Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 1693 (Ausschnitt).

Elisabeth Friederike Großwendt

Leiterin des Jugendamtes Karlsruhe, Redakteurin, * 26. Juni 1881 Metz/Dép. Moselle/Frankreich, † 17. Februar 1960 Brettach/Hohenlohekreis, ev., ledig.

Nach Abschluss der Höheren Mädchenschule in ihrer Geburtsstadt half Elisabeth Großwendt zunächst ihrem Vater bei der Leitung kaufmännischer Betriebe und besuchte anschließend mehrere Seminare für Nationalökonomie an der Universität Straßburg. 1905 arbeitete sie sechs Monate in verschiedenen Fabriken in Baden, Bayern und im Elsass, um die wesentlichen Industriezweige Süddeutschlands, aber auch um die Lage der Arbeiterinnen aus eigener Anschauung kennenzulernen. Über ihre Beobachtungen verfasste Großwendt zwei Studien zur Lage der Arbeiterinnen und zur Arbeit in der Tabakindustrie. Daraufhin wurde sie 1906 zur ersten Gewerbeaufsichtsbeamtin in Elsass-Lothringen ernannt.

Die Stilllegung der elsässischen Industrie während des Ersten Weltkriegs führte zu ihrer Beurlaubung, so dass Großwendt 1914-1916 die Leitung der Zentrale für Kriegsfürsorge der Stadt Colmar übernahm. Darauf folgte 1917/18 eine Stellung als Referentin für Arbeiterinnenfragen in der Kriegsamtstelle Straßburg. Ab Februar 1919 arbeitete Großwendt als Referentin für den weiblichen Arbeitsnachweis beim Landesamt für Arbeitsvermittlung in Stuttgart, und ging dann im Juli 1919 als erste Geschäftsführerin des städtischen Jugendamts nach Halle an der Saale. Nach weniger als einem Jahr kehrte Großwendt, die mittlerweile der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) beigetreten war und sich auch in der bürgerlichen Frauenbewegung engagierte, nach Süddeutschland zurück, wo sie im April 1920 Vorsteherin des Karlsruher Jugendamts und damit erste weibliche Amtsleiterin der Stadtverwaltung wurde. Zu ihren wichtigsten Aufgaben zählten dabei die Betreuung und Fürsorge minderjähriger Waisen und unehelicher Kinder.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kam für Großwendt das Ende ihrer beruflichen Laufbahn. Ende März 1934 wurde sie zwangsweise in den Ruhestand versetzt, da man aufgrund ihres parteipolitischen Engagements bezweifelte, dass sie sich rückhaltlos für den nationalen Staat einsetzen würde. Während der NS-Zeit verweigerte sie konsequent jede Mitarbeit in Organisationen des nationalsozialistischen Staates. Dennoch wurde der politisch Unbelasteten nach Kriegsende von demselben Vorgesetzten (Franz Fichtl), der ihre Entlassung betrieben hatte, die Rückkehr in den städtischen Dienst verwehrt. Seit dem Frühjahr 1946 schrieb sie als Redakteurin bei den Badischen Neuesten Nachrichten vorwiegend über frauenpolitische Fragen. Sie trat der Demokratischen Partei bei, wirkte besonders in deren Frauengruppe und beteiligte sich im Oktober 1946 an der Gründung und an der weiteren Arbeit der überparteilichen Karlsruher Frauengruppe.

In der Südstadt wurde 2000 die Elisabeth-Großwendt-Straße benannt.

René Gilbert 2015

Quellen

StadtAK 1/POA 1/1011, 1/H-Reg 853, 2827, 2896.

Werk

Aus dem Arbeitsgebiet des Stadtjugendamts, in: Otto Berendt (Hrsg.): Karlsruhe. Das Buch der Stadt, Stuttgart 1926, S. 178-184.

Literatur

Lisa Sterr: Aufbrüche, Einschnitte und Kontinuitäten – Karlsruher Frauen in der Weimarer Republik und im „Dritten Reich“, in: Karlsruher Frauen 1715–1945. Eine Stadtgeschichte, Karlsruhe 1992, S. 307-310, 326-328 (=Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 15) http://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/frauengeschichte/frauen1715 (zugriff am 22. Dezember 2015); Barbara Guttmann: „Zwischen Trümmern und Träumen“ – Karlsruherinnen in Politik und Gesellschaft in der Nachkriegszeit, Karlsruhe 1997, S. 48-50, http://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/frauengeschichte/truemmern (Zugriff am 22. Dezember 2015).