Postkarte mit Ansicht des Kulturzentrums Orgelfabrik, ohne Datum, Pfinzgaumuseum Durlach U I 1620.

Orgelfabrik (Kulturstätte)

Als eine private Interessengemeinschaft 1983 kurzerhand die ehemalige Orgelfabrik in Durlach erwarb, um sie vor dem Abriss zu bewahren, ging es allein um den Erhalt der historisch bedeutenden Fabrikhalle. Ein Konzept über ihre künftige Nutzung lag nicht vor. Mit kulturellen Veranstaltungen aus den Bereichen Kunst, Musik, Film und Theater ab September 1983 sollte die Halle zunächst einmal wieder ins Bewusstsein der Bevölkerung gebracht werden.

Die wachsende Resonanz bei Kulturschaffenden und Publikum führte im Juli 1985 zur Gründung des Trägervereins Kulturzentrum Orgelfabrik e. V. Dieser bestand zunächst aus den beiden Kulturvereinen Tollhaus und wirkstatt sowie dem Kunstverein Wilhelmshöhe in Ettlingen, vertreten durch den Kunsthistoriker Wolfgang Hartmann. 1987 kamen noch das Theater in der Orgelfabrik e. V. (Thidor) und eine Schauspielergruppe als weitere Mitglieder dazu.

Da der Unterhalt des Gebäudes auf Dauer von der Eigentümergemeinschaft nicht getragen werden konnte, beschloss die Stadt im Mai 1987 gegen die Stimmen der CDU-Fraktion, den Fabrikkomplex zu kaufen. Zum 1. Oktober ging die Orgelfabrik in städtischen Besitz über. Das Kulturzentrum Orgelfabrik e. V. gestaltete weiterhin das Programm. Als die Stadt aber dessen Bemühungen um einen Generalmietvertrag 1989 eine endgültige Absage erteilte, kündigte Hartmann als erster für den Kunstverein die aktive Mitarbeit im Verein auf. Die beiden wichtigsten Programmmacher, Tollhaus und wirkstatt, bezogen 1992 eigene Domizile im alten Schlachthof und im Gewerbehof in der Steinstraße. Durch diese Entwicklung flaute nicht nur der Kulturbetrieb in der Halle auf wenige Veranstaltungen ab, sondern der Trägerverein stand 1992 auch kurz vor seiner Auflösung.

Um dieser unbefriedigenden Situation ein Ende zu bereiten, initiierten die beiden Durlacher Ortschaftsräte Günther Malisius und Hildegund Brandenburger – nach vorbereitenden Treffen mit Gleichgesinnten und Gesprächen mit Vertretern der Stadtverwaltung – am 6. Oktober 1993 die Gründung eines neuen Vereins, Die Orgelfabrik – Kultur in Durlach e. V. Das noch im selben Jahr mit allen Beteiligten beschlossene Nutzungskonzept, welches ein gleichrangiges Angebot der verschiedenen Kunst- und Kultursparten vorsah, hat bis heute Geltung: Die Stadt als Eigentümerin des Gebäudes kann jederzeit Veranstaltungen durchführen; Interessenten wenden sich direkt an das zuständige Kulturamt. Der Verein kann zwei Monate im Jahr – von Juni bis Anfang Juli und von Dezember bis Anfang Januar – das Hallenprogramm selbst gestalten; seit 2001 findet beispielsweise im Dezember regelmäßig die Artvent, eine Verkaufsausstellung für Kunsthandwerk, statt. Das "Theater in der Orgelfabrik" bespielt jährlich von Anfang Juli bis Anfang Oktober die Orgelhalle.

Neben der Programmorganisation und Mittlerfunktion für Kulturschaffende sah der Verein die Sanierung des Gebäudes als zweite wichtige Aufgabe an. Von 1995 bis 1998 wurden unter der Leitung des städtischen Hochbauamts die wichtigsten Maßnahmen (Heizung, Fenster, Bausicherung und Eingangsbereich) durchgeführt. Das provisorische Foyer wurde 2003 durch zwei motorbetriebene Sonnensegel ersetzt. Für Personen und Vereinigungen, die sich in besonderer Weise um die Orgelfabrik verdient gemacht haben, verleiht der Verein seit 1998 in unregelmäßigen Abständen die Silberne Orgelpfeife.

Als das Kabarett Die Spiegelfechter e. V. aufgrund der Übernahme des Theaters Die Insel durch das Badische Staatstheater 1999 seine Spielstätte verlor, fand es im zweiten Obergeschoss des Querbaues der Orgelfabrik ein neues Domizil. Seit Sommer 2003 hat der Verein "OrgelFabrik" das erste Obergeschoss des Querbaues angemietet. Hier im OrgelFabrikSalon findet einmal im Monat die "DonnerstagsReihe" mit Vorträgen, Lesungen, Klein-Theater, Konzerten etc. statt. Außerdem gibt es pro Quartal eine Ausstellung im Salon.

Durch das Zusammenspiel von vier verschiedenen kulturschaffenden und -organisierenden Einrichtungen an einer Wirkstätte hat sich die Orgelfabrik mit ihrem abwechslungsreichen Veranstaltungsprogramm als feste Größe in der Karlsruher Kulturszene etabliert. Seit dem Frühjahr 2020 ist die Arbeit in der Kulturstätte aufgrund der COVID-19-Pandemie schweren Einschnitten und Belastungen ausgesetzt. Mit dem auf dem Karlsburg-Vorplatz und auf dem Alten Friedhof Open Air durchgeführten Kultursommer Durlach 2020 versuchten zwar der Verein "OrgelFabrik" und das Stadtamt Durlach ein kurzzeitiges Kulturangebot zu schaffen, das aber in der derzeitigen Krise nicht wirklich eine Alternative darstellen konnte.

Katja Förster 2021

Literatur

Günther Malisius: Kulturproduktion statt Orgelbau. 20 Jahre Die Orgelfabrik – Kultur in Durlach e. V., hrsg. von Die Orgelfabrik – Kultur in Durlach e. V., Karlsruhe 2013; https://www.orgelfabrik-verein.de (Zugriff am 18. Mai 2021); http://www.theaterinderorgelfabrik.de (Zugriff am 18. Mai 2021); https://spiegelfechter.de (Zugriff am 18. Mai 2021).