Haupteingang des Jugendheims am Engländerplatz mit dem Saalbau (links), um 1955, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIVa 227.
Jugendheim Anne Frank, 1980, Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A40/216/3/24.

Anne-Frank-Haus

Beim Wiederaufbau Deutschlands zu einem demokratischen Rechtsstaat nach 1945 fiel der Jugenderziehung und Jugendarbeit eine wichtige Rolle zu. Im Sommer 1947 stellten die US-Streitkräfte im Rahmen ihres Jugendförderungsprogramms German Youth Activities (GYA) der Karlsruher Jugend drei Jugendheime in der Weststadt zur Verfügung. Da die GYA-Heime nach dem Prinzip der „offenen Tür“ verwaltet wurden und sich in erster Linie an die nicht organisierte Jugend richteten, versuchten die Karlsruher Jugendverbände, für ihre überwiegend verbandsinterne, „geschlossene“ Jugendarbeit ein eigenes Jugendheim zu errichten. Durch gemeinschaftliche Projekte wie die Karlsruher Jugendwoche und mit Hilfe der Stadtverwaltung konnte am 14. Oktober 1950 auf dem Gelände des ehemaligen Lehrerseminars II in der Rüppurrer Straße 29 ein in Barackenbauweise errichtetes Jugendheim eröffnet werden. Alle vier Heime stellten jedoch von Anfang an nur Behelfslösungen dar.

Der im März 1951 gegründete Stadtjugendausschuss, der sich als rechtmäßige Vertretung der gesamten Karlsruher Jugend verstand, trug durch das Engagement seines Vorsitzenden Walther Wäldele entscheidend dazu bei, dass mit Unterstützung der US-Streitkräfte und der Stadt, hier besonders des Bürgermeisters und Jugenddezernenten Emil Gutenkunst, zwischen Mai 1952 und Mai 1954 das noch heute bestehende Jugendheim am Engländerplatz erbaut wurde.

Die Stadtverwaltung stellte das Baugelände am Engländerplatz zur Verfügung, das ihr vom Land in Form eines Erbbauvertrags überlassen wurde, und sorgte für seinen Anschluss an das städtische Versorgungsnetz, während die GYA die Ausführung des Baus und seine Ausstattung übernehmen wollte. Nachdem die 317. Ponton-Brückenbaukompanie im Frühjahr 1952 die Erd- und Aushubarbeiten besorgt hatte, wurden der 39. Engineering Construction Group die eigentlichen Bauarbeiten übertragen. Da die Truppe auch noch für andere militärische Projekte zuständig war, stagnierte der Bauverlauf ab Oktober 1952 nahezu ganz, so dass die Stadt – der Saalbau war noch nicht hochgezogen – die rund 130.000 DM teure Fertigstellung des Jugendheims einschließlich seiner Ausstattung übernahm.

Am 15. Mai 1954 wurde das von Architekt Franz Müller-Merkstein vom Städtischen Hochbauamt entworfene Jugendheim feierlich eröffnet. Der Bau, welcher zwei rechtwinklig angelegte, langgestreckte eingeschossige Flügelbauten über einen zweigeschossigen Saalbau miteinander verbindet, bestach durch das klare Raumprogramm, welches die Anforderungen an eine verbandsbezogene und eine offene Jugendarbeit gleichermaßen erfüllte. Im Ostflügel waren die Arbeitsräume sowie sechs modern ausgestattete Werkstätten des offenen Bereichs einschließlich der Wohnung des Heimleiters untergebracht und im Nordflügel befanden sich die Gruppenräume für die organisierten Jugendverbände. Verbindendes Bauelement zwischen dem Ost- und Nordflügel war der an seiner Süd- und Westseite von hohen Fenstern durchbrochene Festsaal mit Bühne und bis zu 300 Sitzplätzen. Bis zum Frühjahr 1954 war auch der Engländerplatz für 60.000 DM mit großen Grünflächen für Spiele und sportliche Wettkämpfe in einen „Platz der Jugend“ umgestaltet worden.

Die Karlsruher Jugend nahm das umfangreiche Freizeitangebot mit so großer Begeisterung an, dass die Einrichtung bereits im Herbst 1954 an ihre Grenzen stieß. 1957 wurden beispielsweise pro Woche 1.850 Besucher gezählt, von denen etwa die Hälfte der nicht organisierten Jugend und die andere Hälfte einer der 74 Jugendgruppen der 25 Mitgliedsorganisationen angehörten. 1958/59 wurde der Nordflügel um einen zweigeschossigen Querbau mit eigenem Eingang erweitert, der neben Arbeits- und Gruppenräumen auch einen kleinen Saal enthielt.

Durch den Stadtjugendausschuss als Träger der Einrichtung entwickelte sich das Haus weit über ein gängiges Jugendheim hinaus: Seit 1954 fanden darin die einjährigen Berufsförderungskurse für volksschulentlassene Jugendliche ohne Lehrstellen statt, die bereits das neunte Schuljahr vorwegnahmen. Seit 1955 gab es im Heim eine Beratungsstelle für Jugendhilfe, seit 1962 das Jugendfreizeitwerk, das der offenen Jugendarbeit eine neue Qualität verlieh und bis in die 1970er-Jahre hinein befand sich auch die Geschäftsstelle des Stadtjugendausschusses an diesem Standort.

Mit dem 1981/82 in Betrieb genommenen Jugend- und Begegnungszentrum (Jubez) am Kronenplatz schuf der Stadtjugendausschuss eine zentrale Freizeiteinrichtung für Karlsruher Kinder und Jugendliche mit neuen Angebotsschwerpunkten, wie sie das Jugendheim Anne Frank, wie das Haus am Engländerplatz seit dem Frühjahr 1967 hieß, nicht hätte bieten können.

Das Jugendheim, das zum Symbol eines demokratischen Neuanfangs in der Jugenderziehung und Jugendbildung geworden war, wurde nach kleineren Umbaumaßnahmen den Karlsruher Jugendverbänden für ihre Arbeit überlassen; nur in geringem Umfang blieb ein stadtteilbezogenes Kursangebot aufrecht erhalten. Seit 1982 firmiert die Einrichtung daher als Haus der Jugendverbände Anne Frank. Die historische Wertschätzung des Gebäudes in der Karlsruher Bevölkerung zeigte sich besonders deutlich in der öffentlich geführten Diskussion 2000/01, als die ursprüngliche Planung der neuen Mensa für die Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft in der Moltkestraße 12 den Erhalt des Anne-Frank-Hauses infrage stellte.

Katja Förster 2021

Quellen

Badische Neueste Nachrichten (BNN) vom 21. März 1967 (Namensänderung Jugendheim Anne Frank); Michael Hölle: Das Anne-Frank-Haus bleibt und der Mensaneubau kommt, in: BNN vom 6. März 2001.

Literatur

Katja Förster: Die Geschichte der Jugendarbeit in Karlsruhe, hrsg. vom Stadtarchiv Karlsruhe und dem Förderkreis des Stadtjugendausschusses e. V. Karlsruhe, Karlsruhe 2011 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 32).