Lessing-Schule am Gutenbergplatz, um 1912, Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 41/20v.
Blick ins Treppenhaus der Lessing-Schule, um 1912, Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 41/20c.

Lessing-Gymnasium

Der Höheren Mädchenschule in der Sophienstraße 14 war im September 1893 eine Gymnasialabteilung angegliedert worden, die erste im Deutschen Reich überhaupt. Beginnend mit einer Untertertia kam zu jedem neuen Schuljahr eine weitere Klasse dazu, so dass 1899 erstmals Schülerinnen der Oberprima das Abitur ablegen konnten. Die Zahl der Schülerinnen sowohl in der Höheren Mädchenschule als auch im gymnasialen Zug stieg in den nächsten Jahren so stark an, dass die Lehranstalt zum Schuljahr 1911/12 geteilt werden musste: Eine Höhere Mädchenschule verblieb im bisherigen Schulhaus und führte von nun an den Namen Fichte-Schule (heute Fichte-Gymnasium), während eine zweite Höhere Mädchenschule mit Fortbildungsklasse und Mädchengymnasium als Lessing-Schule einen von Friedrich Beichel entworfenen Schulhausneubau in der Sophienstraße 143 (heute 147) bezog. Der Haupttrakt der im damals gängigen neoklassizistischen Stil errichteten Zweiflügelanlage bildet bis heute den südlichen Abschluss des Gutenbergplatzes, während der etwas kürzere Ostflügel entlang der Gabelsbergerstraße verläuft und das rückseitige, um ein Geschoss tiefer liegende Terrain als Schulhof dient.

Als die Lessing-Schule am 21. September 1911 offiziell eröffnet wurde, zählte die Einrichtung insgesamt 531 Schülerinnen, darunter 132 Gymnasiastinnen. Zum Schuljahr 1914/15, nur wenige Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Anfang August 1914, waren 601 Schülerinnen, darunter 110 Gymnasiastinnen, verzeichnet. Die Raumsituation verschlechterte sich abrupt, als die Heeresverwaltung Mitte Oktober 1914 das Gebäude der Fichte-Schule beanspruchte und acht der dortigen zwölf Klassen in die Lessing-Schule – die übrigen vier kamen ins Lehrerinnenseminar Prinzessin-Wilhelm-Stift in der Sophienstraße 31 – verlegt wurden.

Zu Ostern 1926 begann an der Lessing-Schule die Umwandlung von der siebenstufigen Höheren Mädchenschule mit Mädchengymnasium in eine sechsstufige Mädchenrealschule mit Mädchengymnasium und Mädchenrealgymnasium, die, da der neue Lehrplan sogleich in den unteren vier Klassen (Sexta bis Untertertia) eingeführt wurde, zum Schuljahresende 1928/29 abgeschlossen war. Mädchengymnasium und Mädchenrealgymnasium begannen mit der achten Klasse (Untertertia). Die Trennung der beiden Züge erfolgte ab der zehnten Klasse (Untersekunda). Beim Mädchengymnasium wurde ab der Untertertia Latein statt Englisch und ab der Untersekunda Griechisch unterrichtet, beim Mädchenrealgymnasium ebenfalls ab der Untertertia Latein, ab der Untersekunda jedoch Englisch. Handarbeit fiel bei beiden Abteilungen weg, Chorgesang war fakultativ ebenso Zeichnen ab der Untersekunda.

Unter den Nationalsozialisten, welche die so genannten „Fächer des Frauenschaffens“ in den Mittelpunkt der weiblichen Erziehung rückten, wurde seit Ostern 1935 die Gymnasialabteilung nach und nach aufgelöst. 1938 legten Schülerinnen der Lessing-Schule zum letzten Mal das Abitur ab. Seit dem Schuljahr 1937/38 firmierte die Einrichtung nur noch als Oberschule für Mädchen.

Beim Luftangriff auf Karlsruhe am 3. September 1942 wurde das Schulhaus durch Brand- und Sprengbomben schwer beschädigt. Der Unterricht fand fortan im Gebäude der Fichte-Schule statt. Als dieses ebenfalls beim Luftangriff am 27. September 1944 zerstört wurde, musste der Schulbetrieb eingestellt werden.

Nach Kriegsende 1945 wurde die mit einem Notdach versehene Lessing-Schule zunächst als Behelfskrankenhaus genutzt, bevor dann Ende Mai 1946 die Schule als Realgymnasium den Unterricht wieder aufnehmen konnte. Ein Erdbeben im Juni 1948 verursachte weitere Bauschäden, vor allem am Ostflügel. Die Instandsetzungs- und Wiederaufbaumaßnahmen waren im September 1950 abgeschlossen.

Wie alle Höheren Schulen Baden-Württembergs wurde auch die Lessing-Schule 1954 in Lessing-Gymnasium umbenannt. Zu seinem 50-jährigen Schuljubiläum 1961 erhielt das Gymnasium, das inzwischen wieder über 600 Schülerinnen zählte, einen Anbau mit Unterrichtsräumen für Chemie, Physik, Biologie und Musik. Mit der Einführung der Koedukation 1973 traten erstmals 52 Jungen in die Sexta ein. Bis 1986 bot das Gymnasium nur ein neusprachliches Profil an, bei dem man lediglich zwischen der Reihenfolge der drei Fremdsprachen – Zug I: Latein, Englisch Französisch; Zug II: Englisch, Französisch, Latein – wählen konnte. Aufgrund rückläufiger Schülerzahlen führte die Schule zum Schuljahr 1986/87 auch ein mathematisch-naturwissenschaftliches Profil ein. Neben dem St. Dominikus-Mädchengymnasium in freier Trägerschaft bot das Lessing-Gymnasium als erstes städtisches Gymnasium in Karlsruhe zum Schuljahr 2000/01 den achtjährigen gymnasialen Bildungsgang (G 8) an.

Von Herbst 2008 bis Frühjahr 2010 entstand im neu gestalteten Innenhof ein Erweiterungsbau (Architekturbüro Rossmann & Partner) für die Verwaltung, eine Mensa und zwei Klassenräume. Bis zum Jahresanfang 2011 folgten noch Umbauarbeiten im Altbestand, so dass das 100-jährige Schuljubiläum 2011, zu dem auch eine Festschrift herausgegeben wurde, in einem zeitgemäßen Schulgebäude begangen werden konnte.

Da die Anfänge des ersten deutschen Mädchengymnasiums bei der ehemaligen Fichte-Schule liegen, der dortige gymnasiale Zug aber 1911 in die neu eröffnete Lessing-Schule wechselte, war es nur konsequent, dass die beiden Gymnasien 2018 die Jubiläumsfeier „125 Jahre erstes deutsches Mädchengymnasium“ gemeinsam ausrichteten.

Katja Förster 2021

Quellen

Verwaltungsbericht der Landeshauptstadt Karlsruhe für das Wirtschaftsjahr 1928 (1. April 1928 - 31. März 1929), S. 168 f., https://digital.blb-karlsruhe.de/blbihd/periodical/titleinfo/3351296 (Zugriff am 10. April 2021); Lessing-Gymnasium Karlsruhe (Hrsg.): Lessing-Gymnasium Karlsruhe – 100-jähriges Jubiläum 2011, Karlsruhe 2011; Direktion des Lessing-Gymnasiums Karlsruhe (Hrsg.): Jahresbericht 1993/94-2005/06; Jahrbuch 2006/07-2007/08; Jahresbericht 2010/11-2018/19.