Bahnübergang Mathystraße/Karlstraße, hinter der Litfaßsäule Schrankenwärterhäuschen und Werkhallen der Wagenfabrik Schmieder & Mayer, links die Goetheschule, 1913, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIVa 29.

Wagenfabrik Schmieder & Mayer

Das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts florierende Unternehmen Schmieder & Mayer geht auf die 1781 in Karlsruhe gegründete Kutschen- und Chaisenfabrik Heinrich Reiß zurück. Der Sohn von Heinrich Reiß, Christoph Heinrich Reiß (1770-1839), übernahm vermutlich 1804 als Hofsattler und Chaisenfabrikant den Betrieb. Der Bau der Infanteriekaserne (1804-1808) westlich des damaligen Mühlburger Tores veranlasste ihn, das gut gehende Unternehmen, das auch den bayerischen Hof mit Kutschen belieferte, direkt neben den Kasernenbetrieb an die Ecke Lange und Kasernenstraße (heute Kaiser- und Douglasstraße) zu verlegen. Mitte der 1830er-Jahre übernahm sein Sohn Adolph (1810-1840) die Firma, der bereits 1840 verstarb und Frau und Kind hinterließ. Seine Ehefrau Sophie Reiß, geborene Schmieder, war die Schwester von Carl Theodor, August, dem späteren Bauherrn der Villa Schmieder (heute Prinz-Max-Palais), und Gustav Schmieder.

Ihr ältester Bruder Carl Theodor übernahm gemeinsam mit dem Mainzer Chaisenfabrikant Peter Mayer 1842 die Wagenfabrik Reiß in der Langen Straße 211, die fortan mit „Schmieder & Mayer“ firmierte. Noch im Dezember des Jahres schlossen sie mit der Eisenbahndirektion Karlsruhe einen ersten Vertrag über die Lieferung eines Galawagens. Um 1844 verlegten die beiden Fabrikanten den Betrieb vor das Ettlinger Tor (Beiertheimer Gemarkung), in die unmittelbare Nähe des 1843 eröffneten Bahnhofs. Während sich die benachbarte Maschinenfabrik Keßler & Martiensen seit 1841 vor allem auf den Lokomotivbau spezialisiert hatte, konzentrierte sich die Wagenfabrik Schmieder & Mayer auf den Waggonbau, der durch den kontinuierlichen Ausbau der badischen Eisenbahn in den nächsten Jahrzehnten zum wichtigsten Produktionszweig des Unternehmens wurde und die bisherige Fabrikation von Kutschen, Artillerie- und diversen Militärfuhrwerken zunehmend mehr verdrängte. Waren am neuen Firmenstandort am Beiertheimer Weg 1844/45 etwa 70 Arbeiter beschäftigt, stieg die Zahl bis 1870 auf rund 250 Mitarbeiter an.

1861/62 trat Adolf Reiß junior in das Unternehmen ein, aus dem um 1865 zunächst Peter Mayer und 1869 dann auch Carl Theodor Schmieder ausschieden. 1869 beauftragten sowohl Mayer als auch Schmieder den Architekten Josef Durm mit der Planung ihrer Villen in der Kriegsstraße 38 und im Beiertheimer Feldweg 2 (heute südliche Karlstraße). Bis 1874 leitete Reiß junior die Firma allein, für die sich in den 1870er-Jahren die Bezeichnung Eisenbahnwagen-Fabrik bzw. Waggonfabrik durchsetzte. Von 1874 bis zu seinem Ausscheiden 1886 erhielt Reiß junior Unterstützung durch Karl Schmieder, den Sohn Carl Theodors, der 1886 wiederum seinen Sohn Adolf zum Teilhaber machte. Adolf Schmieder, seit 1891 königlich-belgischer Konsularagent, gelang es nach dem Tod seines Vaters 1892 nicht, die Waggonfabrik mit dem bisherigen Erfolg weiterzuführen. Er betätigte sich auch als Bodenspekulant und erwarb 1894 in der neu hergestellten Redtenbacherstraße die Bauplätze Nummern 1-19. Sein Desinteresse am Fortbestand des Familienbetriebs, das ihn von Modernisierungsmaßnahmen abhielt, und die Verlegung des Bahnhofs an die südliche Peripherie von Karlsruhe führten dazu, dass das Unternehmen bald nach 1900 die Produktion einstellen musste. Bis in die 1960er-Jahre erinnerte der ehemalige Schmiederplatz an die einstige Produktionsstätte von Schmieder & Mayer.

Katja Förster 2019

Quellen

Karlsruher Adressbücher 1818 ff.

Literatur

Eugen H. Th. Huhn: Karlsruhe und seine Umgebungen. Geschichte und Beschreibung, Karlsruhe 1843, S. 138, http://digital.blb-karlsruhe.de/blbihd/content/pageview/3100037 (Zugriff am 3. Dezember 2019); Badischer Techniker-Verein (Hrsg.): Karlsruhe im Jahre 1870. Baugeschichtliche und ingenieurwissenschaftliche Mittheilungen. Den Mitgliedern der XVI. Versammlung Deutscher Architekten und Ingenieure, Karlsruhe 1872, S. 177; Fritz Hugenschmidt: Der neue Sitz des Bundesverfassungsgerichts. (Das Prinz-Max-Palais), in: Karlsruher Adressbuch 1952, S. A11-A13; Tradition Fahrkunst. Kutschen – Pferde – Fahrpost – Tradition – Geschichte, http://www.tradition-fahrkunst.de/wbprintfriend.php?wbl= (Zugriff am 3. Dezember 2019).