Von Wladimir Zabotin gestaltetes Plakat für eine Ausstellung der Gruppe Rih, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Privatbesitz München.

Gruppe Rih

Unmittelbar nach den revolutionären Ereignissen im November 1918 gründeten Künstler, Bildhauer und Architekten am 3. Dezember 1918 in Berlin die "Novembergruppe". Nach der Abdankung von Kaiser Wilhelm II. und der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 forderte die Gruppe, an der Neuordnung von Staat und Gesellschaft kulturpolitisch mitzuwirken. In der Überzeugung, die fortschrittlichen künstlerischen Kräfte in ganz Deutschland zu repräsentieren, verlangte sie nach Bildung von Ortsgruppen in den Kunstzentren. In Düsseldorf, Hamburg, Bielefeld, Dresden, Halle, Magdeburg, Stuttgart und Karlsruhe konstituierten sich 1919 unter jeweils eigenständigen Namen solche Gruppierungen.

In Karlsruhe schlossen sich im Februar/März 1919 die Künstler Walter Becker, Oskar Fischer, Egon Itta, Rudolf Schlichter, Georg Scholz, Eugen Segewitz und Wladimir Zabotin, alle ehemalige Studenten der Großherzoglich Badischen Akademie der Bildenden Künste, zu einer Ortsgruppe zusammen. Fischers Korrespondenz mit dem Berliner Verleger und Galeristen Herwarth Walden dokumentiert, dass sich die Gruppe zunächst "Ost-West" nennen wollte und sich erst kurz vor ihrem Debüt am 1. April 1919 in der Galerie Moos in der Kaiserstraße 187 für "Rih" entschied, den Namen des Pferdes von Kara ben Nemsi, einer Romanfigur Karl Mays. Der Rapphengst war für die Künstler Sinnbild ihres eigenen Strebens nach Loslösung und Befreiung von den Konventionen, ihres Aufbruches zu Neuem und ihres ungestümen, provokativen Gebarens.

In der kurzen Zeit ihres Bestehens – 1920 löste sich die "Gruppe Rih" bereits auf – trat die Vereinigung mit insgesamt fünf Ausstellungen (1919 in Karlsruhe, Berlin, Frankfurt, 1920 in Karlsruhe, Darmstadt) an die Öffentlichkeit. Neben dem Debüt in der Galerie Moos fand 1920 mit einer Gemeinschaftsausstellung im Badischen Kunstverein, an der sich auch die Novembergruppe sowie die Stuttgarter und Dresdner Ortsgruppe beteiligten, noch eine zweite Präsentation der Gruppe in Karlsruhe statt.

Von Anfang an setzte sich die Gruppe zwar für einen freien Kunstbegriff ein, das politische Moment aber klammerte sie nahezu vollständig aus. Letzteres sowie die 'Rückwendung' von Mitgliedern zu traditionellen Darstellungsweisen führten schließlich zur Auflösung der Gruppe im Sommer 1920. Schlichter und Scholz, ab 1919 Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), wandten sich zuerst von den Gefährten ab, was auch in der noch 1919 erfolgten Übersiedlung Schlichters nach Berlin Ausdruck fand. Die beiden Künstler sowie ab den 1920er-Jahren auch der seit 1921 in Berlin lebende Fischer schlossen sich den oppositionellen Kräften innerhalb der Novembergruppe an, für die übrigen Mitglieder dagegen endete 1920 das 'revolutionäre' Intermezzo.

Katja Förster 2015

Literatur

Annette Ludwig: Provinz oder Metropole? Ein Exkurs über die Ortsgruppen und ihre Programmatik am Beispiel der Karlsruher "Gruppe Rih", in: Novembergruppe. Ausstellungskatalog der Galerie Bodo Niemann Berlin, Berlin 1994, S. 23-27; dies.: Wladimir von Zabotin. 1884-1967, hrsg. vom Bezirksverband Bildender Künstler Karlsruhe, Karlsruhe 1994, S. 60-78.