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De:Lexikon:bio-0684: Unterschied zwischen den Versionen

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=Ferdinand Wilhelm Thiergarten=
=Ferdinand Wilhelm Thiergarten=


Verleger, * 22. Januar 1847 Lahr, † 14. Mai 1919 Karlsruhe, ev., ∞ Emma Tschira, 1 Sohn Alfred, 2 Töchter Ida, Toni.<br/ ><br/ >
Verleger und Buchdrucker, * 22. Januar 1847 Lahr, † 14. Mai 1919 Karlsruhe, ev., ∞ 1875 Emma Tschira (1853-1920), 3 Kinder.<br/ ><br/ >
Ferdinand Thiergarten wurde in ärmlichen Verhältnissen als Sohn des Lahrer Kammmachers und Laufburschen Ferdinand Thiergarten senior und seiner Frau Karoline Hetzel geboren. Schon früh zeigte er seinen Bildungshunger und Aufstiegswillen. Mit 14 Jahren begann er eine Lehre als Schriftsetzer im Verlag Moritz Schauenburg und bildete sich durch Selbststudium fort. Es folgte eine Zeit der Wanderschaft, während der er in verschiedenen Druckereien, unter anderem in Freiburg, Bregenz und Dortmund arbeitete.
Ferdinand Thiergarten war der Sohn des als „Lahrer Kaspar Hauser“ in die Ortsgeschichte eingegangenen Ferdinand Thiergarten senior, der 1819 als Findelkind im Gewann Thiergarten in Lahr aufgefunden worden war. Mit 14 Jahren begann er eine Lehre zum Schriftsetzer in der Buchdruckerei von Moritz Schauenburg. Nach Beendigung der Lehrzeit begab sich Thiergarten auf Wanderschaft durch Deutschland und erwarb sich durch die Arbeit in verschiedenen Druckereien weitere Kenntnisse. Im Alter von 27 Jahren kehrte er in seine badische Heimat zurück und gründete in Freiburg seine eigene Druckerei, die einige Jahre den Druck und Verlag des Freiburger Tagblattes übernahm. Nach dem Umzug wurde er 1889 in Karlsruhe Teilhaber der vier Jahre zuvor gegründeten <lex id="ins-1147">Badische Presse</lex>. 1891 gingen das Blatt und das dazugehörige Druckereigeschäft vollständig in seinen Besitz über. Dank seiner Fachkenntnisse und seines Einsatzes entwickelte Thiergarten die als Provinzblatt gestartete Badische Presse zur auflagenstärksten und meistgelesenen Zeitung im deutschen Südwesten. Bald gehörte er deshalb zu den einflussreichsten badischen Verlegern und zu den bekanntesten Persönlichkeiten in Karlsruhe. Er nahm am gesellschaftlichen Leben teil und erhielt Ehrenämter in verschiedenen Buchdruckerei-Organisationen.


1874 gründete Ferdinand Thiergarten in Freiburg seine erste eigene Druckerei. 1880 übernahm er das Freiburger Tagblatt, das er in sechs Jahren zum Erfolg führte. In Freiburg heiratete er auch Emma Tschira, die Stieftochter seines Mentors Wilhelm Schubert (1813-1893). Dem Lahrer Bürgermeister und 1848er-Rebell widmete er 1906 auf dem Lahrer Schutterlindenberg ein Denkmal.
Darüber hinaus amtierte Thiergarten 1902-1918 als <lex id="ins-1120">Stadtverordneter</lex> im Karlsruher Bürgerausschuss. Als Freimaurer gehörte er Logen in Karlsruhe, Freiburg und Lahr an.

1906 stiftete Thiergarten, der zeit seines Lebens Lahr verbunden blieb, das Schubert-Denkmal auf dem Schutterlindenberg in seiner Geburtsstadt, das an den früheren Lahrer Bürgermeister und Fabrikanten Wilhelm Schubert erinnert, mit dem Thiergarten freundschaftlich verbunden war.
1889 kam Ferdinand Thiergarten nach Karlsruhe, wo er Teilhaber der <lex id="ins-1147">Badischen Presse</lex> wurde. Das von dem Geschäftsmann Carl Raupp gegründete <lex id="ins-0323">nationalliberale</lex> Blatt war in finanziellen Nöten. Nachdem Thiergarten 1891 Alleininhaber geworden war, wurde die Badische Presse schnell zur bedeutendsten und auflagenstärksten Zeitung in Karlsruhe und ganz Baden. Die Auflage stieg von 11.000 Exemplaren im Jahr 1890 auf 50.000 während des <lex id="ereig-0068">Ersten Weltkriegs</lex>. Ferdinand Thiergarten führte moderne Setzmaschinen ein und später 16- und 32-seitige Rotationsmaschinen. Der Verleger engagierte den jungen Journalisten und Schriftsteller <lex id="bio-1088">Albert Herzog</lex> als Chefredakteur, der diese Position fast 30 Jahre einnahm. 1895 verlegte Ferdinand Thiergarten den Verlag von der <lex id="top-1485">Karlstraße</lex> 27 in die <lex id="top-1658">Lammstraße</lex> 1b/<lex id="top-3043">Zirkel</lex> 23. Druckerei und Pressehaus erfuhren in den kommenden Jahrzehnten ständige Umbauten und Erweiterungen, so etwa 1904 durch den Erwerb des Hauses <lex id="top-1459">Karl-Friedrich-Straße</lex> 6.

<div style="text-align:right;">''René Gilbert 2015''</div>
Ferdinand Thiergarten war trotz bescheidener Herkunft ein gebildeter und weit gereister Mann. 1893 unternahm er eine zweimonatige Reise in die USA, deren Höhepunkt der Besuch der Weltausstellung in Chicago war. Darüber schrieb er das Buch "Von Karlsruhe nach Chicago". Er war seit seiner Jugend Freimaurer und gehörte verschiedenen Logen an. In Karlsruhe engagierte er sich von 1902 bis 1918 im <lex id="ins-1015">Bürgerausschuss</lex>, zudem gehörte er Buchdruckerei-Organisationen und dem <lex id="ins-0427">Arbeiterbildungsverein</lex> an. Als Privatmann hatte er eine Leidenschaft für die Insektenforschung, fürs Wandern und Bergsteigen. Mit 55 Jahren bestieg er noch den Mont Blanc.

Nach dem vorzeitigen Tod seines Sohnes Alfred, technischer Direktor und Prokurist, im Jahr 1916 musste Ferdinand Thiergarten den Verlag allein durch die schwierigen Kriegsjahre mit Papierknappheit und Anzeigenrückgang führen. Er starb 1919 an den Folgen eines Schlaganfalls. Nachfolger wurde sein Enkel <lex id="bio-1464">Bruno Thiergarten-Schultz</lex> (1896-1957).
<div style="text-align:right;">''Sibylle Peine 2025''</div>


==Quellen==
==Quellen==
StadtAK 1/BOA 2866, 2874, 2876, 4500; GLA 69 Verlag CFM Nr. 959; Chronik der Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe für die Jahre 1918/19, Jg. 35, Karlsruhe 1925, S. 429 f., https://stadtgeschichte.karlsruhe.de/materialien-zur-stadtgeschichte/publikationen-zur-stadtgeschichte-digital/chronikbaende-1885-1923-1; Badische Presse 1890–1944, https://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/titleinfo/6354836 (Zugriff jeweils am 13. Mai 2025); Albert Herzog: Erinnerungsblätter an die Feier des 70. Geburtstages von Ferdinand Thiergarten, Buchdruckereibesitzer und Verleger der Badischen Presse in Karlsruhe, Karlsruhe 1917; Ders.: Ihr glücklichen Augen. Ein Karlsruher Journalist erzählt aus seinem Leben, Kleine Karlsruher Bibliothek Bd. 3, Karlsruhe.
GLA 69 Verlag CFM Nr. 959; Chronik der Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe für die Jahre 1918/19, Jg. 35, Karlsruhe 1925, S. 429 f., [https://stadtgeschichte.karlsruhe.de/securedl/sdl-eyJ0eXAiOiJKV1QiLCJhbGciOiJIUzI1NiJ9.eyJpYXQiOjE2NjMyMzkwNzgsImV4cCI6MzMyMTc2MjY0NTYsInVzZXIiOjAsImdyb3VwcyI6WzAsLTFdLCJmaWxlIjoiZmlsZWFkbWluXC91c2VyX3VwbG9hZFwvTWFuZGFudGVuc2VpdGVuXC9TdGFkdGFyY2hpdlwvMDVfU3RhZHRnZXNjaGljaHRlXC8wNF9QdWJsaWthdGlvbmVuXC9DaHJvbmlrYmFlbmRlXC8xMF9EcTFfS2FybF9DaHJvbmlrXzE5MThfMTkxOS5wZGYiLCJwYWdlIjoyNzgwfQ.xmo9lFgJvwBKO0wddWBuSZisQPONKEjefJvsj6JJjO8/10_Dq1_Karl_Chronik_1918_1919.pdf Band zum Download (PDF)] (Zugriff am 15. September 2022).
==Werk==
==Werk==
Von Karlsruhe nach Chicago. Reiseskizzen und Plaudereien von der Weltausstellung, Karlsruhe 1895.
Von Karlsruhe nach Chicago. Reiseskizzen und Plaudereien von der Weltausstellung, Karlsruhe 1894; Wilhelm Schubert 1813-1895, Gedenkschrift zu der feierlichen Eröffnung der Wilhelm-Schubert-Anlage mit Aussichts-Pavillon auf dem Schutterlindenberg bei Lahr, 17. Juni 1906, Karlsruhe 1906.
==Literatur==
==Literatur==
Albert Herzog: Ihr glücklichen Augen. Ein Karlsruher Journalist erzählt aus seinem Leben, Karlsruhe 2008, S. 81-83, 277, 282-285 (= Kleine Karlsruher Bibliothek, Bd. 3); Emil Baader: Ferdinand Thiergarten 1847-1919, in: Geroldsecker Land 21 (1979), S. 184-187; Ralf Bernd Herden: Die Freimaurer Wilhelm Schubert und Ferdinand Thiergarten, in: Geroldsecker Land 56 (2014), S. 138-141.
Sibylle Peine: Pioniere, Diven, Hasardeure. Die schillernden badischen Unternehmerfamilien Thiergarten und Utz, Ahrensburg/Karlsruhe 2024; Emil Baader: Ferdinand Thiergarten 1847–1919, in: Geroldsecker Land 21 (1979), S. 184–187; Ralf Bernd Herden: Die Freimaurer Wilhelm Schubert und Ferdinand Thiergarten, in: Geroldsecker Land 56 (2014), S. 138–141; Das Findelkind von Lahr, in: Der Altvater, Heimatblätter der Lahrer Zeitung 1953, S. 70.

Aktuelle Version vom 11. Juni 2025, 11:16 Uhr


Ferdinand Thiergarten, 1892, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 1432.

Ferdinand Wilhelm Thiergarten

Verleger und Buchdrucker, * 22. Januar 1847 Lahr, † 14. Mai 1919 Karlsruhe, ev., ∞ 1875 Emma Tschira (1853-1920), 3 Kinder.

Ferdinand Thiergarten wurde in ärmlichen Verhältnissen als Sohn des Lahrer Kammmachers und Laufburschen Ferdinand Thiergarten senior und seiner Frau Karoline Hetzel geboren. Schon früh zeigte er seinen Bildungshunger und Aufstiegswillen. Mit 14 Jahren begann er eine Lehre als Schriftsetzer im Verlag Moritz Schauenburg und bildete sich durch Selbststudium fort. Es folgte eine Zeit der Wanderschaft, während der er in verschiedenen Druckereien, unter anderem in Freiburg, Bregenz und Dortmund arbeitete.

1874 gründete Ferdinand Thiergarten in Freiburg seine erste eigene Druckerei. 1880 übernahm er das Freiburger Tagblatt, das er in sechs Jahren zum Erfolg führte. In Freiburg heiratete er auch Emma Tschira, die Stieftochter seines Mentors Wilhelm Schubert (1813-1893). Dem Lahrer Bürgermeister und 1848er-Rebell widmete er 1906 auf dem Lahrer Schutterlindenberg ein Denkmal.

1889 kam Ferdinand Thiergarten nach Karlsruhe, wo er Teilhaber der Badischen Presse wurde. Das von dem Geschäftsmann Carl Raupp gegründete nationalliberale Blatt war in finanziellen Nöten. Nachdem Thiergarten 1891 Alleininhaber geworden war, wurde die Badische Presse schnell zur bedeutendsten und auflagenstärksten Zeitung in Karlsruhe und ganz Baden. Die Auflage stieg von 11.000 Exemplaren im Jahr 1890 auf 50.000 während des Ersten Weltkriegs. Ferdinand Thiergarten führte moderne Setzmaschinen ein und später 16- und 32-seitige Rotationsmaschinen. Der Verleger engagierte den jungen Journalisten und Schriftsteller Albert Herzog als Chefredakteur, der diese Position fast 30 Jahre einnahm. 1895 verlegte Ferdinand Thiergarten den Verlag von der Karlstraße 27 in die Lammstraße 1b/Zirkel 23. Druckerei und Pressehaus erfuhren in den kommenden Jahrzehnten ständige Umbauten und Erweiterungen, so etwa 1904 durch den Erwerb des Hauses Karl-Friedrich-Straße 6.

Ferdinand Thiergarten war trotz bescheidener Herkunft ein gebildeter und weit gereister Mann. 1893 unternahm er eine zweimonatige Reise in die USA, deren Höhepunkt der Besuch der Weltausstellung in Chicago war. Darüber schrieb er das Buch "Von Karlsruhe nach Chicago". Er war seit seiner Jugend Freimaurer und gehörte verschiedenen Logen an. In Karlsruhe engagierte er sich von 1902 bis 1918 im Bürgerausschuss, zudem gehörte er Buchdruckerei-Organisationen und dem Arbeiterbildungsverein an. Als Privatmann hatte er eine Leidenschaft für die Insektenforschung, fürs Wandern und Bergsteigen. Mit 55 Jahren bestieg er noch den Mont Blanc.

Nach dem vorzeitigen Tod seines Sohnes Alfred, technischer Direktor und Prokurist, im Jahr 1916 musste Ferdinand Thiergarten den Verlag allein durch die schwierigen Kriegsjahre mit Papierknappheit und Anzeigenrückgang führen. Er starb 1919 an den Folgen eines Schlaganfalls. Nachfolger wurde sein Enkel Bruno Thiergarten-Schultz (1896-1957).

Sibylle Peine 2025

Quellen

StadtAK 1/BOA 2866, 2874, 2876, 4500; GLA 69 Verlag CFM Nr. 959; Chronik der Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe für die Jahre 1918/19, Jg. 35, Karlsruhe 1925, S. 429 f., https://stadtgeschichte.karlsruhe.de/materialien-zur-stadtgeschichte/publikationen-zur-stadtgeschichte-digital/chronikbaende-1885-1923-1; Badische Presse 1890–1944, https://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/periodical/titleinfo/6354836 (Zugriff jeweils am 13. Mai 2025); Albert Herzog: Erinnerungsblätter an die Feier des 70. Geburtstages von Ferdinand Thiergarten, Buchdruckereibesitzer und Verleger der Badischen Presse in Karlsruhe, Karlsruhe 1917; Ders.: Ihr glücklichen Augen. Ein Karlsruher Journalist erzählt aus seinem Leben, Kleine Karlsruher Bibliothek Bd. 3, Karlsruhe.

Werk

Von Karlsruhe nach Chicago. Reiseskizzen und Plaudereien von der Weltausstellung, Karlsruhe 1894; Wilhelm Schubert 1813-1895, Gedenkschrift zu der feierlichen Eröffnung der Wilhelm-Schubert-Anlage mit Aussichts-Pavillon auf dem Schutterlindenberg bei Lahr, 17. Juni 1906, Karlsruhe 1906.

Literatur

Sibylle Peine: Pioniere, Diven, Hasardeure. Die schillernden badischen Unternehmerfamilien Thiergarten und Utz, Ahrensburg/Karlsruhe 2024; Emil Baader: Ferdinand Thiergarten 1847–1919, in: Geroldsecker Land 21 (1979), S. 184–187; Ralf Bernd Herden: Die Freimaurer Wilhelm Schubert und Ferdinand Thiergarten, in: Geroldsecker Land 56 (2014), S. 138–141; Das Findelkind von Lahr, in: Der Altvater, Heimatblätter der Lahrer Zeitung 1953, S. 70.