Europaplatz

Der Stadtvergrößerungsplan von Friedrich Weinbrenner aus dem Jahr 1802 zeigt erstmals eine Platzanlage an der Stelle des heutigen Europaplatzes. Das Mühlburger Tor, das seit 1783 zwischen der Wald- und der projektierten Karlstraße, etwa auf Höhe der heutigen Kaiserstraße 136/138 stand, beabsichtigte Weinbrenner, an den heutigen Platz gleichen Namens zu verlegen und zwischen der Karl- und der künftigen Hirschstraße einen rechteckigen, baumbestandenen Platz zu errichten, der durch die Lange Straße (heute Kaiserstraße) in zwei symmetrische Hälften unterteilt und an den Längsseiten von herrschaftlichen Gebäuden gefasst werden sollte. Markgraf Ludwig, dem das gesamte nördliche Gartenareal, der spätere Langensteinsche Garten, gehörte, wehrte sich erfolgreich gegen die Ausführung, so dass sich Weinbrenner bei der weiteren Planung auf das Gelände südlich der Langen Straße konzentrieren musste.

Hier entstand zwischen der Karl- und der neuen Kasernenstraße (heute Douglasstraße), ein deutliches Stück zurückgesetzt, von 1804 bis 1808 die Infanteriekaserne. Der ausgesparte Platz vor der Kaserne, die aus Kostengründen nur als Dreiflügelanlage ausgeführt wurde und 1829 im Norden noch zwei Kopfbauten erhielt, diente den Soldaten von Anfang an als Exerzierplatz und wurde daher Casernenplatz genannt. Sein Areal entsprach bereits dem heutigen Europaplatz.

Ihm gegenüber lag bis Anfang der 1870er-Jahre der Langensteinsche Garten, der 1872 von der Rheinischen Baugesellschaft aufgekauft und in Bauplätze parzelliert wurde. Die Fassade der siebenteiligen Häuserzeile, die von 1873-1876 nördlich der Kaserne im Stil der italienischen Renaissance erbaut wurde, entwarf Josef Durm. Der viergeschossige Komplex mit mittig gesetztem Attikageschoss überragte die umliegende Bebauung einschließlich der Kaserne deutlich.

Durch die städtische Ausdehnung nach Westen begann sich neben dem Marktplatz als eigentlichem Stadtzentrum im Kreuzungsbereich von Kaiser- und Karlstraße ein zweites innerstädtisches Zentrum auszubilden. Die zunehmend als störend empfundene Kaserne wurde 1896 abgebrochen und von 1897-1900 durch einen repräsentativen Neubau der Kaiserlich Deutschen Postverwaltung im neobarocken Stil ersetzt. Zwischen den drei Eingängen an der Hauptfassade wurden schmückende Grünflächen mit Büschen angelegt sowie in achsialer Verlängerung der Eingänge das badische Wappen flankiert von je einem achtzackigen Stern mosaikartig in die Pflasterung eingelassen.

Bis 1901 entstand an der Nordostecke nach Plänen von Hermann Walder der mehrgeschossige, vor allem neogotisch geprägte Neubau der Gaststätte Zum Moninger, der mit seiner pittoresken Dachlandschaft das Platzbild auflockerte. An der gegenüberliegenden südöstlichen Ecke war Jahre zuvor ebenfalls ein viergeschossiges Wohn- und Geschäftshaus mit Mansardendach im Stil der deutschen Renaissance, das spätere Hieke-Haus, entstanden.

Mit der Umstellung der Pferdebahnstrecke Durlacher Tor – Mühlburger Tor auf elektrischen Betrieb im März 1900 begann der Schienenverkehr die Innenstadt zu erobern. An der Nordseite des Platzes verliefen nun zwei Straßenbahngleise, die rechts und links um eine Fahrbahn für Kutschen, Automobile und Radfahrer ergänzt wurden. Am westlichen Platzrand wurde 1925 das von den Architekten Otto Gruber und Emil Gutmann entworfene Leibgrenadierdenkmal errichtet. Von 1933 bis 1945 hieß der Platz nach einem Einsatzort des Regiments während des Ersten Weltkriegs Lorettoplatz.

Den schweren Luftangriff vom 27. September 1944 überstanden zwar Postgebäude und Denkmal nahezu unbeschadet und die Gaststätte Zum Moninger bis auf den niedergebrannten Dachbereich, die übrige Bebauung wurde jedoch nahezu vollständig zerstört. Bis Anfang der 1960er-Jahre entstanden an der West-, Nord- und Südseite des Platzes an der Hauptpost zeittypische fünfgeschossige Beton-Rasterbauten, die ausschließlich gewerblich genutzt wurden, darunter die Städtische Sparkasse an der Südwest- und das Kaufhaus Schneider (1994-2009 Kaufhaus Breuninger, 2011 bis 2021 Elektrofachmarkt Saturn) an der Nordostseite. Verbindendes Element der Neubauten waren die Arkaden im Erdgeschoss, welche die Stadt im Aufbauplan Kaiserstraße vorgeschrieben hatte, um die Verkehrsfläche an diesem wichtigen Knotenpunkt zu vergrößern. Zur Bundesgartenschau 1967 erhielt die östliche Platzhälfte einen neuen Kiosk.

Der grundlegende Wandel im stadtplanerischen Denken seit Beginn der 1970er-Jahre führte weg von der autogerechten und hin zu einer autofreien Innenstadt, woraus eine Aufwertung der dortigen Platzanlagen und der Ausbau des Personennahverkehrs resultierten. Bereits 1972 wurde der Straßenabschnitt vor der Hauptpost zwischen Karl- und Douglasstraße für den Autoverkehr gesperrt. Bis 1977 gestaltete die Stadt mit Unterstützung von Akademieprofessor Walter M. Förderer das Platzareal, das seit 1975 – als Appell an ein vereintes und friedliches Europa – Europaplatz heißt, mit einer neuen Pflasterung, fünf Hochbeeten mit Holzbänken und einem Haltestellenunterstand. Ein von Förderer entworfener Brunnen, der den mythischen Vogel Phönix als Sinnbild für das neu erstandene Europa zeigt, stand von 1979-2000 im Platzzentrum. Dann wurde der Brunnen, da er sich innerhalb der Platzanlage nicht behaupten konnte, vor das Stadthallen-Restaurant versetzt. Bereits 1994 verschwanden die Hochbeete mit den Sitzbänken vom Platz, um dessen Attraktivität für soziale Randgruppen zu schmälern. Die schwierigen Eigentumsverhältnisse des Platzareals – bis auf einen schmalen Streifen entlang der südlichen Kaiserstraße gehörte es der Deutschen Bundespost – verhinderten weitere bauliche Veränderungen. Erst mit der Neustrukturierung der Post 1995, der Räumung des Postgebäudes bis auf eine Postfiliale und dem Umbau des Gebäudes in ein Einkaufszentrum (Postgalerie) konnte die Stadt einen Erbbau- und Durchführungsvertrag abschließen.

Die Post setzte zwar die Höherlegung des Platzes für eine ebenerdige Erschließung der Postgalerie durch, kam dafür aber auch für den Großteil der Kosten für die 2002 abgeschlossene Platzgestaltung mit einem neuen Kiosk in Kombination mit einem Haltestellenunterstand an der Kaiserstraße und einer Außenbewirtschaftung eines Cafés beim Haupteingang in das Einkaufszentrum auf.

Durch den Bau der Untergrundbahn (U-Strab) seit 2010 erfährt der Platz derzeit seine vorerst letzte Änderung, die noch minimalistischer ausfallen wird: Neben einigen Fahnenstangen werden vor allem die Eingänge zur U-Strab auf dem neu gepflasterten Platz Akzente setzen. Das unter Denkmalschutz stehende Leibgrenadierdenkmal soll, wie von der Stadt zugesagt, an seinen angestammten Standort zurückkehren. Da die Straßenbahnen auch weiterhin die Karlstraße befahren, werden die Schienengleise zwischen dem Platz und den Arkaden bestehen bleiben.

Katja Förster 2021

Literatur

Gottfried Leiber: Friedrich Weinbrenners städtebauliches Schaffen für Karlsruhe, Teil 2: Der Stadtausbau und die Stadterweiterungsplanungen 1801-1826, Mainz 2002, S. 9-42; Susanne Stephan-Kabierske: Europaplatz, in: Stadtplätze in Karlsruhe, hrsg. vom Stadtarchiv Karlsruhe durch Manfred Koch, Karlsruhe 2003, S. 154-163 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 26); Alexandra Kaiser: Vogelperspektiven: Zwei ungleiche Baudenkmäler, in: Manfred Koch (Hrsg.): Blick in die Geschichte. Karlsruher stadthistorische Beiträge 2013-2018, Karlsruhe 2018, S. 284-286, https://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/blick_geschichte/blick104/baudenkmaeler.de (Zugriff am 29. April 2021).