Markgraf Karl Friedrich von Baden-Durlach ernennt den Hof- und Schutzjuden Salomon Meyer zum Hoffaktor, 12. Februar 1767, Stadtarchiv Karlsruhe 7/Nl Meyer-Model 3.

Juden

Im heutigen Karlsruher Stadtgebiet lebten schon lange vor der Stadtgründung im Jahr 1715 Juden. 1349 zählte Durlach zu den Städten, in denen Juden für die Pest verantwortlich gemacht wurden. Doch erst im 16. Jahrhundert gibt es wieder sichere Hinweise auf Durlacher Juden. Eine nennenswerte Größe erreichte die jüdische Gemeinde nach der Zerstörung der Stadt 1689. 1714 lebten hier 100 Juden, von denen die meisten aber nach der Gründung von Karlsruhe dorthin zogen. Auch in Grötzingen gab es vor der Stadtgründung von Karlsruhe Juden, 1709 waren hier fünf jüdische Familien ansässig. Während es in Durlach nach 1715 keine jüdische Gemeinde mehr gab, entwickelte sich die Grötzinger Gemeinde weiter, bis 1940 gehörten ihr auch die wenigen Durlacher Juden an.

Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach gestattete neben Angehörigen der christlichen Religionen auch Juden die Ansiedlung und zwar zu relativ moderaten Bedingungen, die er auch im Stadtprivileg von 1722 verankerte. Dies war aber wohl weniger ein Zeichen religiöser Toleranz als des wirtschaftlichen Nutzens und politisches Mittel zur Wirtschaftsförderung in seiner neuen Residenz. Seit 1718 lassen sich jüdische Einwohner in Karlsruhe nachweisen, 1735 lebten 62 Familien mit 282 Personen in Karlsruhe, was 12% der Bevölkerung entsprach.

1724 setzte der Markgraf den Hoffaktor Salomon Meyer als Judenschultheiß ein, der 50 Jahre bis 1774 die Geschicke der jüdischen Gemeinde leitete. In dieser Funktion war er gemeinsam mit dem Rabbiner und seit 1736 drei Judenvorstehern für die niedere Gerichtsbarkeit, die Einhaltung der jüdischen Vorschriften und die Einteilung der Gemeinde in Steuerklassen zuständig. Die Existenz dieses Amtes unterstreicht die Sonderstellung des jüdischen Bevölkerungsteils im 18. Jahrhundert. Nach Meyers Tod blieb die Stelle des Judenschultheißen zehn Jahre unbesetzt, erst im Mai 1784 folgte ihm der Hoffaktor Hayum Levi, der bis 1804 im Amt blieb. Nun wurden die Geschäfte des Judenschultheiß von den vier Vorstehern im Wechsel weitergeführt. 1814 übernahmen Ortsälteste (bis 1833) und dann Synagogenratsvorsitzende diese Aufgaben.

Schon am 15. Juli 1718 hatte der Markgraf Nathan Uri Kahn zum Unterrabiner bestellt, der für die Leitung des Gottesdienstes, den Unterricht und die allgemeinen Verwaltungsarbeiten zuständig war. Obwohl Kahn umstritten war, blieb er bis 1750 im Amt. Ihm folgten bis 1940 16 weitere Rabbiner, sechs von ihnen für die zweite, seit 1869 bestehende jüdische Gemeinde, die Israelitische Religionsgemeinschaft.

Wesentliche rechtliche Verbesserungen brachte 1809 das badische Judenedikt. Nun hatten Juden unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis und jüdische Männer waren berechtigt, alle Berufe zu erlernen und zu ergreifen. Abgeschlossen war die rechtliche Gleichstellung 1862 mit dem Gesetz über die bürgerliche Gleichstellung der Juden.

Damit verbunden war der Weg in die Assimilation und Akkulturation, welche die seit Jahrhunderten gewachsene eigene Tradition und Kultur langfristig auflöste und den jüdischen Glauben zu einer Konfession unter anderen machte, Juden sollten badische Staatsbürger israelitischen Glaubens werden.

Spielten die Juden zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunächst in erster Linie eine wichtige Rolle als Bankiers und Handelsmänner – David von Eichthal, Salomon Haber, Löw Homburger, Jakob Kusel oder Elkan Reutlinger, später noch Veit L. Homburger und Abraham Strauß – kamen Ende des 19. Jahrhunderts auch Fabrikanten und Industrielle hinzu, zum Beispiel hatten die Malzfabrik Wimpfheimer in Mühlburg und die Textilfirma Vogel und Schnurmann jüdische Besitzer. Bedeutende Kaufhäuser waren das Warenhaus Knopf, das Modegeschäft Simon Model und das Textilhaus Leipheimer & Mende in der Kaiserstraße.

Auch in der Kommunalpolitik fassten Juden Fuß, erstes Mitglied im Bürgerausschuss war 1842 Adolf Bielefeld, erster Stadtrat Veit Ettlinger 1848. Im badischen Landtag vertraten Karlsruhe Rudolf Kusel, 1861 der erste jüdische badische Landtagsabgeordnete, Jakob Gutmann, Robert Goldschmit, Ludwig Frank, Ludwig Marum, Leo Kullman und Leopold Neumann. 1862 wurde Moritz Ellstätter badischer Finanzminister und damit erster Jude in einem Ministeramt in Deutschland.

Im kulturellen Leben spielten Juden eine zunehmend wichtigere Rolle, darunter die Dichter Ludwig Robert und Alfred Mombert, der Sänger Hermann Rosenberger, die Sängerinnen Bianca Bianchi und Sabine Heinefetter, der Schauspieler Ludwig Dessoir, die Dirigenten Hermann Levi und Otto Dessoff, der Pianist Heinrich Ordenstein, Gründer des Badischen Konservatoriums, die Pianistin Alice Krieger und die Architekten Robert Curjel und Ludwig Levy.

In der Frühzeit des zunächst bürgerlichen Karlsruher Fußballs spielten der Fußballpionier Walther Bensemann und die beiden einzigen deutschen Fußballnationalspieler jüdischen Glaubens Gottfried Fuchs und Julius Hirsch eine wichtige Rolle.

Der relative Anteil der jüdischen Bevölkerung nahm kontinuierlich ab, stellten sie 1801 noch etwas über 6 % Bevölkerung, so lag ihr Anteil 1831 nur noch bei 4,7 %, obwohl ihre absolute Zahl von 535 auf 1.035 Menschen gestiegen war. 1852 war die Zahl auf 1.073, im Jahr 1900 auf über 2.500 angewachsen. 1933 waren es 3.119 Juden, die sich nun einer bis dahin - trotz durchaus zuvor schon vorhandener antijüdischer Ressentiments - nur sehr schwer vorstellbaren antisemitischen Terrorpolitik der neuen nationalsozialistischen Machthaber ausgesetzt sahen. Ihre Geschäfte wurden zunächst boykotiert, dann verwüstet oder "arisiert". Dem Judenboykott am 1. April 1933 folgten Diskriminierung und Ausschaltung aus dem öffentlichen Leben sowie 1935 die Entrechtung durch die Nürnberger Gesetze. Ein vorläufiger Höhepunkt war erreicht, als am 9. November 1938 auch in Karlsruhe in der sogenannten Reichskristallnacht (Novemberpogrom) die Synagogen brannten. Bis 1939 flohen knapp zwei Drittel der jüdischen Einwohner. Am 22. Oktober 1940 wurden die in der Stadt verbliebenen fast alle in das südfranzösische Lager Gurs verschleppt und die meisten von ihnen später in den Vernichtungslagern im Osten ermordet. Insgesamt wurden über 1.000 Karlsruher Jüdinnen und Juden von den Nazis ermordet.

Die erste, noch nicht wieder organisierte jüdische Nachkriegsgemeinde zählte gerade einmal 39 Mitglieder, die aus den Konzentrationslagern zurückkamen, oder aber versteckt worden waren und so überlebt hatten. Nach dem Krieg wuchs die jüdische Gemeinde, die 1971 eine neue Synagoge an der Knielinger Allee erhielt, vor allem durch Zuwanderung aus dem Osten und auch durch vereinzelte Rückwanderung aus anderen Ländern. 2013 hatte die Gemeinde 960 Mitglieder.

Jüdischer Bevölkerungsanteil 1733-2013
1733 282/12,0% der Bevölkerung
1799 529/ca. 7,2%
1852 1.073/4,4%
1900 2.576/2,6%
1933 3.119/2,0%
1939 1.375/0,7%
1946 63/0,04%
1960 173/ca. 0,1%
1983 350/ca. 0,1%
2013 960/0,3%

Ernst Otto Bräunche 2015

Literatur

Juden in Karlsruhe, hrsg. von Ernst Otto Bräunche/Manfred Koch/Heinz Schmitt, Karlsruhe 1988 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 8); Josef Werner: Hakenkreuz und Judenstern. Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich, 2. überarb. und erweit. Aufl., Karlsruhe 1990 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 9); Gedenkbuch für die Karlsruher Juden, http://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/gedenkbuch (Zugriff am 16. November 2015).