Warten auf Nachrichten aus dem Rathaus, in dem Arbeiter- und Soldatenrat und Wohlfahrtsausschuss tagen, vermutlich 11. November 1918, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oVI 226.

Revolution 1918/19

Bis in die zweite Jahreshälfte des fünften Kriegsjahres 1918 hatte für den Großteil der Karlsruher und Karlsruherinnen nichts auf das bevorstehende Ende des Ersten Weltkrieges, geschweige denn auf eine deutsche Niederlage hingedeutet. Nach dem Ausscheiden Russlands aus der Front der Kriegsgegner im März 1918 rechnete man im Gegenteil mit einem baldigen deutschen Sieg. Als aber im Oktober das deutsche Waffenstillstandsgesuch und die aussichtslose militärische Lage bekannt wurden, änderte sich die Stimmung auch in Baden und seiner Haupt- und Residenzstadt rapide.

Am 9. November kam es nach der Ausrufung der Republik in Berlin zur Gründung eines Soldatenrats, der zunächst von Mannheimer Mitgliedern der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) dominiert wurde. Arbeiter waren offensichtlich an dieser Gründung, die sich zunächst Arbeiter- und Soldatenrat nannte, auch beteiligt, sie blieben aber ohne Einfluss.

Zur gleichen Zeit hatte Oberbürgermeister Karl Siegrist die Führer der im Rathaus vertretenen Parteien ins Rathaus eingeladen, um einen Wohlfahrtsausschuss unter Vorsitz von Heinrich Sauer zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit zu installieren. Es handelte sich um eine Abwehr-Gründung gegen die Revolution, die das weitere Geschehen dominierte. So wurde die badische Vorläufige Volksregierung bereits am 10. November ganz wesentlich unter dem Einfluss des Wohlfahrtsausschusses gebildet. Dieser gehörten unter anderen die Karlsruher Ludwig Marum als Justizminister, Leopold Rückert als Verkehrsminister, Gustav Trunk als Ernährungsminister und Ludwig Haas als Innenminister an. Der Soldatenrat war durch Johann Brümmer in der vorläufigen Regierung vertreten. Damit hatten sich die Parteien wieder zusammengefunden, die bereits in den letzten Kriegswochen als die Mehrheitsparteien des Reichstages gemeinsam aufgetreten waren. Die Vertreter der Konservativen Partei hatten sich auf Druck der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) zurückziehen müssen.

Das Karlsruher Rathaus, in dem Wohlfahrtsausschuss, Räte und Vorläufige Volksregierung tagten, war in den ersten Tagen nach dem Beginn der Revolution der Brennpunkt der politischen Entwicklung in Baden. Arbeiter- und Soldatenrat und Stadtrat vereinbarten eine einvernehmliche Führung der Stadtverwaltung. Gemeinsam rief man am 14. November zur Bildung einer Volkswehr auf, die Ende November rund 1.550 Mitglieder hatte und der Polizeidirektion angegliedert war.

Großherzog Friedrich II. hatte sich mit seiner Abdankung zunächst Zeit gelassen, denn er hoffte nicht zuletzt aufgrund der Popularität des badischen Fürstenhauses auf eine Fortsetzung seiner Regierung. Immerhin war er am 11. November aus Karlsruhe geflüchtet, als der Matrose Heinrich Klumpp, ein gebürtiger Karlsruher, mit einigen Soldaten in das Schloss einzudringen versuchte, um den Großherzog zu verhaften und dabei einige Schüsse auf das Schloss abfeuerte. Am 13. November sah er sich veranlasst, auf die Regierungsgewalt zu verzichten. Erst am 22. November war er auf Drängen der Arbeiter- und Soldatenräte und der Parteien zur endgültigen Abdankung und zum Thronverzicht bereit. Wie in ganz Baden, das anders als 1848/49 kein Kernland der Revolution war, verlief der Übergang von der Monarchie zur Republik aber letztlich vergleichsweise ruhig.

Ernst Otto Bräunche 2015

Literatur

Ernst Otto Bräunche: Residenzstadt, Landeshauptstadt, Gauhauptstadt. Zwischen Demokratie und Diktatur 1914-1945, in: Susanne Asche/Ernst Otto Bräunche/Manfred Koch/Heinz Schmitt/Christina Wagner: Karlsruhe - Die Stadtgeschichte, Karlsruhe 1998, S. 358-502, S. 377-381; Peter Brandt/Reinhard Rürup: Volksbewegung und demokratische Neuordnung in Baden 1918/19. Zur Vorgeschichte und Geschichte der Revolution, hrsg. von den Stadtarchiven Karlsruhe und Mannheim, Sigmaringen 1991.