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Emma Dessau-Goitein

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Emma Dessau-Goitein

Emma Goitein, um 1895, Stadtarchiv Karlsruhe 11/DigB 123 (Ausschnitt).
Emma Goitein, um 1895, Stadtarchiv Karlsruhe 11/DigB 123 (Ausschnitt).

Malerin und Grafikerin, * 20. September 1877 Karlsruhe, † 17. September 1968 Perugia/Italien, jüd., ∞ 1901 Bernardo (Bernhard) Dessau (1863-1949), 1 Tochter, 1 Sohn.

Emma Dessau-Goitein war die zweitälteste Tochter des Karlsruher Rabbiners Gabor Goitein und seiner Frau Ida geb. Löwenfeld. Ihre jüngere Schwester war die bekannte Ärztin und Frauenrechtlerin Rahel Goitein verheiratete Straus (1880-1963). Nach dem Suizid des Vaters im Jahr 1883 zog die Mutter, eine Lehrerin, die vier überlebenden Kinder alleine auf. Für die Zeit eher ungewöhnlich, legte Ida Goitein großen Wert auf eine gute Ausbildung ihrer drei begabten Töchter.

Schon als Kind zeigte Emma Dessau-Goitein großes künstlerisches Interesse und äußerte den Berufswunsch, Malerin zu werden. Ab 1894 besuchte sie die neun Jahre zuvor gegründete Malerinnenschule Karlsruhe, eine Ausbildungsstätte mit damals etwa 70 Schülerinnen. 1898 erhielt Emma Dessau-Goitein eine Einladung zu einem einjährigen Aufenthalt an der Kunstschule Bushey bei London. Hier erfuhr sie unter Leitung von Hubert von Herkomer eine unorthodoxe, freie Ausbildung, die unter anderem auch Aktzeichnen nach dem lebenden Modell umfasste. In München bildete sich Emma Dessau-Goitein autodidaktisch weiter und eignete sich die Kunst des Holzschnitts an, in der sie es zu besonderer Meisterschaft brachte.

Bei einem Aufenthalt in Bad Herrenalb lernte sie den Physiker Bernardo (Bernhard) Dessau kennen und heiratete ihn 1901. Mit ihm zog sie nach Bologna und später nach Perugia, wo ihr Mann Universitätsprofessor war. Auch nach der Geburt zweier Kinder blieb Emma Dessau-Goitein der Malerei treu. Als einzige Frau wurde sie an der Kunstakademie Bologna zugelassen. Ihr besonderes Interesse galt der Porträtmalerei, wobei sie bevorzugt ihre eigene Familie porträtierte. Sie widmete sich aber auch der Landschaftsmalerei, dem Holzschnitt und der Exlibris-Grafik. Akademisch geschult, war ihr Werk auch vom Spätimpressionismus und vom Jugendstil beeinflusst. Sie beteiligte sich an zahlreichen Ausstellungen, ab 1922 waren ihr auch Einzelausstellungen gewidmet, unter anderem in Perugia, Bergamo und Livorno. Die letzte fand 1936 in Mailand statt.

Der Nationalsozialismus und die beiden Weltkriege verdüsterten das Leben der Malerin. Während des Ersten Weltkriegs wurde ihr Mann trotz italienischer Staatsbürgerschaft aufgrund seiner deutschen Herkunft auf Druck nationalistischer Kreise zeitweilig von der Universität Perugia verbannt. Ab 1938 hatten die Dessaus als Juden schwer unter Mussolinis Rassegesetzen zu leiden und mussten sich jahrelang verstecken. Emma Dessau-Goitein verfiel wie ihr Vater in schwere Depressionen. Ihr letztes Bild entstand 1945.

50 Jahre nach ihrem Tod wurde die Malerin wiederentdeckt. Die Stadt Perugia widmete ihr 2018 eine große Retrospektive, zu der ein umfassender Katalog sowie ein biografisches Werk ihrer Enkelin erschienen. 2021 wurden Werke von ihr in der Ausstellung Verborgene Spuren. Jüdische Künstler*innen und Architekt*innen in Karlsruhe 1900–1950 der Städtischen Galerie Karlsruhe gezeigt.

Sibylle Peine 2026

Quellen

StadtAK Geburtenregister Nr. 1036/1877, Heiratsregister Nr. 529/1901; Rahel Straus: Wir lebten in Deutschland, Erinnerungen einer deutschen Jüdin 1880-1933, Stuttgart 1961; Briefe Rahel Straus an Hannah, BLB, K3313, 90a (24.1.1950), 194 (21.10.1938), Briefe Hannah an Rahel Straus 507, 1945, Ernst G: Straus: Memoirs, Typoskript, 1975-1979, National Library of Israel, S. 49.

Literatur

Fedora Boco/Maria Luisa Martella/Gabriella Steindler Moscati: Emma Dessau Goitein. Un' artista europea a Perugia, Ausstellungskatalog, Perugia 2018; Gabriella Steindler Moscati: La mia vita incisa nell'arte. Una biografia di Emma Dessau Goitein, Milano-Udine 2018; Rahel Wolff: Emma Dessau-Goitein, in: Menorah. Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur, Jg. 9 (1931), Heft 1-2 (Januar 1931), S. 89-90; Verborgene Spuren. Jüdische Künstler*innen und Architekt*innen in Karlsruhe 1900–1950, Ausstellungskatalog Städtische Galerie Karlsruhe, Petersberg 2021, S. 80.