Hermann Backhaus, Foto aus: Friedrich Raab: Die Technische Hochschule Fridericiana Karlsruhe, Festschrift zur 125-Jahrfeier, Karlsruhe 1950, S. 110.

Hermann Emil Wilhelm Backhaus

Elektrotechniker, * 10. September 1885 Berlin, † 2. Februar 1958 Bühl, ev., ∞ 1920 Dorothea Ottmann, 2 Söhne, 1 Stieftochter.

Hermann Backhaus, Sohn eines Maurers, besuchte das Französische und das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Berlin und studierte 1904-1907 an der Universität Berlin Mathematik und Physik und 1907-1909 an der Technischen Hochschule (TH) Berlin, wo zusätzlich Bauingenieurwesen zu seinem Curriculum gehörte. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Artillerieoffizier an Feldzügen in Frankreich und Russland teil. Nach Kriegsende arbeitete Backhaus ab 1920 als Ingenieur bei den Siemens-Schuckert-Werken in Berlin, 1923 erhielt er eine Assistentenstelle bei Hans Gerdien, dem damaligen Leiter des werkseigenen Forschungslabors. Im selben Jahr wurde er an der Universität Jena bei Max Wien promoviert. 1928 habilitierte sich Backhaus für reine und angewandte Physik an der Universität Greifswald, wo er anschließend als Privatdozent einen Lehrauftrag für angewandte Physik wahrnahm.

1932 erhielt er einen Ruf auf den Lehrstuhl für theoretische Elektrotechnik und Schwachstromtechnik an der Technischen Hochschule (TH) Karlsruhe als Nachfolger des nach nur dreijähriger Tätigkeit in Karlsruhe bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückten Willy Steidingers. Als Ordinarius und Direktor des gleichnamigen Instituts (ab 1942) war es Backhaus ein Anliegen, die Schwachstromtechnik aus ihrer traditionellen Unterordnung unter die Starkstromtechnik herauszulösen und zu selbstständiger Entfaltung zu bringen. Mithilfe finanzieller Unterstützung der Karlsruher Hochschulvereinigung und der Industrie gelang es ihm außerdem, den Aufbau und die Weiterentwicklung des Elektrotechnischen Labors voranzutreiben.

Trotz seiner unpolitischen Grundhaltung wurde Backhaus, der nie Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) gewesen war, im Herbst 1945 entlassen. Die amerikanische Militärregierung beschuldigte ihn, während der NS-Zeit unter anderem eine Geheimtinte und eine Geheimschrift erfunden sowie Lehrkurse für aktive Spionage abgehalten zu haben. Mitarbeiter seines Lehrstuhls sowie Hochschulkollegen, darunter Rolf Fricke, Rudolf Criegee und Karl Holl, wiesen die Anschuldigungen in schriftlichen Stellungnahmen zurück und setzten sich erfolgreich für seine Wiedereinstellung ein. Im Januar 1948 befand die Spruchkammer Karlsruhe Backhaus als nicht belastet.

Wieder im Amt, war Backhaus neben seiner Arbeit als Hochschullehrer auch in Angelegenheiten der akademischen Verwaltung tätig. So wirkte er an der Vorläufigen Verfassung der TH Karlsruhe aus dem Jahr 1948 mit. Das dadurch erworbene Vertrauen führte zu seiner zweimaligen Wahl zum Rektor in den Studienjahren 1950/51 und 1951/52. Am 1. Oktober 1953 wurde Backhaus emeritiert. Die Vertretung seines eigenen Lehrstuhls übernahm er bis 1956. Anschließend leitete er bis zu seinem Tod das akustische und schalltechnische Laboratorium der TH Karlsruhe.

Backhaus leistete Pionierarbeit auf mehreren Gebieten. Er lieferte wichtige Erkenntnisse auf dem Gebiet der gekoppelten elektrischen Schwingungskreise und Siebketten. Ebenso bedeutsam sind seine wegweisenden Untersuchungen zur Akustik und Elektroakustik, den Schwerpunkten seiner Arbeit, in denen er sich insbesondere mit den Schwingungsformen von Geigenkörpern und mit den individuellen elektronischen Klängen von Musikinstrumenten beschäftigte. Seine Vorlesungen galten wegen ihres logischen Aufbaus und ihrer formalen Ausarbeitung als beispielhaft und die von ihm regelmäßig angebotenen öffentlichen Fachvorträge für Dozenten, Studenten und Angestellte erfreuten sich allgemeiner Beliebtheit.

Außeruniversitär betätigte sich der Musikliebhaber Backhaus als erster Vorsitzender der Förderungsgemeinschaft des Hermann-Hesse-Literaturpreises sowie als Verwaltungsrat des Süddeutschen Rundfunks. Für seine wissenschaftlichen Leistungen erhielt er 1955 die Ehrendoktorwürde der TH Aachen.

René Gilbert 2015

Quellen

GLA 465 h/26025; KIT-Archiv 21011/13, 28002/10; Hauptstaatsarchiv Stuttgart EA 3/150 Bü 53.

Werk

Über Siebketten und deren Anschluss an Leitungen, Diss. Jena 1923; Theorie akustischer Schwingungen, in: Handbuch der Physik, Bd. VIII, Akustik, hrsg. von Hans Geiger und Karl Scheel, Berlin 1927, S. 5-150; Über Schwingungsformen von Geigenkörpern, in: Zeitschrift für Physik 62 (1930), S. 143-166; Musikinstrumente, in: Handbuch der Experimentalphysik Bd. XVII, Teil 3, Leipzig 1934, S. 177-256; Der Lehrstuhl und das Institut für theoretische Elektrotechnik und Schwachstrommechanik, in: Friedrich Raab (Red.): Die technische Hochschule Fridericiana Karlsruhe – Festschrift zur 125-Jahrfeier, Karlsruhe 1950, S. 251 f.; Die Beziehungen zwischen physikalischer und physiologischer Akustik – Rede anläßlich der Rektoratsübernahme am 13. Januar 1951, Karlsruhe 1952 (= Karlsruher akademische Reden NF, Nr. 9).

Literatur

Ernst Lübcke: Nachruf Hermann Backhaus, in: Die Schalltechnik 18/1958, Nr. 27 vom 11. Mai; Johannes Fischer: Nachruf Hermann Backhaus, in: Physikalische Blätter 14/3 (1958), S. 124 f.; Johannes Fischer: Nachruf Hermann Backhaus, in: Elektrotechnische Zeitschrift, Bd. 79, Heft 7 vom 1. April 1958, S. 270 f.