Ansicht von 1978, Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA V V 2529.

Brunnen auf dem Ludwigsplatz

Auf dem 1821 entstandenen Ludwigsplatz wurde sogleich ein Wochenmarkt eingerichtet, der nach der Aufstellung eines Brunnens für Händler und Marktbesucher verlangte. Bis zur Inbetriebnahme des stattlichen, von Oberbaudirektor Friedrich Weinbrenner entworfenen Marktbrunnens am 5. Januar 1824 lieferte vermutlich ein provisorischer Pumpbrunnen das erforderliche Wasser.

Durch den Bau einer Quellwasserleitung von Durlach nach Karlsruhe in den Jahren 1822/23 verbesserte sich die städtische Wasserversorgung in dem Maße, dass neben den bisherigen Nutzbrunnen erstmals auch künstlerisch ausgebildete Brunnenanlagen errichtet werden konnten. Weinbrenner, seit Oktober 1821 neben Ministerialrat Georg Ludwig Winter, Oberbürgermeister Bernhard Dollmaetsch und Ingenieur Johann Gottfried Tulla Mitglied der Großherzoglichen Wasserleitungskommission, wurde mit dem Entwurf der etwa 18 neuen Brunnen betraut, darunter sechs monumentale Brunnenanlagen für den Marktplatz, den Rondellplatz, den Spitalplatz (heute Lidellplatz), den Ludwigsplatz, den Linkenheimer-Tor-Platz und den Kasernenplatz (heute Europaplatz). Auf Anordnung des Großherzogs Ludwig I., der wiederholt in die Entwurfsplanung eingriff, wurde der von Weinbrenner für den Ludwigsplatz projektierte Brunnen, welcher die Union der reformierten und lutherischen Glaubensrichtung zur Evangelischen Landeskirche versinnbildlichte, auf dem Spitalplatz errichtet und stattdessen der von Weinbrenner für den Linkenheimer-Tor-Platz vorgesehene Brunnen auf dem Ludwigsplatz erstellt.

Weinbrenner, ein strikter Verfechter des Klassizismus, griff bei dem Brunnen den gotischen Formenkanon auf, der durch die Wiederentdeckung der mittelalterlichen Kunst und Architektur in der deutschen Romantik zunächst in die private Baukunst (zum Beispiel Erbprinz-Karl-Ludwig-Denkmal) und seit den 1810er-Jahren auch in die öffentliche Architektur Eingang gefunden hatte. Im Zentrum des achteckigen Brunnenbeckens ragt ein geschlossener neogotischer Tabernakel auf, der durch Spitzbogen, Blendmaßwerk, Wimperge, Krabben, Kreuzblume und Spitzhelm an eine gotische Fiale erinnert. Die Bildhauerarbeiten führte Aloys Raufer aus.

Im Zuge der Umgestaltung des Ludwigsplatzes in eine verkehrsberuhigte Zone 1977 wurde der Brunnen restauriert und dabei der stark beschädigte Spitzhelm durch einen neuen ersetzt (Original im Stadtmuseum, Prinz-Max-Palais). Neben dem Großherzog-Ludwig-Denkmal auf dem Marktplatz und dem Großherzog-Karl-Denkmal auf dem Rondellplatz gehört der Brunnen auf dem Ludwigsplatz zu den einzigen heute noch erhaltenen Weinbrennerbrunnen.

Katja Förster 2015

Literatur

Manfred Großkinsky: Brunnen auf dem Ludwigsplatz, in: Gerlinde Brandenburger/Manfred Großkinsky/Gerhard Kabierske/Ursula Merkel/Beatrice Vierneisel: Denkmäler, Brunnen und Freiplastiken in Karlsruhe 1715-1945, 2. Aufl. Karlsruhe 1989, S. 178-182 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 7) https://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/literatur/stadtarchiv/HF_sections/content/ZZmmY1PdXpuoNV/Denkm%C3%A4ler%20Brunnen%20und%20Freiplastiken%20in%20Karlsruhe%201715-1945.pdf (Zugriff am 23. Dezember 2020); Katja Förster: Märkte und ihre Brunnen in Karlsruhe, in: Katja Förster/Markus Gruber/Matthias Maier: Märkte und ihre Brunnen, Karlsruhe 2011, S. 24-28 (= Häuser und Baugeschichte. Schriftenreihe des Stadtarchivs Karlsruhe Bd. 11).