Rudolf Schlichter

Zeichner, Maler, Schriftsteller, * 6. Dezember 1890 Calw, † 3. Mai 1955 München, kath., ∞ 1929 Elfriede Elisabeth (Speedy) Koehler.

Als jüngstes von sechs Geschwistern - der Vater, ein Lohngärtner, war früh verstorben - absolvierte Rudolf Schlichter seit 1904 eine Lehre in einer Pforzheimer Emailfabrik. Nach einer zweijährigen Ausbildung an der Württembergischen Kunstgewerbeschule in Stuttgart ab 1907 kam Schlichter 1910 nach Karlsruhe, wo er, nach Absolvierung der Vorbereitungsklasse, 1911-1916 die Großherzogliche Akademie der bildenden Künste besuchte. Seine Lehrer waren Walter Georgi, Ludwig Schmid-Reutte, Caspar Ritter und Wilhelm Trübner sowie Hans Thoma, Walter Conz (Radierung) und Carl Langhein (Lithografie).

1916 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und 1917 als Munitionsfahrer an die Westfront kommandiert, wo er durch einen Hungerstreik mit Lazarettaufenthalt seine Entlassung aus dem Militär durchsetzte. Von November 1918 bis zur Übersiedlung nach Berlin im Herbst 1919 war er Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrats Karlsruhe. Nach einer ersten gemeinsamen Ausstellung mit Wladimir Zabotin in der Karlsruher Galerie Moos (25. Januar - 15. Februar 1919) gründete er mit Zabotin, Georg Scholz und anderen die Gruppe Rih, die am 1. April 1919 in der Galerie Moos debütierte.

In Berlin wurde Schlichter Mitglied der "Novembergruppe", des Arbeitsrats für Kunst und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). 1924 gehörte er, wie auch Scholz, zu den Gründungsmitgliedern der "Roten Gruppe". Zu seinen Freunden zählte er Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Carl Zuckmayer und Georg Grosz. Die Bekanntschaft mit seiner künftigen Ehefrau 1927 führte zum Bruch mit dem Kommunismus und der Berliner Avantgarde und zur Rückkehr zum Katholizismus wie zum Nationalismus der antidemokratischen sogenannten Konservativen Revolution. Er stand nun in engem Kontakt zu Ernst Jünger, Ernst von Salomon und Ernst Niekisch.

1931-1933 veröffentlichte Schlichter in drei Bänden eine Autobiografie, in der er sich zu seiner sexuellen Abnormität bekannte. 1935 wurde er deswegen aus der Reichsschrifttumskammer und dem Reichsverband Deutscher Schriftsteller ausgeschlossen. Als bildender Künstler dagegen nahm er durch die zwischen 1933 und 1939 im ideologischen Stil des Nationalsozialismus entstandenen Gemälde eine ambivalente Position zwischen Diffamierung - vier seiner früheren Werke wurden in der Ausstellung Entartete Kunst in München gezeigt - und Anerkennung ein. Ab 1932 lebte Schlichter in Rottenburg am Neckar, ab 1936 in Stuttgart, ab 1939 in München, wo 1942 sein Atelier ausgebombt und ein Teil seiner Werke vernichtet wurde.

Schlichters Vorliebe für Blut- und Gewalttaten sowie die eigene, von Schuhfetischismus, Strangulation und Gewalt geprägte Sexualität kennzeichnen den Großteil seines Œuvres. Waren die Karlsruher Jahre, in denen er zeitweise mit einer Prostituierten zusammenlebte, noch von pornografischer Grafik sowie Wild-West- und Indianerszenen bestimmt, trat ab 1919 das von sozialem Elend, Sittenverfall und Dekadenz geprägte Berliner Großstadtleben in seinen Fokus. Die drastische Wiedergabe der von Eros und Gewalt getriebenen Protagonisten machte Schlichter zu einem Hauptvertreter des Verismus und der Neuen Sachlichkeit mit der Teilnahme an der gleichnamigen Mannheimer Ausstellung von 1925. Höhepunkt dieser Periode und seines Werkes überhaupt stellen die Charakterbildnisse von Prostituierten, Künstlern und Intellektuellen (Bertolt Brecht, 1926; Ernst Jünger, 1929/30) dar. Zu seinen Hauptwerken zählt zudem die vieldeutige Allegorie "Blinde Macht" (1932-1936/37). Nach Landschaften der Neckar-Alb-Region im neusachlichen Stil und den NS-konformen Bildern im realistischen Stil hielt er nach 1945 die surreale Darstellungsweise für die einzige geeignete Ausdrucksform des menschlichen Paradoxons.

Katja Förster 2016

Werk

Zwischenwelt: ein Intermezzo, Berlin-Charlottenburg 1931 (Reprint Berlin 1994); Das widerspenstige Fleisch, Berlin 1932 (Wiederauflage Berlin 1991); Tönerne Füße, Berlin 1933 (Wiederauflage Berlin 1992); Das Leben der Kaiserin Theodora, Lorch 1943; Das Abenteuer der Kunst, Stuttgart 1949; Dirk Heißerer (Hrsg.): Ernst Jünger, Rudolf Schlichter, Briefe 1935 – 1955, 1997; Ulrich Fröschle/Volker Haase (Hrsg.): Friedrich Georg Jünger: "Inmitten dieser Welt der Zerstörung". Briefwechsel mit Rudolf Schlichter, Ernst Niekisch und Gerhard Nebel, Stuttgart 2001.

Literatur

Günter Metken: Rudolf Schlichter − Blinde Macht. Eine Allegorie der Zerstörung, Frankfurt am Main 1990; Götz Adriani (Hrsg.): Rudolf Schlichter. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen. Mit Beiträgen von Dirk Heißerer, Andreas Kühne, Günter Metken, München / Berlin 1997; Sigrid Lange: Das Spätwerk von Rudolf Schlichter (1945-1955) (= Studien zur Kunstgeschichte, Bd. 35), Hamburg 2011; Clemens Ottnad: Schlichter, Rudolf, Zeichner, Maler und Schriftsteller, in: Baden-Württembergische Biographien, Bd. IV, hrsg. von Fred L. Sepaintner, Stuttgart 2007, S. 324-236.