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De:Lexikon:ins-0027: Unterschied zwischen den Versionen

 
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Unter den industriellen Unternehmungen in <lex id="ort-0132">Rüppurr</lex>, die zumeist nicht lange Bestand hatten, war die Chemische Fabrik die weitaus größte und am längsten existierende. Bereits 1827 auf dem Gelände des Kammerguts <lex id="top-2452">Gottesaue</lex> gegründet, wurde sie nach dem Erwerb durch den Chemiker Otto Pauli 1832 an den Ostrand der Rüppurrer Gemarkung im Gewann Hungerlach weit außerhalb der Dorfbebauung verlegt. So vermied man auch Klagen über Geruchsbelästigungen durch die Fabrik, die es in Karlsruhe schon gegeben hatte. Außerdem konnte man hier Abfälle aus der Produktion in dem hier verlaufenden Scheidgraben entsorgen und verfügte auf der anderen Seite über genügend Grundwasser aus dem nahen Rißnertwald.
Unter den industriellen Unternehmungen in <lex id="ort-0132">Rüppurr</lex>, die zumeist nicht lange Bestand hatten, war die Chemische Fabrik die weitaus größte und am längsten existierende. Bereits 1827 auf dem Gelände des Kammerguts <lex id="top-2452">Gottesaue</lex> gegründet, wurde sie nach dem Erwerb durch den Chemiker Otto Pauli 1832 an den Ostrand der Rüppurrer Gemarkung im Gewann Hungerlach weit außerhalb der Dorfbebauung verlegt. So vermied man auch Klagen über Geruchsbelästigungen durch die Fabrik, die es in Karlsruhe schon gegeben hatte. Außerdem konnte man hier Abfälle aus der Produktion in dem hier verlaufenden Scheidgraben entsorgen und verfügte auf der anderen Seite über genügend Grundwasser aus dem nahen Rißnertwald.



Aktuelle Version vom 4. Dezember 2025, 09:17 Uhr


Chemische Fabrik Rüppurr

Chemische Fabrik bei Karlsruhe, Lithografie um 1840, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIVa 973.
Chemische Fabrik bei Karlsruhe, Lithografie um 1840, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIVa 973.
Städtischer Gutshof Rüppurr, 1966, Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A13/100/3/43.
Städtischer Gutshof Rüppurr, 1966, Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A13/100/3/43.

Unter den industriellen Unternehmungen in Rüppurr, die zumeist nicht lange Bestand hatten, war die Chemische Fabrik die weitaus größte und am längsten existierende. Bereits 1827 auf dem Gelände des Kammerguts Gottesaue gegründet, wurde sie nach dem Erwerb durch den Chemiker Otto Pauli 1832 an den Ostrand der Rüppurrer Gemarkung im Gewann Hungerlach weit außerhalb der Dorfbebauung verlegt. So vermied man auch Klagen über Geruchsbelästigungen durch die Fabrik, die es in Karlsruhe schon gegeben hatte. Außerdem konnte man hier Abfälle aus der Produktion in dem hier verlaufenden Scheidgraben entsorgen und verfügte auf der anderen Seite über genügend Grundwasser aus dem nahen Rißnertwald.

An erster Stelle der Produktion stand die Herstellung von Farbstoffen. Dazu wurde auch die in Rüppurr bereits im 18. Jahrhundert angebaute Krapppflanze verarbeitet, aus der ein roter Farbstoff gewonnen werden konnte, dessen Produktion schon in der 1753 gegründeten Krappfabrik des Hofgärtners Christian Thran in Durlach begonnen worden war. Die Produktionsmethoden in der neuen Chemischen Fabrik in Rüppurr, die bereits seit den 1860er-Jahren über eine Dampfmaschine verfügte, waren natürlich ungleich effektiver. Neben dem Pflanzenfarbstoff, der nach neuen synthetischen Herstellungsverfahren in der Farbherstellung bald keine Rolle mehr spielen sollte, erlangte das Unternehmen vor allem durch die Produktion seiner Pariser Stahlblaufarben eine wirtschaftliche Blüte und konnte auf dem neu erworbenen Gelände mit neuen Firmengebäuden und Produktionsstätten weiter expandieren. Die zur Herstellung des Pariser Blaus notwendigen Ingredienzien wie blausaures Kali und Cyanidpulver sollten sich allerdings für die Natur noch Jahrzehnte später umweltschädlich auswirken.

Neben Farbstoffen stellte das Unternehmen von Anfang an auch Düngemittel her. Dazu hatte der Karlsruher Chemiker Julius Neßler, der 1857 in der Chemischen Fabrik eingestellt wurde, seine Forschungen zur Herstellung von Kunstdünger eingebracht. Dieser gründete später die landwirtschaftliche Versuchsanstalt Augustenberg.

Begünstigt durch den Beitritt Badens zum Deutschen Zollverein 1836 und später der deutschen Reichseinigung 1871 konnte die Chemische Fabrik ihre Produkte reichsweit und sogar bis nach Frankreich und in die Schweiz vermarkten. Die abseitige Lage der Fabrik konnte allerdings nur durch den Einsatz Rüppurrer Fuhrleute überwunden werden, die bereit waren auch sonntags den Warenumschlag zum kleinen, westlich des Dorfes 1844 in Betrieb genommenen Rüppurrer Eisenbahnhof oder später zum 1897 eröffneten Rüppurrer Albtalbahnhof (heute Station Tulpenstraße) oder zum 1895 erbauten Karlsruher Rangierbahnhof zu besorgen.

Um 1870 zog sich die Familie Pauli aus der Firmenleitung zurück und verkaufte die Fabrik an Carl Rohreck und Emil Seilnacht. Die neuen Firmeninhaber behielten die alte Produktpalette zunächst erfolgreich bei und beschäftigten immerhin 80 Arbeiter. Nach der Jahrhundertwende gerieten sie aber in Absatzschwierigkeiten und mussten Konkurs anmelden. Sie verkauften die Fabrik daher 1904 an Kathreiners Malzkaffeefabriken in München. Der Betriebsleiter dieses Unternehmens Heinrich Trillich, der als Chemiker ein Herstellungsverfahren von Malzkaffee entwickelt, aber auch zu Farbstoffen publiziert hatte, wurde Fabrikdirektor in Rüppurr, behielt die Produktion der Farbstoffe zunächst bei, ließ aber in neuen Fabrikgebäuden nun auch Malzkaffee produzieren. Schon nach wenigen Jahren gewann die Malzkaffeeproduktion in der Fabrik die Oberhand und Farbstoffe wurden immer weniger hergestellt.

Schließlich wollte das Münchner Unternehmen die alten und mittlerweile maroden Produktionsstätten in Rüppurr loswerden und verhandelte mit der Stadt Karlsruhe über einen neuen, nun viel verkehrsgünstiger gelegenen Standort im Rheinhafen im Wege des Geländetauschs. Tatsächlich überließ die Stadt Karlsruhe den Kathreiners Malzkaffeefabriken 1910 ein Gelände am Nordbecken des Rheinhafens zur Errichtung eines neuen repräsentativen Fabrikneubaus und nahm dafür das circa 86.000 Quadratmeter messende Gelände der Chemischen Fabrik im mittlerweile eingemeindeten Rüppurr in Besitz. Es wurde nun als städtischer Gutshof, auf dem Ackerbau und Viehzucht betrieben wurden, genutzt. Manche Bauten der Chemischen Fabrik haben aber sogar diese Nutzung überdauert, wie man auf alten Fotos erkennen kann.

1970 wurde der Gutshof aufgegeben, als der Siedlungsausbau des Märchenviertels das Gelände erreichte. Alle Spuren der Chemischen Fabrik, die sich noch an der Oberfläche befanden, wurden damals beseitigt, mit Ausnahme derer, die im Boden lagerten, wie man bei schweren Regenfällen feststellen konnte, als die Giftstoffe aus dem Boden traten. Auch im Bereich schon bebauter Grundstücke musste man sie daraufhin mühsam beseitigen, indem man Oberflächen abtrug und dabei auch den hier verlaufenden Scheidgraben von Giftstoffen entlastete.

Peter Pretsch 2025

Quelle

Website von Uwe Spiekermann, hier Artikel von 2018: Dominantes Heißgetränk – Die Anfänge von Kathreiners Malzkaffee, https://uwe-spiekermann.com/ (Zugriff am 25. November 2025).

Literatur

Günther Philipp: “Pariser Blau” Die Geschichte der Chemischen Fabrik Rüppurr bei Karlsruhe, in: Rüppurr und seine Industrie. Mit Beiträgen von Andrea Fesenbeck u. a., hrsg. von der Bürgergemeinschaft Rüppurr durch Günther Philipp, Karlsruhe 2011, S. 22-37 (= Rüppurrer Hefte Bd. 7).