Oberprima des Mädchengymnasiums in den Räumen des heutigen Fichte-Gymnasiums, 1911, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS IV 226.

Mädchengymnasium

Am 11. September 1893 eröffnete die Leiterin des fünf Jahre zuvor als Deutscher Frauenverein Reform gegründeten und 1891 in Frauenbildungs Reform umbenannten Vereins Hedwig Kettler, in Anwesenheit zahlreicher Repräsentanten des öffentlichen Lebens, in der Aula der Höheren Mädchenschule, Sophienstraße 14, das erste Mädchengymnasium Deutschlands, das mit 22 Schülerinnen startete.

Zuvor war Frauen der Zugang zu den Universitäten verwehrt. Erst nach der Gründung des Mädchengymnasiums konnten 1899 die ersten Abiturientinnen von Karlsruhe aus auf die Universitäten in Baden gehen. Zu ihnen gehörte Rahel Goitein, die Tochter des Karlsruher Rabbiners der orthodoxen Austrittsgemeinde Dr. Gabor Goitein. Drei der ersten Abiturientinnen studierten, eine von ihnen, Magdalena Meub, Tochter eines Bäckermeisters, wurde die erste immatrikulierte Studentin an der Technischen Hochschule Karlsruhe.

Untergebracht war das Mädchengymnasium zunächst in der Waldstraße 83, in einer Wohnung "mit Steiltreppen" im dortigen Volksschulgebäude, das bis 1905 komplett der benachbarten Höheren Töchterschule, heute Fichte-Gymnasium, zugewiesen wurde. Als sich 1897 abzeichnete, dass die Schule als private Institution nicht mehr weitergeführt werden konnte, übernahm die Stadt im folgenden Jahr das Gymnasium als Teil der Höheren Töchterschule und gab ihm damit den Status einer öffentlichen Schule mit fest besoldeten Lehrkräften.

Die Mädchen kamen im Alter von 13 bis 14 Jahren in das Mädchengymnasium, nachdem sie zuvor drei Vorschulklassen sowie die vier untersten Klassen der Höheren Mädchenschule durchlaufen hatten. Die sechs Gymnasialjahre entsprachen den Klassen eines Reformgymnasiums für Jungen, beginnend in der Untertertia mit Latein, in der Untersekunda mit Griechisch.

1911 musste die Höhere Töchterschule wegen der hohen Schülerinnenzahl geteilt werden, zwölf Klassen zogen in die neue Lessingschule, heute Lessing-Gymnasium, am Gutenbergplatz und mit ihnen die sechs Klassen des Mädchengymnasiums. Dort firmierte die Schule als Mädchenrealschule mit Mädchengymnasium, in der Weimarer Republik wurde daraus eine Mädchenrealschule mit Mädchengymnasium und realgymnasialer Abteilung.

Wenn also heute gleich zwei Karlsruher Gymnasien sich in der Kontinuität des ersten deutschen Mädchengymnasiums sehen, sind sowohl das Fichte-Gymnasium in dem Gebäude der Höheren Töchterschule als auch das Lessing-Gymnasium im Gebäude der Lessingschule durchaus im Recht.

Ernst Otto Bräunche 2018

Quellen

Chronik der Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe für das Jahr 1893, Karlsruhe 1893, S. 47, https://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/literatur/chronik/HF_sections/content/ZZmmyiutvK6F3p/10_Dq1_Karl_Chronik_1893.pdf (Zugriff am 23. Januar 2018); Karlsruhe 1911. Festschrift. Der 83. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte gewidmet von dem Stadtrat der Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe, Karlsruhe 1911, S. 413-415; Verwaltungsbericht der Landeshauptstadt Karlsruhe 1928, Karlsruhe 1929, S. 168.

Literatur

Susanne Asche: Fürsorge, Partizipation und Gleichberechtigung – die Leistungen der Karlsruherinnen für die Entwicklung der Gleichberechtigung (1859-1914), in: Susanne Asche/Barbara Guttmann/Olivia Hochstrasser/Sigrid Schambach/Lisa Sterr: Karlsruher Frauen 1715-1945. Eine Stadtgeschichte, Karlsruhe 1992, S. 171-256 (= Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Bd. 15), http://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/frauengeschichte/frauen1715 (Zugriff am 23. Januar 2018).