Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 674.

Franz Schnabel

Historiker, * 18. Dezember 1887 Mannheim, † 25. Februar 1966 München, kath., ledig.

Franz Schnabel wuchs als Sohn eines Kaufmanns in Mannheim auf. Nach dem Abitur 1906 beendete er 1910 das Studium der Romanistik und Geschichte in Berlin und Heidelberg mit dem Staatsexamen für das Lehramt und einer Promotion über den politischen Katholizismus in Deutschland 1848. Ab 1911 unterrichtete er, unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg, in Mannheim und Karlsruhe (Lessing- und Goethe-Gymnasium). Nach seiner Habilitation 1920 über die Ministerverantwortlichkeit in Baden wurde er 1922 Professor für Geschichte an der Technischen Hochschule (TH) Karlsruhe, zudem übernahm er 1924-1927 nebenamtlich die Leitung des Generallandesarchivs Karlsruhe. Schnabel stand dem politischen Katholizismus nahe, ohne je in die Zentrumspartei einzutreten.

Seine Hinwendung zur Landesgeschichte galt wie sein Wirken als erfolgreicher Schulbuchautor als außergewöhnlich. Zudem verstand er sich als politischer Erzieher und geschichtlicher Denker, der mit Vorträgen und Zeitungsartikeln die Öffentlichkeit suchte. Schon seine Antrittsvorlesung 1923 in der Aula der TH Karlsruhe und seine späteren Vorlesungen waren öffentlich. Anders als zahlreiche Kollegen trat er mit seinem publizistischen und pädagogisch-didaktischen Wirken für den freiheitlichen Verfassungsstaat und die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik ein. In seinem wissenschaftlichen Hauptwerk „Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert“ verband er politische Geschichte mit Sozial-, Kultur-, Wirtschafts- und Technikgeschichte und weitete die nationale Perspektive durch den Blick auf Europa. Auch mit seiner kritischen Haltung gegenüber der kleindeutschen Lösung der nationalen Frage durch Bismarck stand Schnabel der vorherrschenden preußisch dominierten Nationalgeschichtsschreibung der Weimarer Republik eher fern. Seine Versuche, einen Ruf an eine Universität zu erhalten, blieben erfolglos.

Franz Schnabel war ein Gegner der NS-Diktatur, ohne sich offen für den Widerstand zu engagieren. Zwar konnten 1933, 1934 und 1937 drei Bände seiner Deutschen Geschichte noch unbehindert erscheinen, aber die Publikation des fünften Bandes wurde dann trotz einiger Zugeständnisse von der Zensur verhindert. Zuvor hatten die Nazis ihn 1936 in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Bis 1945 lebte er als Privatgelehrter in Heidelberg.

Nach dem Ende des NS-Regimes bestellte die Besatzungsmacht den politisch Unbelasteten zum Landesdirektor für Unterricht und Kultus in Nordbaden, daneben übernahm er Lehraufträge an der TH Karlsruhe. Im November 1947 folgte er einem Ruf an die Universität München. Hier setzte er in Lehre, Publikationen, Vortragstätigkeit und als Schulbuchautor sein wissenschaftliches und historisch-bildungspolitisches Wirken erfolgreich fort. Aus seinen Seminaren gingen anerkannte Professoren hervor, er wurde Präsident der „Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaft“ (1951-1959), Mitglied der British und der American Historical Association und Mitherausgeber der „Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte“. Erst 1962 ließ sich der ledige 75-Jährige, umsorgt von seiner unverheirateten Schwester Maria (1889-1971), emeritieren. Sie veranlasste testamentarisch die Bildung der Franz-Schnabel-Stiftung zur Förderung junger Historiker.

Schnabel erhielt zahlreiche Ehrungen und Preise, darunter 1954 die Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt Mannheim. In Karlsruhe erinnert seit 1968 die Franz-Schnabel-Straße an ihn, das Gebäude des ehemaligen historischen Instituts der Universität Karlsruhe (heute Karlsruher Institut für Technologie (KIT)) trägt seinen Namen. Seit 1991 wird von den Oberschulamtsbezirken Freiburg und Karlsruhe die Franz-Schnabel-Gedächtnismedaille für hervorragende Abiturleistungen im Unterrichtsfach Geschichte verliehen.

Jürgen Schuhladen-Krämer 2013

Quelle

GLA 235/2478; Nl in: Bayerische Staatsbibliothek München, Stadtarchiv Mannheim, Verlag Herder Feiburg.

Werk

Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert, Bde. 1-4, Freiburg 1929, 1933, 1934, 1937 (letzte Neuauflage dtv, 1987); Sigismund von Reitzenstein, Der Begründer des badischen Staates, Heidelberg 1927; Abhandlungen und Vorträge, 1914-1965, hrsg. v. H. Lutz, Freiburg 1970; Grundriss der Geschichte, Stuttgart 1950.

Literatur

Lothar Gall: Schnabel, Franz, in: Badische Biographien NF, Bd. II, hrsg. von Bernd Ottnad, Stuttgart 1987, S. 244-247; Thomas Hertfelder: Franz Schnabel und die deutsche Geschichtswissenschaft. Geschichtsschreibung zwischen Historismus und Kulturkritik (1910-1945), 2 Bde., Göttingen 1998 (mit ausführlichem Werkverzeichnis); Clemens Rehm (Hrsg.): Franz Schnabel – eine andere Geschichte. Historiker, Demokrat, Pädagoge. Begleitpublikation zur Ausstellung des Generallandesarchivs Karlsruhe und des Instituts für Geschichte der Universität Karlsruhe (TH), Freiburg 2002; Zur Aktualität von Franz Schnabel (Symposion am 27. Juni 2002 im Generallandesarchiv, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, Bd. 151 (2003), S. 613-703; Angela Borgstedt/Peter Steinbach (Hrsg.): Franz Schnabel - der Historiker des freiheitlichen Verfassungsstaates. Ausstellungskatalog mit Fachbeiträgen, Berlin 2009.