die Familie Landauer 1917 nach Krumbach bei Ulm. Von dort folgte Landauer im November 1918 dem Ruf des Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern Kurt Eisner, an der Errichtung einer neuen Gesellschaft mitzuwirken. In der ersten am 7. April 1919 ausgerufenen Münchener Räterepublik übernahm Landauer die Aufgabe eines Volksbeauftragten für Volksaufklärung, gab dieses Amt aber, kurz nachdem die Räteregierung von der Kommunistischen Partei beherrscht wurde, am 16. April wieder auf. Nach der gewaltsamen Beendigung der Räterepublik durch rechte Freikorps und Reichswehrverbände wurde Landauer am 1. Mai verhaftet und am 2. Mai im Gefängnis Stadelheim nach grausamen Misshandlungen ermordet.

Den 1925 auf Landauers Urnengrab im Münchner Waldfriedhof errichteten fünf Meter hohen Obelisken zerstörten die Nazis 1933. 1946 erhielt Landauer auf dem Neuen Israelitischen Friedhof eine neue Grabstätte mit Fragmenten des Obelisken von 1925, 2017 ließ die Stadtverwaltung München auf dem Waldfriedhof eine Stele zur Erinnerung an Landauer aufstellen. In Berlin und München gibt es Erinnerungstafeln für Landauer und bundesweit einige wenige Straßenbenennungen nach ihm. Das Interesse an Landauers umfangreichem Werk war in der Bundesrepublik aufgrund seiner anarchistischen und sozialistischen Grundeinstellung eher gering und in der DDR stand sein liberaler Sozialismus im Gegensatz zur kommunistischen Staatsdoktrin. Im Vorfeld seines 150. Geburtstags verweisen eine 14-bändige Ausgabe ausgewählter Werke mit einer umfangreichen Biografie, die zweibändige Edition der Briefe und Tagebücher seiner Jugendzeit in Karlsruhe sowie einige neuere Ausstellungen auf verstärktes Interesse am vielschichtigen Leben und Denken dieses Mannes, der auch nach eigener Einschätzung „etwas unüblich“ war und „in kein Schubfach“ passte.

Manfred Koch 2019

Quellen

Adressbücher der Stadt Karlsruhe 1862-1876, https://digital.blb-karlsruhe.de/Drucke/topic/view/485648 (Zugriff am 13. Dezember 2019); StadtAK 8/ZGS Persönlichkeiten (Landauer); Teilnachlässe: Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenes, Amsterdam, Jewish National & University Library, Jerusalem; GLA 456 F 10, Nr. 2581, https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/struktur.php?bestand=13886&sprungId=10362459&syssuche=gustav+landauer&logik=or&letztesLimit=suchen (Zugriff am 13. Dezember 2019); GLA 456 F 10, Nr. 2520, https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/struktur.php?bestand=13886&sprungId=10362402&syssuche=gustav+landauer&logik=or&letztesLimit=suchen (Zugriff am 13. Dezember 2019).

Werk

Gustav Landauer. Sein Lebensgang in Briefen, hrsg. von Martin Buber unter Mitwirkung von Ina Britschgi-Schimmer, Rütten & Loening, Frankfurt 1929; Siegbert Wolf (Hrsg.): Ausgewählte Schriften, Bde. 1-14, Lich 2008-2018; Gustav Landauer. Briefe und Tagebücher 1884–1900. 2 Bde. (Bd. 1: Briefe und Tagebücher. Bd. 2: Kommentar), hrsg. und kommentiert von Christoph Knüppel, Göttingen 2017.

Literatur

Norbert Altenhofer: Landauer, Gustav, in: Neue Deutsche Biographie (NDB), Bd. 13, Berlin 1982, S. 491-493, https://www.deutsche-biographie.de/sfz47689.html#ndbcontent (Zugriff am 13. Dezember 2019); Tilman Leder: Die Politik eines „Antipolitikers“. Eine politische Biographie Gustav Landauers, Lich 2014; Gustav Landauer. Von der Kaiserstraße nach Stadelheim (1870-1919), Begleitbuch zur Ausstellung im Oberrheinischen Dichtermuseum Karlsruhe vom 10. Juni – 9. Juli 1994; Michael Matzigkeit (Hrsg.): „… die beste Sensation ist das Ewige…“ Gustav Landauer – Leben, Werk und Wirkung. Theatermuseum der Landeshauptstadt Düsseldorf, 2. Aufl. 1997; Hans-Georg Schmidt-Bergmann (Hrsg.): Liebe & Revolution. Hedwig Lachmann und Gustav Landauer. Zwischen Kunst und Politik (Begleitende Publikation zur Ausstellung im Museum für Literatur im Prinz-Max-Palais Karlsruhe vom 28. April – 2. September 2018, Karlsruhe 2018 (= Schriften des Museums für Literatur am Oberrhein Bd. 11).