Jugendheim am Engländerplatz (heute Haus der Jugendverbände Anne Frank), um 1955, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIVa 415.

Stadtjugendausschuss e. V. Karlsruhe

Nach zwölfjähriger NS-Diktatur begann ab 1945 mit Unterstützung der US-Militärregierung der Wiederaufbau der Karlsruher Jugendarbeit. Der von US-Amerikanern und städtischen Vertretern am 7. November 1945 als offizielle Vertretung der Jugend eingesetzte Kreisjugendausschuss wurde am 13. März 1951 durch den neu gegründeten Stadtjugendausschuss (StJA), einem aus Delegierten der angeschlossenen Jugendverbände bestehenden Jugendparlament, abgelöst. Durch die 1947 von den US-Streitkräften in Karlsruhe eingerichteten und nach dem Prinzip der offenen Tür verwalteten German Youth Activities (GYA)-Jugendheime wurde die althergebrachte verbandliche Jugendarbeit erstmals um eine offene Form für nicht organisierte Jugendliche erweitert. Das von US-Streitkräften, der Stadt und der Jugend errichtete und im Mai 1954 eröffnete Jugendheim (heute Haus der Jugendverbände Anne Frank) am Engländerplatz war mit seinen Gruppen- und Werkräumen für beide Organisationsformen konzipiert.

Das umfangreiche, vom Stadtjugendausschuss organisierte Kurs- und Freizeitangebot stieß auf große Resonanz. 1957 zählte das Heim wöchentlich circa 2.350 Besucher. Seit Mai 1954 bot der Stadtjugendausschuss in Kooperation mit dem Stadtschulamt und dem Arbeitsamt Berufsförderungskurse für volksschulentlassene Jugendliche ohne Lehrstellen an, was bereits dem 1964/1967 an deutschen Volksschulen obligatorisch eingeführten neunten Schuljahr entsprach. 1955 richtete der Stadtjugendausschuss im Jugendheim eine Beratungsstelle für Jugendhilfe ein und gab im selben Jahr die "Rechtsfibel für die Jugend" heraus (28. Auflage 2011).

1956 begann sein Engagement in der Kriegsgräberfürsorge im lothringischen Baerenthal; von 1961-1969 entstand nach Plänen von Erich Schelling und mit tatkräftiger Unterstützung von Jugendlichen in Aufbaulagern das Jugenderholungszentrum Baerenthal. 1962 gründete der Stadtjugendausschuss das Jugendfreizeitwerk (jfw), seit 1978 Jugendfreizeit- und Bildungswerk (jfbw), das alternativ zu den traditionellen Lagerfahrten der Jugendverbände der nicht organisierten Jugend in den Ferien ein Freizeitprogramm anbietet. Die Einführung des Karlsruher Ferienpasses 1974 und die Einrichtung der Mobilen Spielaktion 1978 sind ebenfalls Maßnahmen des jfw.

Die enge Zusammenarbeit mit den städtischen Behörden, insbesondere mit dem Stadtjugendamt als öffentlichem Träger der Jugendhilfe, sowie das von 1954-1966 mit relativ bescheidenen öffentlichen Mitteln für die Karlsruher Jugend Geleistete bewogen die Stadt 1966, die kommunale Jugendpflege dem Stadtjugendausschuss widerruflich zu überantworten, ein in Deutschland bis heute singulärer Vorgang. Die Delegierung der öffentlichen Jugendpflege an den Stadtjugendausschuss bewirkte den systematischen Auf- und Ausbau der kommunalen Jugendarbeit. Bis Mitte der 1990er-Jahre entstanden innerhalb des Stadtgebiets ein flächendeckendes Angebot an Jugendtreffs sowie zwei generationenübergreifende Jugend- und Begegnungszentren (Jubez) am Kronenplatz und in Oberreut (Weiße Rose).

Da Jugendarbeit auf gesellschaftspolitische Entwicklungen reagiert, wird das Angebot ständig erweitert, modifiziert und verändert. In Reaktion auf den wachsenden Rechtsextremismus seit den 1970er-Jahren entstand beispielsweise die alternative Stadtrundfahrt und es wurden Ausstellungen über das Leben der Anne Frank (1989, 1999) gezeigt. Der traditionsreiche Karlsruher Sport-Club (KSC) initiierte das Fan-Projekt und aus dem Interesse an Rock- und Popmusik entwickelte sich das Projekt Musikmobil. Als Dachverband der Karlsruher Jugendverbände repräsentiert der Stadtjugendausschuss über 40 Mitgliedsvereine mit mehr als 46.600 Mitgliedern unter 27 Jahren. Das Angebot für die offene Jugendarbeit wird von circa 210 hauptberuflichen Fachkräften getragen, die verbandliche dagegen ausschließlich von ehrenamtlichen Mitarbeitern.

Katja Förster 2015

Literatur

Katja Förster: Die Geschichte der Jugendarbeit in Karlsruhe, hrsg. vom Stadtarchiv Karlsruhe und dem Förderkreis des Stadtjugendausschusses e. V. Karlsruhe, Karlsruhe 2011 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 32); http://www.stja.de (Zugriff am 8. Juni 2015).