Einweihung des Neubaus der Helene-Lange-Schule (heute Elisabeth-Selbert-Schule) in der Steinhäuserstraße 25, September 1970, Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A20/69/3/23.

Helene-Lange-Schule

Die Helene-Lange-Schule geht auf die 1873 durch den Badischen Frauenverein unter Mitwirkung des Karlsruher Stadtrats gegründete Fortbildungsschule für Mädchen zurück. Die Einrichtung war als weiterführende Schule für konfirmierte Volksschulabsolventinnen der „mittleren Stände“ gedacht, die innerhalb eines Jahres ihr Allgemeinwissen vertiefen und Fertigkeiten für das praktische Leben erwerben konnten. Der allgemeine, täglich in den Nachmittagsstunden stattfindende Unterricht umfasste Deutsch mit Geschäftsaufsätzen und Briefen, Rechnen mit Formenlehre und Buchführung, Naturkunde einschließlich Gesundheitspflege, Geografie und vaterländische Geschichte, elementares Zeichnen sowie weibliche Handarbeiten für den Hausbedarf. Französisch, Englisch, kunstgewerbliches Zeichnen und weibliche Handarbeiten zu gewerblicher Ausübung wurden zusätzlich bei ausreichender Nachfrage als Unterrichtsfächer angeboten. Die Schulräume befanden sich im Obergeschoss des an der Herrenstraße gelegenen Gartenschlösschens.

Bei der Eröffnung der Schule am 12. Mai 1873 waren auch Großherzogin Luise als Protektorin des Badischen Frauenvereins, Wilhelm Lauter als Oberbürgermeister und Adolf Armbruster als technischer Leiter der Lehranstalt anwesend. Zum Schuljahr 1874/75 wurde der Handarbeitsunterricht um Nähen und Kleidermachen erweitert und außerdem im Gartenschlösschen ein Penisonat für auswärtige Schülerinnen eingerichtet, die auch in Haushaltung (Kochen, Waschen, Bügeln) unterwiesen wurden.

Mit der Wiedereinführung der Fortbildungsschulpflicht (Gesetz vom 18. Februar 1874) entstand neben der bisherigen Mädchenfortbildungsschule, die künftig als Luisenschule firmierte, auch eine städtische Fortbildungsschule für Mädchen, die dem Ortsschulrat unterstellt war und sich zunächst auf verschiedene, immer wieder wechselnde Stadtschulen verteilte, bis ihr 1889 das Schulhaus in der Kriegsstraße 44 als festes Domizil zugewiesen wurde. Zu diesem Zeitpunkt zählte die Schule knapp 400 Schülerinnen in zehn Klassen.

Auf Ministerialverordnung vom 26. November 1891 wurde es Gemeinden mit Genehmigung der Oberschulbehörde erlaubt, Mädchenfortbildungsschulen auch als Haushaltungsschulen zu führen. Die Schülerinnen des hauswirtschaftlichen Zweiges sollten neben Kochen in allen haushaltsrelevanten Arbeiten ausgebildet werden. Bis zu 36 Schülerinnen durfte eine Klasse umfassen, beim Kochunterricht waren jedoch nur Gruppengrößen von sechs Auszubildenden erlaubt. Der Badische Frauenverein, dessen Fortbildungsschule inzwischen in die Leopoldstraße 61 verlegt worden war, richtete 1892 eigens ein Seminar ein, in dem Lehrerinnen speziell für die Erteilung des hauswirtschaftlichen Unterrichts ausgebildet wurden.

Karlsruhe zählte 1892 zu den ersten vier Städten in Baden, die neben der allgemeinen Fortbildungsschule auch eine Haushaltungsabteilung einführten. In den nächsten Jahren wurden in fünf Volksschulen, nämlich der Pestalozzi-, Karl-Wilhelm-, Linden-, Gutenberg- und Nebeniusschule, Schulküchen eingerichtet. Im Schuljahr 1908/09 belegten 269 Schülerinnen die allgemeine und 332 Schülerinnen die hauswirtschaftliche Abteilung.

Am 19. Juli 1918 wurde eine neue Verordnung für Fortbildungsschulen erlassen, welche die Schulpflicht für Knaben auf drei und für Mädchen auf zwei Jahre mit wöchentlich sechs Unterrichtstunden erhöhte. Zu den Pflichtfächern gehörten Religion, Deutsch, Rechnen und Lebenskunde, bei den Knaben noch Turnen, bei den Mädchen noch Hauswirtschaftslehre einschließlich Kleinkinderpflege. Karlsruhe machte von der im Gesetz gegebenen Ermächtigung Gebrauch und ging durch ortsstatuarische Bestimmungen über die gesetzlichen Forderungen hinaus, indem es auch für Mädchen die Schulpflicht auf drei Jahre und die wöchentlichen Unterrichtsstunden auf zehn erhöhte. Gleichzeitig wurden Handarbeiten, Gartenbau und Turnen als Pflichtfächer eingeführt. Zu Ostern 1922 trat die Verordnung in Kraft.

Zu Ostern 1926 verzeichnete die Karlsruher Fortbildungsschule 2.583 Schülerinnen von 14 bis 18 Jahren in 118 Klassen, die sich auf mittlerweile acht Schulhäuser verteilten. Schwerpunkt bildete der Kochunterricht, weil man die Mädchenfortbildungsschule mittelfristig in eine Berufsschule für künftige Hausfrauen umwandeln wollte, was dann im „Dritten Reich“ erfolgte. Auf Anordnung des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung wurden 1938 die allgemeinen Fortbildungsschulen für Mädchen in zwölf badischen Städten in Hauswirtschaftliche Berufsschulen, alle übrigen in „ländliche Berufsschulen für Mädchen“ umbenannt. Hedwig Hauer, Rektorin der Städtischen Hausfrauen- und Frauenfachschule, wurde auch Leiterin der Hauswirtschaftlichen Berufsschule in Karlsruhe, die sich inzwischen auf elf Schulhäuser zwischen Durlach und Daxlanden erstreckte.

Bis 1944 blieb der Schulunterricht weitgehend aufrechterhalten. Dann wurden alle Schülerinnen des dritten Jahrgangs vom Unterricht freigestellt, um als Arbeitskräfte in der Rüstungsindustrie eingesetzt zu werden. Nach den Luftangriffen im September und Anfang Dezember des Jahres wurde der Schulbetrieb ganz eingestellt.

Zum 16. September 1946 konnte die Hauswirtschaftliche Berufsschule unter der Leitung von Maria Kamm, die seit 1925 als Lehrerin an der Karlsruher Mädchenfortbildungsschule tätig war, mit dem ersten Jahrgang wiedereröffnet werden. Gleichzeitig begann man, die Schulküchen in der Tulla-, Nebenius-, Hardt-, Uhland-, Pestalozzischule und der Daxlander Volksschule instandzusetzen oder neu einzurichten. Als Alternative zur dreijährigen Berufsschule wurde dieser 1955 eine einjährige Haushaltungsschule angeschlossen. 1956 wurde die Schule dem Oberschulamt unterstellt. Die wachsende Zahl an „Gastarbeitern“ seit Anfang der 1960er-Jahre ließ den berufsschulpflichtigen Anteil an ausländischen Schülerinnen anwachsen. Daher wurden an der hauswirtschaftlich-pflegerischen Schule ab 1965 auch italienische, jugoslawische und gemischte Nationalitätenklassen eingerichtet, um die Sprachkenntnisse dieser Schülerinnen durch zusätzlichen Deutschunterricht zu fördern. Die ohnehin angespannte Raumsituation in den sechs Volksschulen spitzte sich dadurch noch weiter zu.

Mit dem zwischen 1966 und 1970 errichteten Neubau in der Steinhäuserstraße 25 erhielt die Schule ihr erstes eigenes Schulhaus. Der für rund 900 Schülerinnen konzipierte Komplex bestand aus einem viergeschossigen Längstrakt mit den Räumen für den theoretischen Unterricht, die Verwaltung und Direktion sowie einem eingeschossigen Flachbau, der durch vier Innenhöfe strukturiert alle für die praktische Ausbildung benötigten Räumlichkeiten wie Lehrküchen mit Essabteilungen, Waschküche mit Trocken- und Bügelzimmer oder auch Säuglings- und Krankenpflegerinnenzimmer aufnahm. Durch den Neubau war es für die Schule endlich möglich, in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ihr Bildungs- und Berufsausbildungsangebot auszubauen. 1973 wurde die einjährige hauswirtschaftliche Sonderberufsfachschule, 1976 die Berufsaufbauschule, 1977 die Grundstufe für Hotel- und Gaststättenberufe, 1979 das Berufsvorbereitungsjahr (seit 1987 als Regelschule), 1985 die Berufsfachschule für Kinderpflege und 1991 die Berufsfachschule für Altenpflege eröffnet.

Die seit 1973 nach der Frauenrechtlerin Helene Lange benannte Berufs-, Berufsfach- und Berufsaufbauschule wurde zum Schuljahr 1996/97 mit der benachbarten Gertrud-Bäumer-Schule, einer ebenfalls hauswirtschaftlich-pflegerisch und sozialpädagogisch ausgerichteten Lehranstalt, zur Elisabeth-Selbert-Schule vereinigt.

Katja Förster 2021

Quellen

StadtAK 1/H-Reg 11230; 20 Jahre Helene-Lange-Schule [Festschrift], hrsg. von der Helene-Lange-Schule mit Unterstützung des Freundeskreises, [Karlsruhe 1990]; Karlsruher Tagblatt vom 15. März 1873 (Fortbildungsschule für Mädchen), https://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/date/day/2411037?d=1874-03-18 (Zugriff am 10. April 2021); Badische Landeszeitung vom 7. März 1874 (Kirche und Schule), https://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/date/day/2935014?d=1874-03-07 (Zugriff am 10. April 2021); Gesetz- und Verordnungsblatt für das Großherzogtum Baden, Jg. 1874, Nr. 9, 27. Februar 1874, S. 107-109, ebd., Jg. 1891, Nr. 25, 12. Dezember 1891, S. 235-237; Badische Presse vom 3. Juni 1909 (Der hauswirtschaftliche Unterricht an badischen Mädchenfortbildungsschulen), https://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/date/day/2411029?d=1909-06-03 (Zugriff am 10. April 2021); Ministerialblatt für die badische innere Verwaltung, Jg. 1937, Nr. 52, 17. Dezember 1937, S. 1335 ff.; Amtsblatt des Badischen Ministeriums des Kultus und Unterrichts, Jg. 1938, Nr. 11, 11. Juni 1938, S. 71 ff.; Badische Neueste Nachrichten (BNN) vom 14. September 1946 (amtliche Bekanntmachung), https://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/date/day/4639238?d=1946-09-14 (Zugriff am 10. April 2021); Badische Volkszeitung vom 5. März 1964 (Neubau); BNN vom 2. Oktober 1970, 7. April 1976, 30. August 1984.

Literatur

Otto Behrendt (Hrsg.): Karlsruhe. Das Buch der Stadt, Karlsruhe 1926, S. 84-86, https://digital.blb-karlsruhe.de/3294693 (Zugriff am 10. April 2021).