Elektrizitätswerk, Ansicht von der Honsellstraße (Nordwestansicht), 1903, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIVa 32.

Städtisches Elektrizitätswerk (heute Heizkraftwerk West)

Nachdem 1885 in Berlin das erste öffentliche Kraftwerk mit Gleichstrom in Betrieb gegangen war, reifte auch in Karlsruhe im Verlauf der 1890er-Jahre der Entschluss, ein städtisches Elektrizitätswerk zu bauen. Dieses galt als eine der Voraussetzungen für den Betrieb des geplanten Rheinhafens. Als Vorbild des 1899-1901 in unmittelbarer Nähe zum Hafen errichteten Werkes diente dann das erste, 1897 in Oberschöneweide bei Berlin eröffnete Drehstromkraftwerk, da bei dieser Stromart auch entfernt liegende Stadtgebiete problemlos mit Energie versorgt werden konnten.

Die Konzeption der Betriebsanlagen wurde den städtischen Gas- und Wasserwerken unter Leitung von Baurat Franz Reichard übertragen, die architektonische Umsetzung dem städtischen Hochbauamt unter Leitung von Stadtbaurat Wilhelm Strieder und die Lieferung der gesamten maschinellen Anlage der Karlsruher Gesellschaft für elektrische Industrie. Strieder delegierte die Aufgabe an seinen Mitarbeiter, Hochbauinspektor August Stürzenacker, der bis Sommer 1899 den Entwurf soweit ausgearbeitet hatte, dass mit den Bauarbeiten begonnen werden konnte. Im März 1901 war die Gesamtanlage fertig gestellt, bei der sich Stürzenacker sowohl am innovativen Baustil der Karlsruher Architektengemeinschaft Curjel & Moser als auch am frühmittelalterlichen Formenkanon der vor 1900 in Kehl, Mannheim und Straßburg entstandenen Hafenanlagen orientiert hatte. Nach einer vierwöchigen Probelaufzeit nahm das Elektrizitätswerk am 9. April 1901 offiziell den Betrieb auf. Zwei von Kolbendampfmaschinen angetriebene Drehstromgeneratoren erreichten eine Leistung von je 400 Kilowatt bei 4.000 Volt und 50 Hertz. Die Umwandlung von Hoch- in Niederspannung erfolgte über Transformatoren, von denen 40 Stück im Stadtgebiet aufgestellt waren.

Das von Stürzenacker nach funktionalen Gesichtspunkten entwickelte Elektrizitätswerk setzte sich aus mehreren miteinander verbundenen Baukörpern zusammen, die durch ihre unterschiedlichen Größen, Ausformungen und Wandöffnungen ein äußerst abwechslungsreiches Erscheinungsbild boten. Den Mittelpunkt der Anlage bildete das monumentale Maschinenhaus, das mit seinen Ecktürmen, Strebepfeilern, Fensterreihen und Satteldach gleichermaßen an einen mittelalterlichen Sakral- und Wehrbau erinnerte. An seiner Nordseite schloss ein zweigeschossiger Bürotrakt mit vorgelagertem "Wehrturm" für Haupteingang und Treppenhaus an, an seiner Südseite das Kesselhaus sowie Magazin- und Arbeitsräume. Überragt wurde die aus grob behauenen Pfinztäler Sandsteinquadern errichtete Anlage, deren Wandöffnungen mit Maulbronner Hausteinen gefasst waren, von einem 60 Meter hohen, frei stehenden Kamin.

Die rund 2,35 Millionen Mark teure Anlage lief außerhalb des Rheinhafenprojekts und stand deswegen nicht im Hafen, was die Zulieferung mit Kohle erheblich erleichtert hätte, sondern in der neu hergestellten, nach Max Honsell benannten Hafenzufahrtsstraße. 1916 wurde das Werk, das seit 1963 als Heizkraftwerk West vor allem Fernwärme produziert, erstmals erweitert. Seitdem erfolgten etliche Auf-, An-, Um- und Neubauten, so dass vom einstigen Bau heute nur noch wenige Fragmente in dem hochmodernen Werkskomplex erhalten sind.

Katja Förster 2016

Literatur

August Stürzenacker: Die Architektur der Hochbauten [des neuen Karlsruher Rheinhafens], in: Deutsche Bauzeitung, Jg. 36, Nr. 34, 26. April 1902, S. 215-218; Ulrike Schubart: Die Hochbauten des Karlsruher Rheinhafens von den Anfängen bis zum Zweiten Weltkrieg. Beispiele Karlsruher Industriearchitektur zwischen Historismus und Beginn der Moderne, in: Rheinhafen Karlsruhe 1901-2001, hrsg. von Stadtarchiv Karlsruhe und Rheinhafen Karlsruhe, Karlsruhe 2001, S. 269-314, bes. S. 272-278 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 22).