Hugo Schiff

Rabbiner, Literaturwissenschaftler, * 28. November 1892 Hoffenheim, † 4. Mai 1986 Red Bank/New Jersey, jüd. ∞ 1919 Johanna Bodenheimer, kinderlos.

Hugo Schiff wuchs als Sohn eines Kantors und Kultusbeamten auf, besuchte das Gymnasium in Mannheim und studierte 1911-1913 in Heidelberg Philosophie, Philologie und Literaturwissenschaft. 1913 wechselte er an die Universität Breslau und besuchte daneben das Jüdisch-Theologische-Seminar (Rabbinerseminar). 1915-1918 diente er im Ersten Weltkrieg zunächst bis 1917 in einem Mannheimer Feldlazarett, dann bis Kriegsende hilfsweise als Feldgeistlicher an der Westfront. Danach führte er sein Studium in Erlangen weiter, wurde dort 1920 promoviert und beendete seine Studien in Breslau. Dort erhielt er 1923 die Rabbinerordination und trat dann die Stelle des Landrabbiners für Braunschweig an.

Zum 1. Juli 1925 wurde Schiff auf die vakante Rabbinerstelle der liberalen Israelitischen Religionsgemeinschaft in Karlsruhe berufen. Er gehörte zu den entschieden liberal denkenden Rabbinern, war Anhänger der Vereinigung für das liberale Judentum, 1928 badischer Delegierter der Weltunion für Progressives Judentum, wo er Kontakte in die USA knüpfen konnte. Die nach 1919 gegen Widerstände erfolgende Emanzipation jüdischer Frauen im Gemeindeleben trieb er in Karlsruhe kräftig voran. Größere Reibungen zwischen liberaler Gemeinde und orthodoxer Israelitischer Religionsgesellschaft gab es wegen des guten Auskommens mit seinem dortigen Kollegen Abraham Michalski und des engen Zusammenrückens beider Gemeinden nach 1933 nicht mehr.

1930 wurde er Mitglied im Oberrat der Israeliten Badens (Konferenzrabbiner). Die Ernennung eines zweiten Rabbiners 1932 bedeutete für Schiff eine deutliche Entlastung von seinen umfangreichen Aufgaben. Wie für einen Rabbiner üblich, waren er und seine Ehefrau aktiv in zahlreichen jüdischen Vereinen tätig, unter anderen als Vorstandsmitglied im Verein für jüdische Geschichte und Literatur und im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. 1933 richtete Schiff im früheren jüdischen Spital Kronenstraße 62 das Lehrhaus für die Jugend- und Erwachsenenbildung ein und war für den Oberrat auch verantwortlich für die Bildung im gesamten Land. Vermittelt wurden sowohl jüdische Traditionen als auch (Sprach-)Kenntnisse zur Auswanderung.

Nach der Reichspogromnacht 1938 kam er bis 29. November 1938 in das KZ Dachau, wo er bei der Einlieferung misshandelt wurde. Mit seiner Ehefrau emigrierte er im März 1939 in die USA, wo er in Alexandria/Virginia eine Anstellung als Rabbiner bekam. Dort wirkte er bis 1948 in Alexandria danach bis 1955 in Washington D.C. 1944-1959 nahm er neben verschiedenen Lehraufträgen eine Professur für jüdische Literatur und Kulturgeschichte an der Howard University in Washington D.C. wahr.

Jürgen Schuhladen-Krämer 2014

Quellen

American Jewish Archives in Cincinnati, Ohio (Nachlass); Persönlicher Lebenslauf (bis 1939) im Centrum Judaicum, Berlin; GLA 330/1086 (Passakte), 480/11611.

Werk

Ralph Waldo Emersons Gestaltung der Persönlichkeit. Versuch einer systematischen Darstellung aus seinen Werken, Univ. Diss. Erlangen 1920; Nathan Stein-Schrift. Arbeiten von Rabbinern Badens, hrsg. von Hugo Schiff, Karlsruhe 1938.

Literatur

Juden in Karlsruhe. Beiträge zu ihrer Geschichte bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung, Karlsruhe 1988 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 8) https://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/literatur/stadtarchiv/HF_sections/content/ZZmoP43xhW57iB/Juden%20in%20Karlsruhe.pdf (Zugriff am 23. Dezember 2020); Josef Werner: Hakenkreuz und Judenstern. Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich, Karlsruhe 1988 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 9) https://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/literatur/stadtarchiv/HF_sections/content/ZZmoP9qYDUkksg/Hakenkreuz_und_Judenstern.pdf (Zugriff am 23. Dezember 2020); Claus-Dieter Krohn (Hrsg.): Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933-1945, Darmstadt 1998; Michael Brocke/Julius Carlebach (Hrsg.): Biographisches Handbuch der Rabbiner, Teil 2, Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871 - 1945, bearb. von Katrin Nele Jansen unter Mitwirkung von Jörg H. Fehrs und Valentina Wiedner, Bd. 2, München 2009.